Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Das sind die größten Probleme der Deutschen Bahn
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Das sind die größten Probleme der Deutschen Bahn
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:02 30.01.2019
Die Finanzierung der Milliarden Euro, die die Deutsche Bahn braucht, ist noch ungeklärt. Quelle: Boris Roessler/dpa
Berlin

Auch nach einem dritten Spitzentreffen im Bundesverkehrsministerium ist die künftige Finanzierung wichtiger Investitionen bei der Deutschen Bahn weiterhin offen. Nun seien die Koalition und der Bahn-Aufsichtsrat am Zug, sie müssten die notwendigen Entscheidungen treffen, sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol nach dem zweistündigen Gespräch am Mittwoch in Berlin. Demnach hätten sich Minister Andreas Scheuer (CSU), die Bahnspitze und Experten der Koalition hätten intensiv und ausschließlich über Finanzfragen diskutiert. Auch die Bahn teilte mit, dass „diesmal Fragen der Finanzierung“ im Vordergrund gestanden seien.

Dabei hören die Probleme der Deutschen Bahn nicht bei der Finanzierung auf. Sie ist wegen mangelnder Pünktlichkeit und teils unbefriedigender Servicequalität seit Wochen unter öffentlichem Druck. Der Staatskonzern ist mit rund 20 Milliarden Euro verschuldet. Die zusätzlichen Milliarden braucht er vor allem für die Modernisierung der Zugflotte sowie den Ausbau und die Sanierung des Schienennetzes. Ein Überblick über zentrale Probleme:

1. Verspätungen

Kunden der Deutschen Bahn mussten 2018 häufiger mit unpünktlichen Zügen rechnen als in den Jahren zuvor. Vor allem der Fernverkehr war unzuverlässig: Im Jahresdurchschnitt erreichten nur 74,9 Prozent der ICE, Intercitys und Eurocitys ihre Ziele pünktlich, teilte die Deutsche Bahn Anfang Januar mit. Der Konzern verfehlt damit sein angestrebtes Ziel von 82 Prozent pünktlichen Fernzügen deutlich. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Pünktlichkeit sogar, 2017 fuhren im Durchschnitt noch 78,5 Prozent der Züge fahrplanmäßig. Dabei gilt ein Zug mit weniger als sechs Minuten Verspätung als pünktlich.

Die Verspätungen lösen oftmals Unmut aus. Viele Kunden beschweren sich etwa auf Twitter über Verspätungen und Zugausfälle. Doch aus dem Debakel gehen auch kuriose Anekdoten hervor: Ex-Bahn-Chef Rüdiger Grube sagte jüngst der „Neuen Osnabrücker Zeitung: „Ich schäme mich, wenn ich teilweise die schlechten Leistungen erlebe, ich habe schließlich acht Jahre dort die Verantwortung gehabt.“ Eine Pendlerin strickte einen „Verspätungsschal“, den die Deutsche Bahn später auf Ebay ersteigerte – und das Satire-Magazin der Postillon witzelte nach Bekanntgabe der Bilanz 2018: „Gerichtsurteil: Deutsche Bahn muss für Winterfahrplan Glücksspiel-Lizenz beantragen.“ Ein Kommentar unter dem Video: „Ich dachte, der Postillon sei ein Satire-Magazin. Seit wann habt ihr euch auf reale Meldungen spezialisiert?“

Die Deutsche Bahn kündigte an, dass sich die Pünktlichkeit im Fernverkehr im Jahr 2019 um 1,6 Prozentpunkte auf 76,5 Prozent erhöhen werde. Dafür will das Unternehmen etwa die Mitarbeiter-Teams verdoppeln, die sich um die pünktliche Abfahrt von Zügen kümmern.

2. Bürokratie

Dem Fahrgastverband Pro Bahn zufolge ist die Bahn an vielen Stellen noch zu bürokratisch und die Strukturen nicht auf der Höhe der Zeit. Dies gelte beispielsweise bei der Übermittlung von Informationen – auch wenn die Bahn in dem Bereich an Verbesserungen arbeite. Ein Beispiel: In Stellwerken werden bestimmte Daten bei Störfällen noch immer händisch und nicht per Computer übermittelt. Dies mache die Bahn langsam und binde Kapazitäten, die dann womöglich an anderer Stelle fehlen.

Die Deutsche Bahn hat in der Vergangenheit auch hausinterne tiefgreifende Probleme zugegeben. Dazu gehören Engpässe auf dem Schienennetz angesichts steigender Fahrgastzahlen. Auch bei der Information der Fahrgäste bei Störungen im Zugverkehr sowie in der Organisation, etwa bei Baustellen-Fahrplänen, gibt es Potenzial, die Abläufe zu verbessern.

Die Bahn kündigte an, Kunden in den Bahnhöfen künftig besser zu informieren. Rund 80 Bahnhöfe sollen in den kommenden Monaten mit neuen Anzeigen, Monitoren und Tafeln ausgerüstet werden.

3. Infrastruktur

Im Laufe des Jahres hatte die Bahn als Ursachen viele Störungen an der Infrastruktur und den Fahrzeugen genannt, verstärkt in der langen Hitzeperiode im Sommer.

Lesen Sie auch: Bahn und Fluglinien sollen Kunden bei Verspätungen automatisch entschädigen

Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, Bundes- und Landespolitiker hätten es jahrelang versäumt, sich um die Infrastruktur der Schiene zu kümmern. „Die Probleme sind bekannt, die Projekte müssen nur umgesetzt werden“, sagte der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann.

4. Hitze und Kälte

Der Bahn macht das Wetter zu schaffen. Im Hitzesommer 2018 brannte es mehrfach entlang der Strecke. Und auch die Klimaanlagen wurden zum Problem. Etwa zwei bis drei Prozent der Anlagen fielen bei hohen Temperaturen aus, berichtet der „Tagesspiegel unter Berufung auf eine Bahnsprecherin.

Im Fernverkehr sind demnach in den insgesamt 270 ICE und rund 770 IC-Wagen rund 3400 Klimaanlagen im Einsatz – bei einem Ausfall von drei Prozent bedeute dies also, dass täglich im Schnitt etwa 102 Wagen nicht benutzbar waren. Bereits bei Temperaturen ab 25 Grad sind die Mitarbeiter in Alarmbereitschaft und kontrollieren die Reiseverhältnisse regelmäßig.

Doch nicht nur die Hitze führte zu Problemen. Auch aufgrund von Stürmen, Schnee und Eis kommt es immer wieder zu Verspätungen und Zugausfällen.

5. Warnstreiks

Im vergangenen Jahr kam es durch Tarifverhandlungen zwischen der Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL sowie der Gewerkschaft EVG zu Arbeitsniederlegungen. Der FahrgastverbandPro Bahn“ moniert ein schlechtes Streik-Management. Er fordert die Festlegung von so genannten Streikfahrplänen, wie es sie in vielen anderen europäischen Ländern gibt. Ein Streikfahrplan könne das Angebot massiv reduzieren und so den Arbeitgeber noch immer hart treffen. Der jeweils geltende Plan müsse genau wie der Streik 48 Stunden im Voraus über Aushänge, Apps, Newsletter und Internetseiten kommuniziert werden.

Das es mit beiden Gewerkschaften zu Einigungen kam, sind Streiks des gesamten Bahn-Personals nun bis März 2021 ausgeschlossen.

6. Mitarbeiter

Die Bahn hat ein weiteres Problem: Zu wenig Mitarbeiter. Dem Fahrgastverband Pro Bahn zufolge könnte das Unternehmen relativ schnell mehr Personal einstellen, etwa für eine bessere Wartung der Züge oder mehr Lokführer. An eine schnelle Verbesserung glaubt er aber nicht. Der Effekt werde erst nach einem halben oder Dreivierteljahr wirksam, denn die neuen Mitarbeiter müssten erst einmal eingearbeitet werden. Voraussichtlich rund 22.000 neue Mitarbeiter will die Bahn einstellen, vor allem Lokführer, Fahrdienstleister und Instandhalter. Auch Verkehrsminister Andreas Scheuer macht Kunden nach dem zweiten Krisengipfel wenig Hoffnung auf schnelle Besserung. Lokführer würden nicht in 48 Stunden Lokführer.

Dabei sind die derzeitigen Mitarbeiter durchaus zufrieden mit ihrem Arbeitgeber. Die jüngste Befragung der eigenen Leute von Herbst 2018 habe aber auch Kritik an den Abläufen im Konzern sichtbar gemacht, teilte das Unternehmen mit. Auf einer Skala von 1 bis 5 – mit 5 als bestem Wert – liege die Zufriedenheit der Mitarbeiter wie 2016 im Durchschnitt bei 3,7 Punkten. Damit liege man „knapp im guten Bereich“, hieß es bei der Bahn. Faktoren wie Loyalität, Einbindung und Fehlerkultur hätten sich im Vergleich zu 2016 verbessert.

Lesen Sie auch: So will der Verkehrsminister das Chaos bei der Bahn beenden

Die Mehrheit der Mitarbeiter sei der Ansicht, dass die internen Arbeitsabläufe und die übergreifende Zusammenarbeit besser organisiert werden müssten. Sie wünschten sich außerdem von der Führung, die Strategie des Konzerns zu schärfen.

Dass die Mitarbeiter mit den Problemen durchaus mit Humor umgehen, können Kunden immer mal wieder erleben. Der Twitter-Account @BahnAnsagen hält die lustigsten Sprüche und Bahn-Momente sowohl der DB-Mitarbeiter als auch von Mitarbeitern von Privatbahnen fest:

Etwa: „Im Wagen 7 funktionieren keine Reservierungen, die Steckdosen gehen auch nicht und es ist dunkel. Der Schaden ist gemeldet. Ich gehe davon aus, dass das Problem in einigen Monaten behoben ist.“ Oder: „Wir haben Buxtehude mit einer Verspätung von 37 Minuten verlassen. Ist doch besser als 38 Minuten!“

Von RND/ngo/jw/dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Verstöße gegen die Börsenauflagen – der Vorwurf gegen den ehemaligen Renault-Chef Carlos Ghosn wiegt schwer. Dieser jedoch sieht keine Grundlage für seine Festnahme gegeben und hat eine andere Vermutung, was hinter den Ermittlungen gegen ihn steckt.

30.01.2019

Die Umtauschprämie kommt Volkswagen zugute: Der Autobauer verkauft nach eigenen Angaben wieder mehr Dieselfahrzeuge. Insbesondere bei Privatkunden, die dem Diesel bei VW den Rücken gekehrt hatten, zog die Nachfrage wieder deutlich an.

30.01.2019

Der Jahreswirtschaftsbericht von Peter Altmaier zeigt die Schwächen der deutschen Wirtschaft auf. Um die schwächelnde Konjunktur aufzufangen, fordert Altmaier ein umfassendes Maßnahmenpaket an.

30.01.2019