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Deutschland / Welt Heinz-Gerhard Wente geht in Ruhestand
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Heinz-Gerhard Wente geht in Ruhestand
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09:06 02.05.2015
Von Lars Ruzic
Conti-Manager Heinz-Gerhard Wente. Quelle: dpa
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Hannover

Einmal noch durch die Fabrik. Durch den Backsteinbau mit seinen verwinkelten Gängen und Gassen, in denen man keine Hightech-Produktion mehr vermuten würde. Heinz-Gerhard Wente geht strammen Schrittes. Jeden Winkel kennt er hier im Werk Vahrenwald – jener Fabrik im Zentrum Hannovers, an die sie einst die Konzernzentrale von Continental angebaut hatten. Den würzigen Duft des Gummis, das hier zu Keilriemen oder Luftfedern verarbeitet wird, nimmt er schon lange nicht mehr wahr. Kein Wunder: Es ist 46 Jahre her, dass er ihn das erste Mal gerochen hat.

Die Mitarbeiter lächeln Wente zu, einige umarmen ihn. Sie wissen nur zu gut, dass dies der letzte Besuch ihres Chefs im Werk in dieser Funktion ist. Mit dem Ablauf der Hauptversammlung geht der Kaufmann in den Ruhestand. „Den hat er sich auch verdient“, sagt einer aus der Mannschaft. Und die anderen nicken dazu.

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Mit Heinz-Gerhard Wente räumt ein Managertyp seinen Stuhl, der selten geworden ist in internationalen Großkonzernen. Einer, der es vom Lehrling zum Konzernvorstand gebracht hat. Einer, der bis zur Rente nur einem Unternehmen treu geblieben ist. Einer, der aus der Region kommt, die sein Arbeitgeber mitgeprägt hat. Einer, der weder Auslands- noch Karriereprogramme brauchte, um zu überzeugen. Der einfach einen Schritt nach dem anderen gegangen ist – und dabei freilich das nötige Glück hatte. „Es gab zu jedem Zeitpunkt und an jeder Stelle immer wieder neue Herausforderungen im Unternehmen“, sagt der 64-Jährige.

Wente ist ein Kind der Conti-Tochter Contitech, jenes kleinen Mischkonzerns  im Konzern, der von Schläuchen über Transportbänder bis hin zu Autofolien oder Drucktüchern Tausende Produkte in acht Geschäftsbereichen herstellt, die Otto Normalbürger in der Regel entweder gar nicht kennt – oder nicht der Conti zuordnen würde. Es gibt kaum eine Contitech-Sparte, die Wente als Mitarbeiter oder Manager nicht erlebt hätte.

Hier „ticken“ sie schon immer etwas anders als im Mutterkonzern. Denn hier zählt Konstanz noch etwas. „In unserer Industrie können wir den Kunden nicht alle zwei Jahren mit neuen Key-Account-Managern kommen“, umschreibt es der gebürtige Nettelreder. Deshalb ist Contitech wie auch die Reifensparte für langjährige Karrieren bekannt. Im Konzern umschreiben sie das gern mit zwei Worten: „Gummi klebt.“

Ausgerechnet als es der verheiratete Vater dreier Töchter 2007 in die Konzernspitze geschafft hatte, wurde diese Haftfähigkeit auf eine harte Probe gestellt. Kurz darauf übernahm Conti Siemens VDO, übernahm Schaeffler Conti – und die Finanz- und Wirtschaftskrise ließ alle drei gemeinsam ins Trudeln geraten. Hinzu kamen Zerwürfnisse mit dem Großaktionär: Ein Vorstand nach dem anderen ging. Wente und zwei Kollegen führten einen Zulieferriesen, der heute neun Vorstände zählt. Wente war gleichzeitig Arbeitsdirektor, Einkaufs- und Contitech-Chef. Und wusste trotzdem nicht so richtig, wie es weitergehen soll. Das den Beschäftigten gegenüber einzugestehen, sei damals nicht leicht gewesen, räumt er ein. Aber zur Offenheit des IHK-Vizepräsidenten gehört, sich auch dann nicht wegzuducken.

Das ist überstanden, Conti mit seinen 200.000 Beschäftigten steht heute besser da denn je, und Wente hat gerade mit der 1,4 Milliarden Euro schweren Übernahme des Konkurrenten Veyance seine Karriere gekrönt. Das Amt übergibt er an Hans-Jürgen Duensing – einen Mann mit ganz ähnlicher Conti-Vita.

Wente selbst hat sich zumindest für den Mai erst einmal vorgenommen, „keinen Plan zu haben“ und die letzten beiden Heimspiele von Hannover 96 mit seinen sieben Freunden in der Nordkurve zu genießen – sofern ihm die Mannschaft den Gefallen tut. Dass sein Leben nun ein anderes wird, wird er schon morgen merken. Sonntags war für den Manager die folgende Woche immer haarklein durchgeplant. Und der Schmerz über die Pleiten von 96 schnell wieder vergessen. Zumindest die Arbeit kann ihn davon nun nicht mehr ablenken.