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Deutschland / Welt „Wir müssen den planlosen Zubau stoppen“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Wir müssen den planlosen Zubau stoppen“
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00:15 22.08.2013
Von Jens Heitmann
Stephan Kohler ist seit 13 Jahren Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena), die zur Hälfte dem Bund gehört und zur anderen Hälfte der Förderbank KfW, der DZ Bank und der Deutschen Bank sowie der Allianz. Quelle: dpa
Hannover

Herr Kohler, private Haushalte zahlen bereits rund 5 Cent je Kilowattstunde und damit etwa ein Fünftel ihrer Stromrechnung für die Förderung erneuerbarer Energien. Die EEG-Umlage wird 2014 erneut steigen – geht das immer so weiter?

Wenn wir das Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht ändern, dann werden jedes Jahr Windkraft- und Photovoltaikanlagen mit einer Kapazität von etwa 9000 Megawatt dazukommen – das liefe dann auf eine Steigerung der EEG-Umlage von 1,5 Cent je Kilowattstunde jährlich hinaus. Zumindest bis 2020, dann fallen die ersten alten Anlagen aus der Förderung heraus.

Die Lobby der Erneuerbaren argumentiert, dass der Ökostrom die Preise an der Strombörse stark sinken lässt – die Energieversorger diese Preisvorteile aber nicht an ihre Kunden weitergeben.

Die Mechanik ist aber eine andere: Das Problem ist die hohe gleichzeitige Einspeisung von Ökostrom ins Netz. Wenn in Deutschland die Sonne scheint, scheint sie auf viele kleine Anlagen gleichzeitig – zusammen wirkt das wie ein riesiges Großkraftwerk. Da tauchen dann auf einen Schlag 25.000 Megawatt im Netz auf. Diesen Strom braucht aber oft niemand, folglich ist der Strom an der Börse nichts wert. Wir verschenken den Strom dann sogar ins Ausland. Davon haben die Verbraucher nichts – im Gegenteil: Über die EEG-Umlage müssen sie den Betreibern von Windkraft- und Solaranlagen die Differenz zwischen Börsenpreis und der fixen EEG-Einspeisevergütung bezahlen.

Alle Parteien wollen die Förderung des Ökostroms reformieren – im Prinzip zumindest. Was muss konkret passieren?

Wir müssen den planlosen Zubau stoppen. Bisher darf jeder eine Windkraft- oder Solaranlage bauen, wo immer er will. Und jeder hat einen Anspruch darauf, vom Netzbetreiber angeschlossen zu werden – auch wenn in seiner Region kein Abnehmer für diesen Strom vorhanden ist. Und eine feste Vergütung gibt es auch noch. Dieses Prinzip müssen wir umkehren: Neue Anlagen dürfen erst gebaut werden, wenn es ein Netz gibt und die Betreiber Abnehmer für ihren Strom nachweisen.

Also keine feste Einspeisevergütung mehr – und auch ein Ende für die Vorfahrt von Ökostrom im Netz?

Richtig. Wer Ökostrom erzeugt, soll ihn auch selbst vermarkten. Ich bin sicher, dass es hier sehr schnell neue innovative Lösungen geben wird. Seit Jahren ist auf Messen schon die Rede von intelligenten Netzen und Stromzählern – durch das bisherige Fördersystem fehlen aber die Anreize. Das EEG ist auch ein Hemmnis für Innovationen.

Die Planungen für die Energiewende basieren vor allem auf großen Windparks im Meer. Der Ausbau hängt weit hinter den Zielen zurück, auch weil die Betreiber die hohen Risiken fürchten. Sollen die Offshore-Parks sich auch selbst vermarkten?

Nein, aber auch bei den Windparks vor der Küste kann etwas mehr Wettbewerb nicht schaden. Hier sollte man eine bestimmte Leistung ausschreiben, und der kostengünstigste Anbieter bekäme den Zuschlag und eine entsprechende Vergütung. Wir benötigen Offshore-Windparks für die Erreichung unserer Ziele, weshalb wir sie entwickeln müssen.

Nachbarländer denken darüber nach, deutschen Ökostrom nicht mehr in ihr Netz zu lassen, weil darunter die Wirtschaftlichkeit ihrer Kraftwerke leidet. Was hieße das für die Versorgung hierzulande?

Dann können wir unsere überschüssige Leistung nicht mehr auf andere abschieben – mit der Konsequenz, dass wir häufiger Kraftwerke in Deutschland herunterfahren müssen. Das ist einfache Physik. Und es wird auch dazu führen, dass wir Windparks vom Netz nehmen. Deren potenzielle Erzeugung würde aber trotzdem vergütet, was die EEG-Umlage weiter nach oben treibt.

Das Überangebot an Ökostrom drängt immer mehr Gas- und Steinkohlekraftwerke aus dem Netz. Diese sollen aber einspringen, wenn weder der Wind weht noch die Sonne scheint. Wie kann man diese Kapazitäten bewahren?

Wir werden die Betreiber konventioneller Anlagen künftig nicht nur auf der Basis von gelieferten Kilowattstunden bezahlen können – es muss auch einen Preis für ihre potenzielle Leistungsbereitschaft geben, also einen Markt für Kapazitäten. Die vier großen Netzbetreiber sollten sich zusammenschließen, Last- und Verbrauchsprognosen erstellen und dann die benötigte (Sicherheits-)Leistung ausschreiben – und zwar europaweit.

Aktuell sind ausgerechnet Braunkohlemeiler die größten Gewinner der Energiewende, weil sie am billigsten produzieren. Bei Ausschreibungen würden diese Dreckschleudern wieder vorn liegen …

Das lässt sich durch Effizienzkriterien verhindern: Man muss Grenzwerte festlegen – für den Wirkungsgrad, also für die Energieausbeute, und auch für die Höhe der Emissionen. An der Ausschreibung dürfen nur die Kraftwerke teilnehmen, die die Grenzwerte unterschreiten.

Im Jahr 2022 wird das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet. Wie sicher wird die Stromversorgung dann sein?

Spannend wird es schon 2015: Dann geht das AKW Grafenrheinfeld in Bayern vom Netz – und wenn bis dahin die neue Hochspannungstrasse über Thüringen nicht fertig ist, gibt es Probleme. Denn der Atomausstieg ist insbesondere für Süddeutschland eine Herausforderung: Zwei Drittel der AKW-Kapazität steht südlich von Frankfurt. Dort sind aber bisher nicht ausreichend Ersatzkraftwerke vorhanden. Deshalb ist schnelles Handeln notwendig, besonders für Bayern und Baden Württemberg.

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