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Deutschland / Welt Der Flop mit der Freizügigkeit
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Der Flop mit der Freizügigkeit
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20:22 05.09.2011
Nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für osteuropäische EU-Bürger am 1. Mai sind alle Heilserwartungen und Horrorszenarien gleichermaßen enttäuscht worden. Quelle: dpa
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Warschau

Die Freizügigkeit hat in den ersten drei Monaten seit ihrer Einführung lediglich rund 26.000 Menschen aus den acht osteuropäischen EU-Staaten nach Deutschland gelockt. Das waren nur etwa 10.000 Personen mehr als im Dreimonatszeitraum vor der Öffnung des Arbeitsmarkts.

„Das sind außergewöhnlich geringe Zahlen“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Alle Schreckensmeldungen, aber auch unsere Hoffnungen kann man damit zu den Akten legen“, sagt der Migrationsforscher. Wenn sich der Trend fortsetze, würden selbst die vorsichtigsten Expertenschätzungen unterboten. Viele Fachleute hatten mit 100.000 zusätzlichen Arbeitskräften aus Osteuropa im Jahr gerechnet. Nicht einmal die Hälfte davon dürfte erreicht werden.

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Alle Befürchtungen, der Zustrom osteuropäischer Billigarbeiter könnte einen Verdrängungswettbewerb auf dem deutschen Arbeitsmarkt auslösen und das Lohnniveau in den Keller drücken, sind damit hinfällig. „Aber auch die Vorstellung, Deutschland könnte seinen Fachkräftemangel durch Zuwanderung gut qualifizierter Osteuropäer abmildern, erweist sich als Trugschluss“, betont Brücker. Als wichtigste Gründe für den Flop nennt der IAB-Forscher die starren Strukturen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und Sprachschwierigkeiten.

In der Bundesrepublik gebe es keine Tradition des „Hire and Fire“, des schnellen Einstellens und Kündigens wie im angelsächsischen Raum, erläutert Brücker. „Deshalb gehen die meisten osteuropäischen Auswanderer nach Großbritannien und Irland, zumal viele von ihnen eher das Englische als das Deutsche beherrschen.“ Auch sei die Anerkennung von Berufs- und Studienabschlüssen in der Bundesrepublik abschreckend kompliziert.

Hinzu kommt die gute ökonomische Lage vor allem in dem wichtigsten osteuropäischen Migrationsland Polen. Seit Jahren boomt dort die Wirtschaft mit Wachstumsraten von 3 bis 7 Prozent. Entsprechend schnell steigt das Lohnniveau. In der Hauptstadt Warschau, in der nahezu Vollbeschäftigung herrscht, bezahlen Arbeitgeber inzwischen genauso viel Geld wie im Durchschnitt Westeuropas. „Ein Gutes hat die neue Freizügigkeit aber doch“, betont Brücker. „Viele Osteuropäer, die bereits seit Jahren in Deutschland leben, haben seit Mai eine sozialversicherungspflichtige Arbeit aufgenommen.“

Polen, Ungarn oder Slowaken, die früher schwarz in der Bundesrepublik gearbeitet haben, tun dies nun legal – vor allem in der Landwirtschaft. „Das ist natürlich zu begrüßen“, sagt Brücker. Wenn Deutschland allerdings Fachkräfte im großen Stil anlocken wolle, so müsse sich das Land noch sehr viel stärker öffnen. Viele deutsche Arbeitgeber sehen es ähnlich. Sie fordern seit Langem eine „neue Willkommenskultur“.

Ulrich Krökel