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Deutschland / Welt China und USA streiten um den Yuan
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt China und USA streiten um den Yuan
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19:40 18.11.2009
US-Präsident Barack Obama und sein chinesischer Amtskollege Hu Jintao. Quelle: afp
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Zwar zeigte sich US-Präsident Barack Obama nach außen hin „erfreut über Aussagen der chinesischen Seite, sich im Lauf der Zeit auf Wechselkurse zuzubewegen, die mehr am Markt orientiert sind.“ Doch statt konkreter Zusagen erhielt Obama von seinem Amtskollegen Hu Jintao den Vorwurf, selbst Handelsbarrieren aufzubauen, zuletzt beispielsweise durch Strafzölle auf chinesische Stahlrohre oder Autoreifen. Für die Weltwirtschaft sei es von entscheidender Bedeutung, „noch härter gegen den Protektionismus in all seinen Erscheinungsformen anzukämpfen“, kritisierte Hu. Der Ball liegt damit im Feld des jeweils anderen.

Der Disput schwelt schon seit Jahren. Die USA – und mit ihnen andere westliche Industrienationen – sind überzeugt davon, dass die Volksrepublik ihre Währung vorsätzlich billig hält, um ihren Exporten auf den Weltmärkten unfaire Preisvorteile zu verschaffen.

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China hält dagegen, dass seine Wirtschaft sich erst noch weiter entwickeln müsse, bevor der Kurs des Yuan, der nicht frei handelbar und de facto an den Dollar gekoppelt ist, ganz vom Markt bestimmt werden könne. Zuletzt benutzte Peking außerdem die amerikanischen Versäumnisse bei der Finanzmarktregulierung sowie den Verfall des Dollarkurses, um sich gegen diese Vorhaltungen zu verwehren.

Dass der staatlich bestimmte Kurs den Yuan – auch Renminbi genannt – künstlich billig macht, gilt unter Experten als relativ unbestritten. Die Verfälschung wird auf bis zu 30 Prozent geschätzt. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Renminbi unterbewertet ist“, erklärte der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. „Es ist nicht nur im Interesse der globalen Wirtschaft, sondern auch im Interesse Chinas, die Währung neu zu bewerten, denn falsche Preise führen zu falschen Entscheidungen, besonders bei Investitionen.“

Ein grober Maßstab für den Schaden, der anderen Ländern dadurch entsteht, ist der Handelsbilanzüberschuss der Volksrepublik, der im vergangenen Jahr bei rund 290 Milliarden Dollar lag. Insgesamt hat die Volksrepublik im Zuge ihres wirtschaftlichen Aufstiegs Devisen im Wert von 2270 Milliarden Dollar angehäuft.

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hatte kürzlich darauf hingewiesen, dass unter Chinas Währungspolitik nicht nur die westlichen Industrienationen litten, sondern vor allem arme Länder. „Normalerweise gehöre ich zu den Ersten, die sich gegen Vorwürfe wenden, China stehle die Jobs anderer Leute“, erklärte Krugman. „Aber im Moment ist es die schlichte Wahrheit.“
Trotzdem lässt sich China nicht unter Druck setzen. So erklärte der stellvertretende Handelsminister Chen Jian noch kurz vor der Ankunft von US-Präsident Obama in Peking, es sei keine Währungsanpassung geplant. Damit versuchte er, Gerüchte, die in der vergangenen Woche aufgekommen waren, zu zerstreuen, wonach die chinesische Zentralbank den Kurs des Yuan nicht mehr an den Dollar koppeln wolle, sondern an einen Devisenkorb.

Eine ähnliche Umstellung hatte es bereits im Jahr 2005 gegeben, woraufhin der Wert des Yuan über einen Zeitraum von zwei Jahren um 20 Prozent gestiegen war. Danach hatten Chinas Staatsbanker den Yuan allerdings stabil gehalten und seit Mitte vergangenen Jahres wieder de facto an die US-Währung gebunden.

Washingtons Finanzbeamte hatten nach Obamas Amtsübernahme versucht, den Streit um den Yuan nicht mehr in der Öffentlichkeit zu führen – offenbar um die Chinesen nicht zu verärgern. Jüngst hatten Mitarbeiter des Finanzministeriums in einem Bericht an den US-Kongress sogar erklärt, man beobachte in China derzeit keine Währungsmanipulation – eine Behauptung, die Krugman mit dem Satz kommentierte: „Die machen wohl Witze, oder?“

Doch je lauter China seine Protektionismusvorwürfe erhebt, umso mehr könnte sich auch Washington gezwungen sehen, den Disput wieder in der öffentlichen Arena auszutragen. Recht haben dabei beide Seiten – aber nur, was ihre Beschwerden gegenüber dem jeweils anderen angeht.

Bernhard Bartsch