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Deutschland / Welt EU-Parlament für billigere Pillen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt EU-Parlament für billigere Pillen
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20:54 24.06.2010
Medikamente sind in Deutschland besonders teuer. Quelle: dpa
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Ob Hustensaft, Krebsmedikament oder Rheumasalbe – wer in Deutschland Medikamente braucht, muss tief in die Tasche greifen. Hierzulande bezahlen Patienten durchschnittlich 20 Prozent mehr als Kranke in den europäischen Nachbarländern. Der Grund: Deutschland ist eines der wenigen EU-Länder, in denen die Pharmafirmen die Preise für Arzneimittel selbst festsetzen dürfen. Das könnte sich bald ändern. Im Europaparlament setzen sich einflussreiche Politiker dafür ein, dass Medikamente überall gleich viel kosten. Gesetzlich Versicherte müssten dann weniger Krankenkassenbeiträge bezahlen.

Deutschland gehört in der EU zu den Ländern mit den höchsten Arzneimittelpreisen“, sagt der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. Wie drastisch die Unterschiede seien, zeige sich vor allem bei lebensnotwendigen Medikamenten. „Hier liegen die Preise für die Behandlung um 70 Prozent höher als in Ländern wie Italien, Belgien, Griechenland oder Spanien“, sagt Liese.

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Längst haben die Krankenkassen die Differenzen ausgerechnet. So müssen sie beispielsweise für das Multiple Sklerose-Medikament Betaferon 1429 Euro bezahlen, während dasselbe Präparat in Italien nur 817 Euro kostet. Noch teurer kommen die Kassen ihre Rheumapatienten zu stehen. So bezahlen sie hierzulande für das Medikament Remicade 2080 Euro, in Portugal schlägt die Behandlung nur mit 1480 Euro zu Buche. „Die Krankenkassenbeiträge ließen sich um 0,3 Prozentpunkte senken, wenn die deutschen Medikamente auf das EU-Preisniveau gesenkt würden“, erklärt Liese.

Wie sind solche Unterschiede überhaupt möglich? Es ist kein Geheimnis, dass in Deutschland die Pharmaindustrie die Preise für Medikamente, die sie auf den Markt bringt, selbst festlegen darf. Nur in Malta und Dänemark haben die Hersteller noch dieselbe Freiheit. In allen übrigen EU-Ländern gibt es hingegen gesetzlich festgelegte Regulierungen. So werden beispielsweise in Frankreich, Irland, Italien und Ungarn die Preise zwischen Herstellern und Staat verhandelt.

Dass dies in Deutschland bisher nicht der Fall ist, ist einem Argument geschuldet: Die Preise müssten hierzulande höher sein, um den Pharmaziestandort Deutschland zu schützen, argumentieren die Hersteller. Tatsächlich hat Deutschland aber auch das höchste Preisniveau für Produkte, die nicht im eigenen Land entwickelt wurden. Laut Liese kommen die meisten in der Bundesrepublik vertriebenen Medikamente von französischen, britischen und amerikanischen Herstellern.

Die Leidtragenden sind die deutschen Patienten und Krankenkassen. Denn: „Ein gesetzlich Krankenversicherter in Deutschland subventioniert so auch den Millionär in Spanien mit. Das ist unsozial“, sagt die CSU-Abgeordnete Anja Weisgerber. Dass Bundesgesundheitsminister Philip Rösler (FDP) einen gesetzlichen Preisstopp angeschoben hat, stößt dementsprechend auf Zustimmung im Europaparlament. In Brüssel will man aber noch einen Schritt weiter gehen und die Arzneimittelpreise EU-weit angleichen.

Derzeit lässt der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Parlamentes in einer Studie die Möglichkeiten eines gemeinsamen Pharma-Marktes ausloten. Mit den Ergebnissen wollen die Politiker im Herbst an die EU-Kommission herantreten. Die Behörde soll dann einen Gesetzesvorschlag vorlegen.

Hanna Roth