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Deutschland / Welt Die umstrittenen Kinder-Köder im Lebensmittelregal
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Die umstrittenen Kinder-Köder im Lebensmittelregal
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16:01 13.03.2012
Mit „perfidem Marketing“ sollten Kinder so früh wie möglich an Marken gebunden werden, kritisiert Foodwatch.
Mit „perfidem Marketing“ sollten Kinder so früh wie möglich an Marken gebunden werden, kritisiert Foodwatch. Quelle: dpa
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Berlin

Die bunten Packungen werben mit Aufklebern oder Spielfiguren für Kinderwurst, Kinderjoghurt und Kindercornflakes: Lebensmittelregale der Supermärkte sind für Mädchen und Jungen eine verlockende Zone. Und oft ein heikles Revier für Eltern, die den Einkaufswagen füllen. Verbraucherschützer und Mediziner kritisieren seit längerem, dass viele spezielle Produkte für die Kleinen zu süß und zu fett seien - und nehmen nun die Reklamemethoden verschärft ins Visier. Mit Ködern für zweifelhafte Kinderspeisen solle Schluss sein. Denn Übergewicht bei Jugendlichen ist ein wachsendes Problem.

„Es ist doch kein Zufall, dass die ganzen Comicfiguren und Gimmicks nicht zum Verzehr von ungezuckerten Haferflocken, sondern von pappsüßen Crispy-Pops verführen sollen“, sagt Anne Markwardt, Mitarbeiterin der Verbraucherorganisation Foodwatch. Produkte, die wie Süßigkeiten gar nicht ausgewogen sein könnten, dürften nicht als Produkte für Kinder beworben werden. „Spielzeug ist Spielzeug. Lebensmittel ist Lebensmittel“, lautet auch die Sichtweise des Verbraucherzentrale Bundesverbands. „Die Branche muss sich von der Ködertaktik verabschieden“, forderte kürzlich Vorstand Gerd Billen.

Zum Greifen nah - und kein Weg führt dran vorbei: Das erste Regal eines großen Lebensmittel-Discounters in Berlin ist über eine Länge von rund 15 Metern nur mit Naschereien gefüllt - von unten bis oben. Das Geschäft ist keine Ausnahme, die Situation der blanke Horror für viele Eltern. Hunderte Tüten mit Schokoriegeln und Gummitierchen liegen nicht mal 30 Zentimeter vom Boden entfernt und sind damit auch schon für die ganz Kleinen erste Anlaufstelle im Markt.

Eine niedliche Maus ist auf der Verpackung für Gummibonbons abgedruckt - allein in zwei Teilchen stecken rund 70 Kalorien und knapp 10 Gramm Zucker - das wären etwas mehr als drei Zuckerwürfel. Fast genauso viel Zucker ist in einer bunter Saftpackung drin; ein lustiger Pirat wirbt für die Orange-Mandarine-Mischung mit 25 Prozent Fruchtanteil. Vier- bis Sechsjährige sollten nach Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung am Tag nicht mehr als 150 Kalorien über Süßigkeiten aufnehmen.

Mit „perfidem Marketing“ sollten Kinder so früh wie möglich an Marken gebunden werden, kritisiert Foodwatch. Denn gesüßte Snacks brächten Herstellern mehr Gewinn ein als schlichtere Obst- oder Gemüseware. Ergebnis einer eigenen Untersuchung von 1500 Produkten, die sich speziell an „Kids“ richten: 1100 davon sind Kindern eigentlich nur zum „sparsamen“ Verzehr empfohlen wie zum Beispiel Süßigkeiten oder gezuckerte Frühstücksflocken. Kritisch zu sehen sei außerdem, dass solche Marken auch noch Programme für mehr Bewegung etwa an Schulen oder mit Sportverbänden anbieten.

Die Lebensmittelindustrie sieht für Kinderprodukte dagegen eine Berechtigung. Sie brächten Familien weitere Auswahlmöglichkeiten und Erleichterungen im Alltag, da nicht alle jeden Tag frisch kochen könnten. In punkto Nährstoffgehalt seien diese Produkte zudem nur in derselben Kategorie seriös vergleichbar, argumentiert der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde als Spitzenverband - etwa Milchspeisen für Kinder mit anderen Milchspeisen und Kinderwurst mit „normaler“ Wurst. Beim Werben beschränke sich die Branche bereits.

Mediziner mahnen dennoch, auf Speziallebensmittel für Mädchen und Jungen ab einem Jahr zu verzichten. Solche Produkte sollten nicht in der Höhe von Kinderaugen im Regal platziert werden, heißt es beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Inzwischen gebe es rund 1,9 Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche und etwa 800 000, die krankhaft dick sind. Eine kaufkräftige Zielgruppe sind die Kunden der Zukunft allerdings auch - laut „Kids-Verbraucheranalyse“ hatten die 6- bis 13-Jährigen zuletzt 24,80 Euro Taschengeld im Monat. Das Bundesverbraucherministerium sieht in erster Linie allerdings die Eltern in der Pflicht. „Ein Dreijähriger geht schließlich nicht selbst zum Einkaufen in den Supermarkt.“

frx/dpa