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Deutschland / Welt Der Aufgelockerte
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10:58 25.09.2013
Von Lars Ruzic
Teamplayer Degenhart: Der Conti-Aufsichtsrat entscheidet am Mittwoch über eine Vertragsverlängerung für den Konzernchef. Quelle: obs/Continental AG
Hannover

Er traut sich was – inzwischen. Elmar Degenhart hat die Deutschen darauf eingestellt, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft das Autofahren dem Autopiloten überlassen können (wohlwissend, dass er damit am Stammtisch so manchen Spott ertragen müsste). Er hat Vorstandsgehälter jenseits von 10 Millionen Euro kritisiert (auch wenn der Chef seines wichtigsten Kunden, VW-Lenker Martin Winterkorn, darüber wenig amüsiert war). Und er hat ganz Deutschland vorgeworfen, sich im internationalen Wettbewerb auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen (und blieb damit ein einsamer Mahner).

Ganz egal. Dieser Mann hat an Selbstbewusstsein und Lockerheit gewonnen. Und das trägt er inzwischen auch nach außen. Mit dem heutigen Tag wird der 54-Jährige aus Dossenheim bei Heidelberg fester im Sattel sitzen denn je. Es gilt als ausgemacht, dass der Aufsichtsrat von Continental den Vertrag mit dem Vorstandschef am heutigen Mittwoch vorzeitig verlängert. Dem Vernehmen nach werden die Aufseher dabei auch ein höheres Salär durchwinken. Bislang liegt der Luft- und Raumfahrttechniker, der einst in Reinraumtechnik promoviert hat, mit einem Entgelt von gut 3 Millionen Euro noch weit entfernt von den Summen, die er für nicht mehr vermittelbar hält.

Unter den Aufsehern überwiegt die Meinung, dass der Konzernchef beides verdient. Schließlich habe er unbestritten einen großen Anteil daran, dass sich der Autozulieferer aus dem tiefen Tal kommend zu alter Stärke emporarbeiten konnte, heißt es. Bei Degenharts Amtsantritt im September 2009 lag bei Hannovers größtem Unternehmen so ziemlich alles im Argen. Großaktionär
Schaeffler hatte sich gerade mit Degenharts Vorgänger Karl-Thomas Neumann (heute Opel-Chef) überworfen. Die Conti drohte unter einer Schuldenlast erdrückt zu werden, die mit gut 10 Milliarden Euro fast doppelt so hoch war wie das Eigenkapital. Ganz nebenbei tobte die Finanzkrise und drohte Schaeffler der Exitus.
Dass die Franken damals ausgerechnet den Chef ihrer Autozuliefersparte nach Hannover schickten, ließ in der Conti-Zentrale die Alarmglocken klingeln. Dabei geriet fast in Vergessenheit, dass Degenhart alter Continentäler ist – fünf Jahre lang gehörte er zum Management der Bremsentochter Teves. Doch seine Abordnung verstand man in Hannover als Signal, dass Schaeffler Conti zum Befehlsempfänger machen und in die Conti-Kassen greifen wollte.
Degenhart war sich dessen voll bewusst. Intern ließ er schnell durchblicken, dass er den Zulieferriesen sehr wohl eigenständig führen wolle. Doch nach außen herrschte Funkstille. Über Monate. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt wirkte der Manager eingeschüchtert, fast ängstlich. Weder wollte er die Schaefflers vor den Kopf stoßen – deren Absichten bei Conti ihm wohl damals auch nicht wirklich vermittelt worden sind. Noch konnte er die Mannschaft weiter verunsichern – etwa mit markigen Worten zu Strategie und Renditezielen. Es war dünnstes Eis, über das Degenhart damals gehen musste. Doch er hat das andere Ufer erreicht.
Geholfen hat ihm dabei, dass der Konzern ein Vorstandsteam bekam, das seiner Größe auch gerecht wird. Der Aufsichtsrat dürfte am Mittwoch ein neuntes Mitglied berufen – als Chef der Bremssparte, die Degenhart derzeit kommissarisch führt. In Richtung Schaeffler hält ihm Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle den Rücken frei. Dabei nimmt die Bedeutung der Franken als Eigentümer mit jedem weiteren Aktienverkauf ab. Von einst 90 Prozent ist der Schaeffler-Anteil auf zuletzt 46 Prozent gesunken.

Gleichzeitig konnte Degenhart mit der letzten Bilanz Rekordzahlen vorlegen. Die Verschuldung ist auf 6 Milliarden Euro gesunken – und macht nur noch 70 Prozent des Eigenkapitals aus. Gleichzeitig stieg die Mitarbeiterzahl um gut 45 000 auf 175 000 weltweit. Auch der Sitz in Hannover wurde gestärkt. Das von hier gesteuerte Reifengeschäft bekam ein Sonderinvestitionsprogramm von einer Milliarde Euro für neue Fabriken spendiert, selbst ein bisschen Reifenproduktion am Traditionsstandort Stöcken wurde wieder angesiedelt – wenn auch „nur“ in der Runderneuerung.

Ein wenig war es auch glückliche Fügung, dass sie bei Conti mit Degenharts erster Amtszeit fast ausschließlich Wachstum verbinden. Die harten Sanierungen hatten seine Vorgänger durchgesetzt, die Konjunktur spielte ihm in die Karten. Der Konzernchef konnte sich darauf konzentrieren, die Qualitätsprobleme, die sich Conti mit Siemens VDO ins Haus geholt hatte, zu bekämpfen und neue Visionen und Werte auszurufen. So hat der Vorstand auch weiche Faktoren wie Vertrauen und Verbundenheit in den Wertekanon aufgenommen. Die einen nahmen das nach vielen Jahren knallharter Kostenorientierung als wohltuend wahr, die anderen kritisierten das Ganze als „Harmoniesoße“, die sich spätestens bei der nächsten Restrukturierung als obsolet herausstellen werde.

Tatsächlich sind die Zeiten vor allem im europäischen Geschäft rauer geworden. Gerade will der Konzern in mehreren hessischen Werken Hunderte Arbeitsplätze streichen. Die Betriebsräte haben Degenhart schon einen offenen Brief geschrieben, in dem sie monieren, dass die Taten „in erheblichem Widerspruch“ zu den neuen Werten stehen. Es kann gut sein, dass die zweite Amtszeit für den Conti-Chef ganz andere Herausforderungen birgt als die erste.

54 Prozent Plus in einem Jahr

Ein Jahr nach seiner Rückkehr in die Spitzengruppe der deutschen Börsenkonzerne zieht der Autozulieferer Continental ein positives Fazit. Conti-Aktien gehörten mit einem Jahreszuwachs von gut 54 Prozent auf 125,55 Euro zur Gewinnergruppe im Dax. „Dabei haben wir zwischenzeitlich mit 25,5 Milliarden Euro sogar die höchste Marktkapitalisierung der fast 142-jährigen Firmengeschichte erreicht“, betonte am Dienstag Continental-Finanzvorstand Wolfgang Schäfer.

Der einst reine Reifenhersteller ist einer der weltgrößten Systemlieferanten rund um Technologien in der Mobilität. Er war 2008 nach der Übernahme durch Schaeffler aus der Klasse der 30 wichtigsten Aktiengesellschaften ausgeschieden. Damals lag die Aktie teilweise bei einem Zehntel ihres heutigen Werts. Heute liegt Conti bei der Marktkapitalisierung auf Platz 19 im Dax. Die Mehrheit der mehr als 200 Millionen Aktien befindet sich in Streubesitz.

 dpa/e

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