Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Die Lufthansa und ihre billigen Töchter
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Die Lufthansa und ihre billigen Töchter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:33 25.03.2015
Neuer Name, neuer Kurs: Die Flieger der Eurowings sollen Lufthansa wieder in die Gewinnzone befördern.  Foto: dpa
Neuer Name, neuer Kurs: Die Flieger der Eurowings sollen Lufthansa wieder in die Gewinnzone befördern. Foto: dpa Quelle: Deutsche Lufthansa AG
Anzeige

Es war ein gewagtes Manöver. Im Sommer 2013 verlagerte die Lufthansa fast ihren gesamten Europaverkehr auf die Billigtochter Germanwings. Die anspruchsvolle Kundschaft reagierte verschnupft. Magerer Service und knapper Fußraum störten die Vielflieger, und nicht nur das: In Billigfliegern fühlten sie sich unwohl in Bezug auf ihre Sicherheit, erklärten Geschäftsreisende in einer Umfrage des Deutschen Reiseverbands.

Belege für ein höheres Risiko finden sich aber nicht - und wenig wird so intensiv unter die Lupe genommen wie Flugzeugunfälle. Piloten kritisieren allerdings immer wieder die höhere Belastung bei Billigfliegern, auch kursierten schon Geschichten über zu knapp bemessene Spritvorräte. In den Ranglisten der sichersten Airlines finden sich aber Billigflieger neben Traditionsmarken. Die Bestimmungen der Aufsicht gelten ohnehin für alle gleich, ebenso die Wartungsvorschriften der Flugzeug- und Triebwerkshersteller. So sagt der Standort - und damit die Aufsichtsbehörde - mehr über die Sicherheit einer Airline als der Preis auf dem Ticket.

Doch mit dem Unglück in Frankreich ist die Diskussion wieder da - mitten hinein in einen Umbau, der die Lufthansa noch weit mehr verändern soll als der von 2013. Konzernchef Carsten Spohr will den Billigzweig mit den Tochtergesellschaften Germanwings und Eurowings stärken. „Wings“ hat er das Konzept genannt, aber der Name könnte erst einmal zur Disposition stehen. Schon einmal hat der Konzern erfahren müssen, was Sicherheitsprobleme mit einer Marke machen können: 2010 wäre es am Flughafen Köln-Bonn fast zur Katastrophe gekommen, weil giftige Gase im Cockpit eines landenden Germanwings-Airbus die Crew nahezu außer Gefecht setzten. Noch Monate danach zeigten die Imagewerte der Marke tiefe Spuren.

Die neue Sparte soll von der Konzernschwester Eurowings angeführt werden - nicht zuletzt, weil sie noch etwas billiger fliegen kann. Während nämlich die Germanwings-Piloten ähnlich bezahlt werden wie die Lufthansa-Kollegen und gelegentlich auch an deren Seite streiken, rangieren die Eurowings-Gehälter eine Stufe tiefer. So liegen die Kilometerkosten pro Sitzplatz bei Germanwings angeblich um rund 20 Prozent niedriger als bei der Lufthansa - aber immer noch 20 Prozent höher als bei Eurowings und anderen Konkurrenten. Deshalb zieht Spohr den Streit mit den Piloten härter durch, als man es wohl selbst im Konzern erwartet hat. Immerhin ist er selbst Pilot mit Lizenz für den A320. Doch der 48-Jährige, seit knapp einem Jahr Chef der Lufthansa, sieht keine Alternative: Mit den Gewohnheiten von gestern kann die ­Airline morgen nicht mehr bestehen. An den Piloten will er offensichtlich dieses Exempel statuieren.

Europas Fluggesellschaften sind doppelt unter Druck geraten. Auf der einen Seite machen ihnen Billigflieger die Ferienreisenden abspenstig. Ein Drittel des europäischen Geschäfts wickeln inzwischen Ryanair, Easyjet, Air Berlin und viele andere ab. Mit ihren niedrigeren Kosten können die Etablierten nicht mithalten. Lufthansa reagierte 2002 mit der Gründung von Germanwings, doch wirklich konkurrenzfähig war der Ableger lange nicht. Erst seit man 2013 viel Lufthansa-Geschäft dorthin verlagerte, sind schwarze Zahlen in Sicht.

Nicht besser als im Billigmarkt geht es der Lufthansa am anderen Ende der Preisskala. Asiatische und vor allem arabische Airlines wie Emirates und Qatar machen mit exzellentem Service Punkte bei den Geschäftsreisenden. Einige Staatsunternehmen sind strategische Projekte ihrer Regierungen und werden mit Petrodollar üppig unterstützt.

Das Ergebnis ist an der Lufthansa-Bilanz 2014 abzulesen: 700 Millionen Euro Verlust flog die Airline ein, die Dividende fällt aus. Alten Weggefährten geht es nicht besser. Ob Alitalia, Air France-KLM oder British Airways: Alle suchen ein Rezept für die Zukunft.

Spohr glaubt, es gefunden zu haben. Mit zwei Sparten will er den Spezialisten in Billig- und Luxusklasse Paroli bieten. Die Lufthansa soll wieder mehr Qualität bieten und sich mit Service und Komfort profilieren. Eurowings dagegen zieht in den Preiskampf auf der Kurzstrecke. Und auch ein neues Billigangebot für die Langstrecke wurde vor wenigen Wochen vorgestellt und soll im Herbst starten. Der Name Germanwings verschwindet übrigens - das war schon lange vor dem gestrigen Unglück beschlossene Sache.