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Deutschland / Welt Dellendoktoren reisen Hagelstürmen hinterher
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10:58 11.08.2013
Wenn es Hagelkörner in Golfballgröße regnet, ruft das eine sehr mobile Branche auf den Plan. Ein kleiner Industriezweig hängt an den Pkw-Schäden. Quelle: dpa
Wolfsburg

Wer an Naturkatastrophen denkt, dem kommen ferne Wirbelstürme oder Erdbeben in den Sinn. Doch eng begrenzt im Lokalen brechen auch in Deutschland im Sommer regelmäßig die Naturgewalten los. Ende Juli war es wieder so, beispielsweise östlich von Hannover. Hagelkörner groß wie Tennisbälle zerstörten nahe Peine jedes dritte Dach. Im größten Automobilwerk der Welt, bei VW in Wolfsburg, traf es Tausende Neuwagen. Niedersachsens größter Versicherer VGH meldete Rekordschäden, vergleichbar mit dem Orkan Kyrill 2007. Was nur wenige wissen: Ereignisse wie dieses erwecken eine kleine Branche zum Leben.

Bereits als die Autobesitzer die Krater auf ihren Fahrzeugblechen noch ungläubig beäugten, rollten Kolonnen mit Dellenexperten an. Ein kleiner Industriezweig hängt an den Pkw-Schäden. „Wenn es hagelt, ist Saison. Und dieses Jahr ist es wirklich extrem“, sagt Wolf-Henning Hammer, Chef im Bundesverband Ausbeultechnik und Hagelinstandsetzung (BVAT). Er beschreibt ein inzwischen globales Geschäft, getrieben von den Sommergewittern. „Wenn hier auf der Nordhalbkugel gerade Winter ist, ist halt auf der Südhalbkugel Saison.“ Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft betrug der Aufwand für Sturm, Hagel und Blitz bei Pkw im Jahr 2011 deutschlandweit rund 690 Millionen Euro.

Rückblick: Ein Unwetter hat in der Region Hannover Ende Juli schwere Schäden angerichtet. Besonders schlimm betroffen waren Lehrte und Sehnde.

„So groß ist unsere Industrie aber bei weitem nicht“, sagt Guido Dilk vom Anbieter KHS, ein Gründungsmitglied im BVAT. Schließlich laufe ein Großteil des Geschäfts über herkömmliche Karosserie- und Lackierbetriebe. Eine Handvoll Dellendoktoren dominiere das mobile Geschäft mit den Sammelbegutachtungen im Großschadensfall. Ein Teil sei bundesweit aufgestellt, andere global. KHS hat Niederlassungen in Italien, Schweden, der Schweiz, Frankreich und in den USA. KHS-Chef Dilk glaubt, dass das Hageljahr 2013 noch intensiver als 2008 werde.

Damals traf ein Hagelsturm allein rund 30.000 Neuwagen am VW-Werk in Emden und sorgte für einen Großeinsatz der Branche. Laut Hammer vom BVAT charterten Hageltechniker aus dem Ausland Ferienflieger oder mieteten Reisebusse. „Die Technik samt mobiler Büroausstattung ist immer schon fertig verpackt. Denn ein Zeitvorteil ist auf jeden Fall sinnvoll“, sagt Hammer. „Wenn es ein Reisebüro geben würde, das sich auf die Hagelinstandsetzung spezialisiert - das hätte ausgesorgt“.

In der VW-Stadt Wolfsburg sind derzeit die Hotelbetten knapp. Das Pendlerchaos wegen der hochwassergeschädigten ICE-Trasse ist dafür auch ein Grund, aber dennoch: Hunderte Hageltechniker sind in und um Wolfsburg unterwegs, nicht nur bei VW. Die Dienstleister mieten Scheunen oder bauen gleich mobile „Besichtigungspavillons“ auf. Großereignisse schwächten zwar den Konkurrenzkampf um Preise, sagt Hammer. Doch sie seien auch eine Gelegenheit für schwarze Schafe.

Wer wie bei VW an die Großaufträge kommen will, muss Personalpower haben. Der Branchenriesen Douteil aus Nordrhein-Westfalen etwa kommt auf einen Fuhrpark aus 100 Fahrzeugen und 50 Anhängern. Er ist auch in Polen, der Schweiz, Brasilien und in den USA unterwegs.

Wichtig ist frühe Information. Der „Dent Master“ (Dellen-Meister) aus Dallas in den USA lädt im Internet dazu ein, Hagelstürme zu melden. In einer Online-Maske können Tippgeber gleich anklicken, wie dick es denn kam: Tischtennisball, Hühnerei oder Grapefruit?

In Deutschland bemühen die Dellendrücker Profi-Dienstleister, die Wetterdaten sammeln. Oder sie beäugen den Blitz-Informationsdienst von Siemens. Auch das Hobby der „Storm Chaser“ (Sturmjäger) ist eine willkommene Quelle - die Unwetterfans filmen Gewitterformationen. Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst sagt, dass Studien zur Hagelhäufigkeit fehlten. Generell gebe es ein Nord-Süd-Gefälle, doch auch das Erzgebirge im Osten sei ein „Hotspot“. Meteorologen könnten übrigens am Radar Hagel nicht sicher von Starkregen unterscheiden.

Und wenn es hagelt, dann klingelt in der Regel bald die Kasse bei den Dellendoktoren. Rund um Autowerke ist der Effekt logischerweise groß. Die Industrieversicherungssparte bei der Allianz berichtet zwar von Schutzmöglichkeiten wie Hagelnetzen, doch immer wieder trifft es das Blech. Die Versicherer sind dann wichtige Helfer. Bettina Sattler von der Allianz berichtet etwa, dass die Versicherung bei der Auswahl der Hagelausbeulfirmen und den Ausschreibungsgesprächen unterstütze.

Die Nachfrage ist auch für Kfz-Betriebe ein Standbein. So bieten Handwerkskammern Fortbildungen an zur „Fachkraft für innovative Fahrzeugaufbereitung“. Inhalt: Lackschadenfreie Ausbeultechnik.

dpa

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