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Deutschland / Welt „Kartelle bei fast allen Autoteilen“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt „Kartelle bei fast allen Autoteilen“
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00:15 11.01.2014
Von Lars Ruzic
Schaeffler-Lager im Modell: Der Zulieferer aus Herzogenaurach rechnet im kommenden Jahr mit einer gepfefferten Kartellstrafe aus Brüssel. Quelle: Daniel Karmann
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EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia hat Strafen gegen Autozulieferer wegen Preisabsprachen angekündigt. "Wir vermuten Kartelle bei fast allen Teilen, die man für ein Auto braucht", sagte Almunia dem Magazin "Stern". Noch im Laufe dieses Jahres werde seine Behörde „einige Entscheidungen“ treffen.

Die Autozulieferer in Europa müssen sich auf eine Welle von Kartellstrafen einrichten. Seit Längerem untersuche seine Behörde mehrere Vorwürfe von Preisabsprachen, sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia dem „stern“. Die Ergebnisse der Ermittlungen hätten ihn dabei sehr überrascht. „Wir vermuten Kartelle bei fast allen Teilen, die man für ein Auto braucht. Das ist unglaublich.“ Noch im Laufe dieses Jahres werde seine Behörde „einige Entscheidungen“ fällen. In der Branche wird davon ausgegangen, dass die Bußgelder leicht Milliardenhöhe annehmen können.

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Seit mehreren Jahren sind die Wettbewerbshüter der Branche auf der Spur. Es gab bereits diverse Razzien bei Herstellern von Sitzgurten, Airbags, Lenkrädern, Motorkontrollsystemen und Wälzlagern. Erst kurz vor Weihnachten haben allein der Wälzlagerspezialist und Continental-Großaktionär Schaeffler sowie sein schwedischer Konkurrent SKF Rückstellungen in Höhe von zusammen 715 Millionen Euro gebildet, weil sie für dieses Jahr mit entsprechenden Bußgeldbescheiden aus Brüssel rechnen.

Auch der Stuttgarter Bosch-Konzern räumte gestern ein, ins Visier der EU-Behörde geraten zu sein. „Wir sind mit den Vorwürfen konfrontiert und unterstützen die Kommission bei ihren Untersuchungen“, sagte ein Konzernsprecher. Zu Details wollte er sich nicht äußern. Der hannoversche Konkurrent Continental sieht sich dagegen von den aktuellen Ermittlungen nicht betroffen, wie ein Sprecher sagte.

Allerdings hatte Conti erst vor wenigen Monaten einen Teil der Strafe übernehmen müssen, die einem früheren Gemeinschaftsunternehmen der Hannoveraner mit dem Yazaki-Konzern aufgebrummt worden war, das den Japanern inzwischen komplett gehört. Seinerzeit hatte die Kommission ein Kartell bei der Herstellung von Kabelbäumen ausgehoben und Bußgelder im Gesamtumfang von 142 Millionen Euro verhängt.

Parallel arbeitet derzeit auch das Bundeskartellamt an mehreren Verfahren gegen Zulieferer. Dabei geht es unter anderem um angebliche Preisabsprachen bei Autoblechen, textilen Bodenbelägen und Hutablagen. Auch hier gab es im zurückliegenden Jahr diverse Razzien. Die Ermittlungen liefen noch, sagte ein Sprecher gestern.

Der Verband der Automobilindustrie wollte sich nicht zu den Vorwürfen Almunias äußern. Die Zulieferer stellen in der Interessenvertretung 500 von 600 Mitgliedsunternehmen und stehen für rund 300 000 Mitarbeiter allein in Deutschland. Auf die Zulieferer entfällt heute gut drei Viertel der Wertschöpfung in einem Fahrzeug.

Die Arbeitsgemeinschaft der Zulieferindustrie (Argez) - ein Verbund von 9000 meist mittelständischen Unternehmen - sieht ihre Klientel nicht betroffen. In vielen Bereichen der Zulieferindustrie träfen auch heute noch viele kleine Lieferanten auf wenige große Abnehmer, sagte Argez-Sprecher Theodor Tutmann. Da sei keine Kartellbildung denkbar, im Gegenteil: Oft könnten die Autohersteller die Zulieferer leicht gegeneinander ausspielen und so die Preise drücken.