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Deutschland / Welt EU blickt gebannt auf die Konjunkturlok Deutschland
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt EU blickt gebannt auf die Konjunkturlok Deutschland
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17:10 29.11.2010
In Deutschland hat die Konjunkturerholung die Pleitewelle in der Wirtschaft gebremst.
In Deutschland hat die Konjunkturerholung die Pleitewelle in der Wirtschaft gebremst. Quelle: dpa
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Die Europäische Union schaut in der Hoffnung auf mehr Wirtschaftswachstum gebannt auf die unter Dampf stehende Konjunkturlokomotive Deutschland. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte am Montag in Brüssel bei der Vorlage einer neuen Konjunkturprognose, das Wachstum in der gesamten EU hänge wesentlich von den „Nebenwirkungen“ des deutschen Aufschwungs ab. Hier hat die Konjunkturerholung die Pleitewelle in der Wirtschaft gebremst und die Folgen für Mitarbeiter und Schadenssumme weniger dramatisch ausfallen lassen. Bei den Verbrauchern ist der Aufschwung hingegen noch nicht angekommen.

Der EU-Prognose zufolge soll es im Jahr 2012 erstmals seit 2007 wieder in sämtlichen 27 EU-Staaten Wirtschaftswachstum geben - und zwar durchschnittlich um 2,0 Prozent. Im laufenden Jahr rechnet die EU-Kommission in den 27 EU-Staaten mit 1,8 Prozent Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP). In den 16 Staaten mit Euro-Währung sollen es 1,7 Prozent sein. Noch im Mai hatte die Kommission für beide Regionen jeweils ein Plus von 1,0 Prozent erwartet.

Für Deutschland sagte die Kommission im laufenden Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent und von 2,2 Prozent im kommenden Jahr voraus. Das liegt deutlich über der vorherigen Prognose vom Mai (1,2 und 1,6 Prozent). In der EU haben nur die viel kleineren Volkswirtschaften Schwedens (4,8) und der Slowakei (4,1 Prozent) ein prozentual höheres Wachstum.

Rehn sagte, das Wachstum in der EU könne höher sein, falls die Binnennachfrage in den anderen Staaten anziehe und der starke Aufschwung in Deutschland auch in anderen Staaten Wachstum auslöse. Es sei noch ungewiss, wie stark der Wachstums-“Überschuss“ Deutschlands im Rest der EU wirken werde. Die deutsche Sparpolitik zur Konsolidierung des Haushalts im kommenden Jahr sei „weniger einschneidend“ als in anderen Staaten, die vor viel größeren Problemen stünden. Dies entspreche dem Ziel eines von Land zu Land unterschiedlichen Vorgehens. „Die stärkere Binnennachfrage in Deutschland hat wahrscheinlich positive Auswirkungen auf die gesamte Eurozone“, sagte Rehn.

Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform geht die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland nach dem Negativrekord im Krisenjahr 2009 in diesem Jahr um 2,5 Prozent auf 32 100 (2009: 32 930) zurück. Auch 2011 wird sich dieser Trend fortsetzen, prognostizierte Vorstandsmitglied Helmut Rödl: „Bei stabiler Konjunkturentwicklung ist nicht auszuschließen, dass die 30 000-Marke unterschritten wird.“

Bei den Verbrauchern ist der Aufschwung hingegen noch nicht angekommen. „Die Entwicklung der Privatinsolvenzen hat sich vom Konjunkturzyklus abgekoppelt, der Ansturm zahlungsunfähiger Verbraucher auf die deutschen Amtsgerichte ist nicht abgeebbt“, betonte Rödl. Die Zahl der Privatpleiten steuert auf einen neuen Rekordwert zu, der bislang bei 105 300 Verfahren im Jahr 2007 liegt. Die Experten erwarten im laufenden Jahr 111 800 Menschen in Deutschland, die vom Verfahren der Privatinsolvenz Gebrauch machen, um sich ihrer Schulden zu entledigen - das wären 10,9 Prozent mehr als 2009. Die Arbeitsmarktsituation wirke sich nun verzögert aus, erklärte Rödl.

Gleichzeitig würden Kredite wieder leichter vergeben und die Konsumstimmung steige. “9,5 Prozent der Erwachsenen weisen damit nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Aus diesem Potenzial droht ein weiterer Anstieg der Privatinsolvenzen.“ Nach den Angaben sind immer mehr Verbraucher in Deutschland überschuldet: 6,5 Millionen Erwachsene können ihre Zahlungsverpflichtungen auf absehbare Zeit nicht erfüllen. „Diese Leute können ihren normalen Lebensunterhalt nicht mehr aufbringen.“

Auf die Zahl der Unternehmensinsolvenzen habe sich neben dem anziehenden Exportmotor auch die angesprungene Binnennachfrage positiv ausgewirkt. Zudem habe die Entspannung auf dem Kreditmarkt den Unternehmen im Aufschwung geholfen: „Wir glauben nicht, dass wir eine Bugwelle vor uns herschieben“, sagte Rödl. Die heilende Kraft des Aufschwungs habe die Insolvenzstatistik mit sechs Monaten Verzögerung erreicht und damit schneller als erwartet. Ursprünglich hatte Creditreform für dieses Jahr mit 40 000 Firmenpleiten gerechnet.

Da im laufenden Jahr anders als 2009 meist Kleinstbetriebe (79 Prozent) mit maximal fünf Beschäftigten den Gang zum Amtsgericht antreten mussten, sank die Zahl der weggefallenen Jobs durch Insolvenz 2010 stark um 53,9 Prozent auf 240 000. Auch die Schadenssumme durch Insolvenzen ging drastisch zurück: Mit 35,4 Milliarden Euro bleibt sie um 55,1 Prozent unter dem Volumen von 2009 (78,9 Milliarden Euro). Die durchschnittliche Schadenssumme pro Insolvenz sank demnach auf 785 000 Euro nach 1,94 Millionen Euro im Vorjahr.

In der Wirtschaft erwartet die EU-Kommission für 2011 unverändert ein Wachstum von 1,7 Prozent in der EU und von 1,5 Prozent in der Eurozone. Es soll 2012 auf 2,0 beziehungsweise 1,8 Prozent steigen. Die wirtschaftliche Entwicklung sei aber noch sehr ungleichmäßig. Die Arbeitslosigkeit werde in der Euro-Zone von 10,1 Prozent in diesem Jahr auf 9,6 Prozent im Jahr 2012 sinken. Im Eurogebiet werde die Inflation von 1,5 Prozent in diesem Jahr auf 1,8 Prozent im kommenden Jahr steigen.

dpa

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