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Deutschland / Welt „Die IG Metall macht ein Riesenfass auf“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Die IG Metall macht ein Riesenfass auf“
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06:44 24.10.2017
Von Jens Heitmann
Probleme für den Schichtbetrieb?  Quelle: Felix Kästle
Hannover

Als Arndt Brinkmann erstmals von den IG-Metall-Forderungen für die neue Tarifrunde hörte, war seine erste spontane Reaktion: „Dann müsste ich eigentlich fünf Leute entlassen.“ Die Gewerkschaft will in den Verhandlungen nicht nur eine Entgelterhöhung um 6 Prozent durchsetzen, sondern auch den Anspruch auf eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 28 Stunden in der Woche - zum Teil inklusive Lohnausgleich. „Das können wir uns als Zulieferer schlichtweg nicht leisten“, sagt der Geschäftsführer von G+F Strate in Laatzen.

Die Ablehnungsfront steht

Die alteingessene „Schweißwerk- und Maschinenfabrik“ liefert Einzelteile und individuelle Komponenten für die Auto-, Kunststoff- oder Nahrungsmittelindustrie. Die 75 Mitarbeiter sind Spezialisten im Drehen, Fräsen und Bohren - die Arbeitsaufgaben sind eng getaktet. Werde jemand krank, müsse man an der Maschine schlimmstenfalls den Stecker ziehen und den Kunden um Aufschub bitten, sagt Brinkmann. Jeder Job sei nur einfach besetzt: „Wir können hier nicht mehr zahlen für weniger Arbeit.“

Nicht immer spricht das Arbeitgeberlager mit einer Stimme - bei der Ablehnung der 28-Stunden-Woche aber stehen kleine und große Unternehmen Seit’ an Seit’: „Wir brauchen Flexibilität in den Betrieben“, sagt Dirk Siebels, Leiter Arbeitsbeziehungen bei Continental. „Sie ist einer der wenigen Standortvorteile, die wir in Deutschland angesichts unserer im europäischen Vergleich hohen Arbeitskosten noch haben. Wir müssen immer darauf achten, dass die Maschinenlaufzeiten nicht beeinträchtigt werden.“

„Anspruchsvolles Paket“: IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger.

Dass Arbeitgeber Tarifforderungen vor der ersten Verhandlungsrunde in Bausch und Bogen ablehnen, ist für Gewerkschafter nichts Neues - doch dieses Mal ist die Tonlage harscher als üblich. Sollte die IG Metall ihre Wünsche verwirklichen, könne das eine Flucht aus den Arbeitgeberverbänden nach sich ziehen, erklärt Volker Schmidt vom Verband Niedersachsen-Metall: „Es brodelt gewaltig an der Basis.“

„Uns ist klar, dass wir hier ein anspruchsvolles Forderungspaket vorlegen“, sagt der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter und Verhandlungsführer Thorsten Gröger. Aber die Ergebnisse einer Mitgliederbefragung seien eindeutig: „Die Beschäftigten wollen mehr Flexibilität, um die Bedürfnisse der Familie besser mit dem Beruf vereinbaren zu können.“

Aus diesem Grund fordert die Gewerkschaft einen individuellen Anspruch auf eine „verkürzte Vollzeit“: Jeder Tarifbeschäftigte soll seine Arbeitszeit für zwei Jahre auf 28 Stunden in der Woche verringern können. Wer Kinder erzieht, Eltern pflegt oder in Schichten arbeitet, soll von seiner Firma zudem einen „Entgeltzuschuss“ bekommen. Für 80 Prozent der üblichen Arbeitszeit könne das auf 90 Prozent des Lohnes hinauslaufen, heißt es im Arbeitgeberlager.

Ist das nur der Anfang?

Manche gehen gedanklich auch schon einen Schritt weiter: „Ich befürchte, dass die auf zwei Jahre befristete 28-Stunden-Woche nur der Anfang ist“, sagt der Geschäftsführer des Hildesheimer Guss-Spezialisten KSM Castings, Franz Friedrich Butz. „Daraus könnte schon bald die neue Regelarbeitszeit werden.“ Mit den Abläufen eines Drei- oder Vier-Schicht-Betriebs sei so etwas kaum zu vereinbaren.

Mit rund 3700 Mitarbeitern und einem Umsatz von 525 Millionen Euro ist der Autozulieferer eine gewichtige Stimme im Arbeitgeberverband Niedersachsen-Metall - und plädiert für eine harte Verhandlungslinie. Wenn die IG Metall die Arbeitszeit verkürzen wolle, müsse sie den Manteltarifvertrag kündigen, sagt Geschäftsführer Butz. „Wenn die Gewerkschaft das tut, liegen alle Optionen auf dem Tisch.“

Dass dies keine leere Drohgebärde ist, fürchten auch manche Betriebsräte. „Hier wird von der IG Metall ein Riesenfass aufgemacht“, sagt ein erfahrener Arbeitnehmervertreter. Im Arbeitgeberlager ist hinter vorgehaltener Hand sogar von einer „Harakiri-Aktion“ die Rede - denn der Manteltarifvertrag enthält viele Vereinbarungen, die von den Gewerkschaften über die Jahre mühsam erkämpft worden sind: von Zuschlägen für Mehr- und Schichtarbeit über bezahlte Pausen bis zur Unterstützung im Todesfall. Das stünde dann alles zur Disposition, heißt es.

Das Risiko erscheint manchen Betriebsräten auch deshalb unverhältnismäßig, weil ihre Kollegen in vielen Betrieben schon heute ihre Arbeitszeit verkürzen können: Der Anspruch, auf Vollzeit zurückzukehren, werde dann durch befristete Teilzeitverträge abgesichert. Ohnehin könnten es sich Unternehmen heute nicht mehr leisten, solche Wünsche ihrer Mitarbeiter zu ignorieren, sagt der Manager eines Mittelständlers: „Es herrscht Fachkräftemangel - da müssen wir uns um jeden bemühen.“

Das weiß auch die Gewerkschaft. Dennoch hält die IG Metall einen Rechtsanspruch auf die Verkürzung der Arbeitszeit für dringend geboten. „Bisher müssen einem solchen Wunsch beide Seiten zustimmen“, sagt IG-Metall-Bezirksleiter Gröger. „Damit sind die Kollegen immer auf das Wohlwollen ihres Arbeitgebers angewiesen.“

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