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Deutschland / Welt Deutsche Firmen als Motor Amerikas
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11:12 15.02.2012
Von Stefan Koch
Präsident Obama kann sich auf deutsche Firmen verlassen. Quelle: dpa
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Sacramento

Mit dem Zeigefinger streicht Jacqueline Allert fast zärtlich über den Glasfaserkunststoff. Als würde sie ein Kunstwerk berühren, blickt sie genau auf den Farbverlauf: „Dieses Rot ist etwas Besonderes. Das ist für San Diego. Die Stadt hat es sich eigens anmischen lassen.“ Allert ist kaufmännische Projektleiterin und begutachtet in der großen Werkshalle von Siemens im kalifornischen Sacramento die Frontseite einer gerade fertiggestellten Straßenbahn. Aus der benachbarten Halle dröhnen dumpfe Hammerschläge, tonnenschwere Stahlgerüste werden lautstark ausgewuchtet. Aber hier, in der Endfertigung, geht es leise zu. Die Lackierer, die sich eher als Kunsthandwerker verstehen, sind gerade erst fertig geworden. Jetzt liegt es an der jungen Frau, die abschließenden Gespräche mit den Kunden vorzubereiten.

Keine leichte Aufgabe. Die Stadtverwaltungen, die sich neue Straßenbahnen bestellen, legen Wert auf eine eigene Note. Das beginnt mit der speziellen Farbgebung und endet bei der Frage, ob die Fahrer in einen Rückspiegel gucken oder in eine Kamera, um das Geschehen hinter sich zu beobachten. Im Bau dieser „light rail trains“ ist Siemens in Nordamerika Nummer eins. Eine Marktführerschaft, die sich bis ins Weiße Haus in Washington herumgesprochen hat.

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Bei seiner jüngsten Rede an die Nation hat US-Präsident Barack Obama Siemens als Paradebeispiel für den Erfolg „amerikanischer“ Unternehmer beschrieben. Die Firma investiere gezielt in die Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter und stelle hochwertige Produkte her – „hergestellt in Amerika von Amerikanern“. Man bedankt sich, und man schmückt sich zugleich. Bei Siemens Energy in Iowa beschwört der Präsident die Wiedererstarkung der amerikanischen Wirtschaft vor dem Firmenlogo, bei Siemens Mobility in Sacramento besingt sein Verkehrsminister die Bedeutung des Unternehmens und seiner Hochgeschwindigkeitszüge für  das Verkehrssystem der Zukunft. Und während Ray LaHood – rechts neben dem Rednerpult in der Werkshalle das Sternenbanner, links die kalifornische Bärenflagge – die „Public Private Partnership“ beim Ausbau des Bahnverkehrs preist, schwebt über allem auch noch ein Transparent mit Obamas Mantra „Made in America by Americans“. Dass die Schaltstellen des Konzerns in München und Berlin stehen, spielt keine Rolle.

Es stört keinen. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Amerika braucht die Technologie – die Deutschen brauchen das Geschäft.

Tatsächlich gewinnen Produktionsstandorte in den USA wieder an Attraktivität, vor allem für deutsche Unternehmen. Im Vergleich zum Euro steht der US-Dollar niedrig, die Produktivität kann sich sehen lassen, und die Löhne sind im internationalen Vergleich moderat. Siemens, Volkswagen, Thyssen-Krupp und viele andere bauen ihre amerikanischen Werke aus. Mehr als 30 Prozent der deutschen Betriebe, so ergab jüngst eine Untersuchung der Industrie- und Handelskammer, wollen 2012 in der Region expandieren. Marc Langendorf, Siemens-Sprecher in Washington, hat dafür eine einfache Erklärung: „Wir sind dort präsent, wo die Märkte sind. Und der amerikanische Markt ist gerade für unsere Produkte äußerst attraktiv.“ Die USA sind nach China mit fast sieben Prozent Anteil am deutschen Export der bedeutendste Handelspartner für Deutschland außerhalb der EU. Zudem, sagt Langendorf, gebe es gegenüber Niedriglohnländern wie China einen entscheidenden Vorteil: „Die Fluktuation der Mitarbeiter ist weitaus geringer als in Südostasien.“ Fachleute, die sich gut betreut und gefördert fühlen, würden in den USA ihren Arbeitgebern durchaus die Treue halten.

Gut betreut fühlen sich in jüngster Zeit aber auch die Investoren: Siemens erhielt für seine neueste Anlage zum Gasturbinenbau in Charlotte in North Carolina ebenso massive Steuervergünstigungen wie Volkswagen in Chattanooga in Tennessee. Obendrein werden Gewerbeflächen für Großinvestoren oftmals kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Manche aber sind auch regelrecht auf der Flucht vor europäischer Regulierungswut. Die Ludwigshafener BASF zum Beispiel will demnächst ihre Genpflanzen-Tochtergesellschaft vollständig nach Raleigh in North Carolina auslagern. Die BASF Plant Science beschäftigt rund 840 Mitarbeiter, davon etwa 200 in Deutschland. Viele von ihnen treten in Kürze wohl die Reise nach Raleigh an – unweit der Standorte anderer deutscher Firmen.

In Sacramento fühlt man sich angesichts der neuen deutschen Investitionswelle bestätigt. Hier ist der Münchener Konzern seit mehr als 20 Jahren tätig und verweist stolz darauf, dass etwa Hälfte der heutigen Belegschaft von Beginn an dabei war. Etwa 800 Mitarbeiter stellen auf diesem Gelände pro Jahr mehr als 80 „light rail trains“ her, die mittlerweile in 15 Großstädten in den USA und Kanada hin- und herpendeln. Bei der Beschreibung der Siemens-Arbeit ist LaHood, der prominente Gast aus Washington, nicht zimperlich und wählt überwiegend Superlative: In diesem Haus seien hervorragend ausgebildete Arbeiter im Einsatz, die exzellente Löhne bekämen und einen großartigen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisteten.

Für europäische Ohren mag es merkwürdig klingen, dass das Schicksal der letzten verbliebenen Supermacht der Welt ausgerechnet an der Produktion von Straßenbahnen hängen soll. Aber LaHood umschreibt – ebenso wie jüngst Obama – mit überaus freundlichen Worten ein ernsthaftes Problem: Die Wertschöpfung in den USA ging in den vergangenen Jahren drastisch zurück. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit sollen und müssen die ins Ausland ausgelagerten Jobs zurückgeholt werden.

Doch das ist vor allem bei qualifizierten Tätigkeiten einfacher gesagt als getan: Laut einer aktuellen Studie der National Science Foundation schufen US-Konzerne von 2003 bis 2009 zwei Drittel ihrer neuen Forschungs- und Entwicklungsjobs im Ausland, vornehmlich in China, Indien und Japan. Überraschenderweise gaben die befragten US-Firmen an, dass sich die Standortentscheidungen für neue Labors weniger an den Kosten orientieren als vielmehr an der Frage, wo es viele junge Ingenieure und Wissenschaftler gibt. Es verwundert daher kaum, dass „einheimische“ Produzenten wie Siemens in Sacramento, Volkswagen in Chattanooga oder Thyssen-Krupp in Atlanta hochwillkommen sind. Ganz zu schweigen von den unzähligen Mittelständlern, wie zum Beispiel die südniedersächsische Otto Bock HealthCare, die in Nordamerika 700 Menschen beschäftigt. Ausgerechnet die Deutschen verfolgen einen langfristigen Ansatz: Sie bilden amerikanische Fachkräfte aus und weiter und binden sie auf Dauer an ihre Firmen – ein Konzept, das immer mehr auch für US-Firmen zum Vorbild wird.

So startete Siemens im vergangenen Herbst ein eigenes Lehrlingsprogramm und pflegt College-Partnerschaften, um frühzeitig gute Leute zu finden. Oder, wie es ebenso inoffiziell wie selbstbewusst in Firmenkreisen heißt: „Wir sind ja keine Textilindustrie, wir brauchen richtig gute Leute.“ Und die besten Universitäten stünden nach wie vor in den Vereinigten Staaten bereit, nicht in China oder Indien.

Insgesamt beschäftigen deutsche Firmen in den USA knapp 450.000 Mitarbeiter. Aber an kaum einem Standort lässt sich der Zyklus von Entwicklung, Produktion und Nutzung wohl so greifbar darstellen wie in Sacramento: Was hier in einer Art Manufaktur aufwendig hergestellt wird, lässt sich wenige Monate später im Alltagsleben besichtigen. Zum Beispiel in San Diego, wo demnächst die achte Generation von Siemens-Fahrzeugen auf den Schienen steht. Ohne die räumliche Nähe zu den Kunden, glaubt Peter Tuschinski, wäre der Erfolg nur halb so groß.

Der 42-jährige Direktor für Strategie und Entwicklung hält das Werk in Sacramento für einen „aussichtsreichen Standort“. Angesichts des enormen Bevölkerungswachstums sowohl an der Ost- als auch an der Westküste sei es nur eine Frage der Zeit, bis das öffentliche Nah- und Fernverkehrssystem von Grund auf erneuert werden müsse. Da stellten sich in den USA ganz andere Herausforderungen als in Europa: „Ein öffentliches Verkehrsnetz lässt sich in dicht besiedelten Gebieten leichter umsetzen. Aber die meisten Amerikaner leben nun einmal nicht in Hoch- oder Mehrfamilienhäusern, sondern in weit auseinanderliegenden Einfamilienhäusern“, sagt Tuschinski. Der amerikanische Traum vom Eigenheim stelle die Stadtplaner vor erhebliche Schwierigkeiten. Welche Entfernung zur nächsten Haltestelle ist noch zumutbar? Wie eng muss die Taktung sein, damit der Zug als bequeme Alternative zum Auto gelten kann?

Zur Lösung beitragen sollen unter anderem die „Highspeed“-S-Bahnen, die mit 130 Stundenkilometern weit hinaus in die Vorstädte fahren. Zudem sollen sie eine gute Anbindung an die künftigen Fernverkehrszüge leisten – die vielleicht auch aus Siemens-Werkstätten stammen werden.
Dass Siemens in den USA zunehmend als amerikanische Gesellschaft wahrgenommen wird, hält Tuschinski für folgerichtig: „Ausschließlich in Deutschland zu produzieren und die Waren dann im Ausland zu verkaufen ist doch eher ein altes Modell.“ Erfolgversprechender sei es, für die jeweiligen Märkte direkt vor Ort zu arbeiten. Das gelte ganz besonders für Produkte, die von der öffentlichen Hand bezahlt werden. „Wenn der Steuerzahler für die Kosten aufkommt,“ sagt Tuschinski, „legt er natürlich auch Wert auf eine einheimische Produktion.“