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20:39 13.04.2015
Von Stefan Winter
Foto: Offener Machtkampf: Ferdinand Piëch (l.) und Martin Winterkorn.
Offener Machtkampf: Ferdinand Piëch (l.) und Martin Winterkorn. Quelle: Marcus Brandt
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Er marschiert, als sei nichts gewesen. In diesen Tagen kommt es Martin Winterkorn zugute, dass er ohnehin immer etwas von einem Bulldozer hat. Schwer schiebt er sich voran, oft mit ernstem, manchmal grimmigem Gesicht. Das Kurzprogramm auf dem VW-Stand der Hannover Messe absolviert der Chef professionell; Kanzlerin hier, indischer Premier dort und weiter hinten alle Kameras, die gerade verfügbar sind. Sie werden nichts einfangen, was den Winterkorn nach „dem Satz“ von dem davor unterscheidet.

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“ hat Ferdinand Piëch am Freitag zu „Spiegel online“ gesagt. Den Adressaten traf es in nachösterlichen Ruhetagen, der Terminkalender des VW-Chefs war bis zur Messe-Eröffnung weitgehend leer geräumt. Hatte sich Piëch just diesen Moment ausgesucht? „Er muss gewusst haben, was er auslöst“, heißt es in Aufsichtsratskreisen, die über die Motive rätseln wie alle. „Keiner weiß, was er damit anfangen soll“, sagt ein Konzernkenner. Im Aufsichtsrat wird ebenso wie im VW-Management registriert, dass der Patriarch seine Äußerung offenbar bewusst nachschärfte - den schnell berühmt gewordenen Satz suchen Leser des gedruckten „Spiegel“ vergeblich. Auch dort wird zwar von Zerwürfnissen berichtet und davon, dass Winterkorn keine Chance mehr habe auf den Vorsitz im VW-Aufsichtsrat. Aber die Sache mit der „Distanz“ zu dem lange Zeit äußerst geschätzten und geförderten Winterkorn - die habe Piëch offenbar bewusst aktuell nachgeschoben, heißt es im Konzern.

Winterkorns Schreck, wenn es denn einen gab, hielt nicht lange an, die Abwehrfront stand schnell. Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte demonstrativ eine Vertragsverlängerung für Winterkorn, Ministerpräsident Stephan Weil zeigte sich „unangenehm überrascht“, der Familienzweig der Porsches erklärte die Position zur Privatmeinung und für Konzernkenner am erstaunlichsten: VW-Kommunikationschef Stephan Grühsem verwies auf Winterkorns Erfolge - und äußerte sich gegen jede Gewohnheit zu Personalspekulationen. Abends zeigte sich Winterkorn mit Weil, Sigmar Gabriel und Managerkollegen wie Siemens-Chef Joe Kaeser und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Der ganze Mann eine einzige Botschaft: Hier bin ich, und hier bleibe ich.

Das wird sich wohl in den nächsten drei Wochen entscheiden. Am 5. Mai kommen die VW-Aktionäre zur Hauptversammlung nach Hannover, einen Tag davor trifft sich der Aufsichtsrat. Vor dieser Sitzung sollten die Fronten tunlichst geklärt sein, heißt es. Aufsichtsratsmitglied Olaf Lies, im Hauptamt niedersächsischer Wirtschaftsminister, hat zwar schon öffentlich vorgerechnet, dass Piëch dort keine Mehrheit gegen Winterkorn zusammenbringe. Seinem Regierungschef Stephan Weil wird er damit aber keine Freude gemacht haben, weil der die Probe aufs Exempel unbedingt vermeiden will. Denn egal, welche Seite verliert: Dem Konzern würde es nachhaltig schaden.

Deshalb ist auch klar: Die Worte des Aufsichtsratsvorsitzenden werden nicht völlig folgenlos verhallen. Man wird Kompromisse suchen, das Personal­tableau ansehen, Piëchs Gründe abwägen. Drei Wochen bleiben noch für diese Pendeldiplomatie, in der der Ministerpräsident eine Schlüsselrolle spielen könnte. Familientreffen der Porsches und Piëchs sollen ebenso angesetzt sein wie ein Gespräch von Winterkorn und Piëch. Erster Punkt, der zu klären ist:

  • Was will Piëch eigentlich? In erster Linie geht es offenbar darum, den von ihm lange Zeit gepriesenen Winterkorn als künftigen Aufsichtsratschef zu verhindern. Eine Fortsetzung der Ära scheint Piëch angesichts mehrerer Konzernbaustellen nicht mehr angezeigt zu sein.
  • Warum geht er nicht die üblichen Wege im Aufsichtsrat? Piëch, der am Freitag 78 Jahre alt wird, wolle offenbar schnell Weichen stellen, sagt ein Branchenkenner - schneller, als er im Aufsichtsrat einen Konsens in seinem Sinne zimmern könnte. Der Satz hat mehr Dynamik in die Sache gebracht, als es der Aufsichtsratsvorsitzende hinter den Kulissen geschafft hätte. Vielleicht spekuliert er auf Winterkorns vorzeitigen Rücktritt, vielleicht auch nur auf eine frühzeitige Weichenstellung.
  • Wer soll es dann machen? Für die Konzernspitze gibt es ein halbes Dutzend mögliche Kandidaten. Müsste es schnell gehen, stünden Übergangslösungen wie Porsche-Chef Matthias Müller oder auch Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg bereit. Finanzchef Hans Dieter Pötsch ist zum Verhängnis geworden, dass ihm solche Ambitionen nachgesagt wurden. Außerdem gilt Piëch nicht als sein größter Fan. Als Favorit bei einem Generationswechsel gilt mittlerweile der bisherige BMW-Manager Herbert Diess, der sein Amt als Chef der Marke VW aber noch gar nicht angetreten hat. Wie der zweite Neuling Andreas Renschler bräuchte er wohl noch ein, zwei Jahre. Daneben wird schon lange Skoda-Chef Winfried Vahland für Höheres gehandelt und neuerdings als Überraschungskandidat der sehr präsente Heinz-Jakob Neußer, Entwicklungschef der Marke VW. Audi-Chef Rupert Stadler dürfte dagegen aus dem Rennen sein.

Viel schwieriger ist der Aufsichtsratsvorsitz zu besetzen. Piëch will nach eigener Aussage nicht über 2017 hinaus weitermachen. Seinen Nachfolger hat er offenbar im Blick: Es sei kein Familienmitglied - auch nicht seine Frau Ursula. Es soll wieder ein Techniker sein, und er befinde sich schon im Konzern, sagt Piëch. Nach der Ohrfeige für Winterkorn sind die „üblichen Verdächtigen“ damit aus dem Rennen.

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