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Deutschland / Welt „Nicht rund um die Uhr erreichbar sein“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Nicht rund um die Uhr erreichbar sein“
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10:09 30.04.2015
Foto: "Wir brauchen ganz sicher ein Recht auf Log off" -  DGB-Chef Reiner Hoffmann
"Wir brauchen ganz sicher ein Recht auf Log off" - DGB-Chef Reiner Hoffmann Quelle: dpa
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Herr Hoffmann, ist der Tag der Arbeit am 1. Mai mit roten DGB-Fahnen und kämpferischen Reden ein Ritual, Selbstvergewisserung oder was bedeutet er für Sie?

Der Tag der Arbeit ist deutlich mehr als ein Ritual. Wir werden dieses Jahr auf den Kundgebungen im ganzen Land unter dem Motto auf die Straße gehen: Die Arbeit der Zukunft gestalten wir! Uns geht es um wichtige Zukunftsfragen, die wir anpacken müssen. Wir haben soziale Verhältnisse, die mit sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun haben. Obwohl die Wirtschaft boomt, arbeitet ein Viertel der Menschen im Niedriglohnsektor. Das nehmen wir nicht hin.

Wirkt der Mindestlohn nicht?

Der Mindestlohn ist ein erster, wichtiger Schritt, der nun auch überall durchgesetzt werden muss. Wir brauchen aber weitere Schritte, etwa klare gesetzliche Regelungen gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die Regierung muss endlich gesetzliche Regeln gegen den Missbrauch von Werkverträgen und Leiharbeit verabschieden.

Passen die gewerkschaftlichen Strukturen und Arbeitskampfmethoden des 20. Jahrhunderts zur modernen Industrie 4.0, von der jetzt so viel die Rede ist?

Es passt auf jeden Fall der Grundsatz: Ein Betrieb – ein Tarifvertrag. Damit wird garantiert, dass Beschäftigte eines Unternehmens nicht gegen andere ausgespielt werden können und nicht durch die Durchsetzung von Partikularinteressen die Belegschaft gespalten wird. Dass wir an wichtigen Prinzipien festhalten, heißt aber nicht, dass Gewerkschaften nicht auf die Veränderungen der modernen Arbeitswelt, die immer vernetzter wird, reagieren. Wir müssen den Strukturwandel sozial gestalten.

Aber nicht alle DGB-Gewerkschaften vertreten den hehren Grundsatz?

Falsch, alle acht DGB-Gewerkschaften vertreten den Grundsatz „Ein Betrieb – ein Tarifvertrag“ uneingeschränkt.

Dennoch kommt vom DGB Kritik an Nahles’ Gesetzentwurf zur Tarifeinheit.

Wir teilen die Grundidee des Gesetzes, dass da, wo es Gewerkschaftspluralität gibt, gemeinsam im Interesse der Beschäftigten verhandelt werden sollte. Klar ist aber auch, dass es nur ein verfassungskonformes Gesetz geben darf. Einen Eingriff in das Streikrecht werden wir nicht hinnehmen.

Die nicht zum DGB gehörende Lokführergewerkschaft GDL wird das nicht beeindrucken.

Ich kann an die GDL nur appellieren, wieder in die Tarifgemeinschaft mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, der EVG, zurückzukehren.

Über das Smartphone in der Tasche können Beschäftigte praktisch ständig erreichbar sein. Brauchen wir ein Recht auf Abschalten?

Wir brauchen ganz sicher ein Recht auf Log off. Es darf nicht sein, dass Beschäftigte rund um die Uhr sieben Tage die Woche erreichbar sind. Es gibt bereits viele intelligente Betriebsvereinbarungen, die das regeln. Aber es gibt leider zu wenige Unternehmen, die bereit sind, mit uns darüber zu verhandeln. Deshalb ist es notwendig, die Arbeitszeitgesetzgebung an die neuen Verhältnisse anzupassen.

Sie waren gerade zu Gesprächen in den USA. Ist Ihre Skepsis gegenüber dem Freihandelsabkommen TTIP nun größer oder kleiner geworden?

Ich bin nach den Gesprächen mit amerikanischen Regierungsvertretern eher skeptischer geworden. In drei Punkten bin ich mit meinen amerikanischen Kollegen vom Dachverband AFL-CIO einig: Erstens müssen die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO gelten. Zweitens darf es keine weitere Liberalisierung bei der öffentlichen Daseinsvorsorge geben. Und drittens ist die geplante Einführung von privaten Schiedsgerichten zur Regelung von Streitfragen zwischen Investoren und Staaten Unfug.

Also lieber kein TTIP als ein schlechtes?

Ein schlechtes Freihandelsabkommen lehnen wir ab. Wir brauchen vielmehr ein Abkommen, das fairen Handel fördert und das auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Vorteile bringt. Die Früchte der Globalisierung müssen endlich gerecht verteilt werden.

Interview: Reinhard Zweigler

Zur Person

Reiner Hoffmanns Vita liest sich wie die eines klassischen Gewerkschaftsfunktionärs: Der Sohn eines Maurers aus Wuppertal machte eine Ausbildung bei den Farbwerken Hoechst, es folgte der zweite Bildungsweg und ein Studium der Wirtschaftswissenschaften als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Nach verschiedenen Funktionen bei der gewerkschaftsnahen Stiftung ging der 59-Jährige zum Europäischen Gewerkschaftsbund nach Brüssel. Seit einem Jahr ist der passionierte Skatspieler und Langstreckenläufer DGB-Chef.

Stefan Winter 29.04.2015