Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Bundesweite Initiative wirbt für anonymisierte Bewerbungsverfahren
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Bundesweite Initiative wirbt für anonymisierte Bewerbungsverfahren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:49 04.08.2010
Von Marina Kormbaki
Das Berliner Familienministerium will künftig auf viele persönliche Angaben in Bewerbungen verzichten. Quelle: Nancy Heusel (Symbolbild)
Anzeige

Das Bundesfamilienministerium will künftig bei Bewerbungen um freie Stellen auf Angaben zu Alter, Geschlecht und Herkunft zugunsten von mehr Chancengleichheit verzichten. Dazu startet im Herbst ein bundesweites Pilotprojekt, an dem sich auch das Arbeits- und Integrationsministerium in Nordrhein-Westfalen sowie fünf große Unternehmen – darunter die Konsumgüterkonzerne L’Oreal und Procter & Gamble – beteiligen wollen. „Anonymisierte Bewerbungen können die Benachteiligung von türkischen Migranten, Frauen mit Kindern oder für ältere Menschen auf Stellensuche abbauen“, sagte am Mittwoch die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), Christine Lüders, auf deren Initiative das auf ein Jahr angelegte Projekt zurückgeht.

Der Vorstoß sieht vor, dass Bewerbungen künftig ohne ein Foto oder den Namen, die Adresse, das Geburtsdatum sowie Angaben zum Familienstand des Arbeitsuchenden beim Personalentscheider landen. „Ausschließlich die Qualifikation des Bewerbers soll im Mittelpunkt stehen“, sagte Lüders. Sie wolle den Unternehmen aber nicht mit dem Holzhammer verordnen, wie sie geeignete Mitarbeiter finden.

Anzeige

Bei den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft stieß der Vorschlag auf Ablehnung. „Für Unternehmer ist es wichtig, dass bereits die schriftliche Bewerbung alle Informationen enthält, die für die Stelle wichtig sind“, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks und verwies auf den „enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand“, den anonymisierte Bewerbungsverfahren mit sich brächten. Bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hieß es, solche Verfahren seien „personalwirtschaftlich nicht praxistauglich“. Zudem sei fraglich, ob im Lebenslauf aus Angaben über Ausbildungszeiten und Berufserfahrung nicht ohnehin auf bestimmte Merkmale des Bewerbers geschlossen werden könne, sagte ein BDA-Sprecher.

Der „Türkischen Gemeinde in Deutschland“ geht der Vorschlag dagegen nicht weit genug. „Der ganze Bewerbungsprozess muss frei von Diskriminierung ablaufen“, sagt Serdar Yazar vom Bundesvorstand. Dazu könnte die Einstellungspraxis von Unternehmen mithilfe unabhängiger Testbewerber geprüft werden.

Die Initiative der Antidiskriminierungsbeauftragten stützt sich auf Forschungsergebnisse der Universität Konstanz. Die Wissenschaftler hatten mehr als 1000 Bewerbungen auf Praktikumsstellen für Wirtschaftsstudenten verschickt. Dazu verwendeten sie inhaltlich gleichwertige Bewerbungsunterlagen, denen per Zufall ein Name eindeutig deutscher oder türkischer Herkunft zugeordnet wurde. Das Ergebnis: Bewerber mit türkischen Namen erhielten 14 Prozent weniger positive Antworten. In kleineren Unternehmen hatten Bewerber mit türkischen Namen sogar eine um 24 Prozent geringere Chance auf ein Vorstellungsgespräch.

Beim Weltkonzern L’Oréal weiß man schon länger um das Potenzial einer ethnisch durchmischten Belegschaft. „Gemischte Teams sind kreativer – und somit auch erfolgreicher“, sagte eine Sprecherin. Wie das neue Einstellungsverfahren konkret aussehen soll, werde bei L’Oréal noch geprüft – ebenso im nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium. Dort will man zunächst bei Verwaltungs- und Referentenstellen in Landesbehörden Personalentscheidungen auf anonymer Datenbasis treffen.

Im niedersächsischen Sozialministerium verfolge man die Diskussion um anonyme Bewerbungen mit Interesse, sagte ein Sprecher des Hauses von Aygül Özkan (CDU) am Mittwoch. Zugleich verwies er aber auf die Grenzen anonymer Bewerbungsverfahren im Verwaltungsbereich, wo bei häufig anfallenden internen Stellenbesetzungen Personalakten unerlässlich seien.