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Deutschland / Welt Ehemaliger Porsche-Finanzchef vor Gericht
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Ehemaliger Porsche-Finanzchef vor Gericht
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08:55 31.08.2012
Rund drei Jahre nach der Übernahmeschlacht mit VW beginnt für den Ex-Porsche-Finanzchef Holger Härter der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart. Quelle: dpa
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Stuttgart

Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. Das gilt auch für die spektakulär gescheiterte Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW 2009. Denn heute wird in Kreisen des Stuttgarter Sportwagenbauers über die damalige Zeit schon einmal mit Kriegsvokabular gewitzelt: „Wir standen schon kurz vor Wolfsburg und hatten sie sturmreif geschossen“, sagt einer, der die Innensicht hat. „Doch dann kam ja leider der Winter.“ Diesen Mittwoch (5.) startet für den Architekten des Angriffs, Porsches Ex-Finanzchef Holger Härter, das strafrechtliche Nachspiel vor Gericht.

Die beschriebene Szene mit der Festung Wolfsburg ist stimmig. Härter zimmerte ein fragiles Gebilde aus Finanzinstrumenten, mit der die kleine Sportwagenschmiede schleichend nach der Macht beim Wolfsburger Weltkonzern griff. Doch dann kam der Winter - in Gestalt der Finanz- und späteren Wirtschaftskrise. Das Kartenhaus, das Härter aufgeschichtet hatte, bröckelte erst und fiel dann in sich zusammen.

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Anders als die Details der Attacke sind die juristischen Folgen inzwischen hinlänglich bekannt. Die Porsche-Dachgesellschaft PSE und teilweise auch VW selber sehen sich längst mit Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe konfrontiert. Anleger im In- und Ausland fühlen sich rückblickend um ihr Geld gebracht und werfen den Porsche-Managern vor, gelogen und betrogen oder doch wenigstens geschummelt zu haben.

Neben dem zivilrechtlichen Klagedickicht kämpft sich seit Jahren auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart als staatlicher Strafverfolger durch die Kapitel des Wirtschaftskrimis. Erstes Ergebnis: Härter und zwei seiner damaligen Abteilungsleiter müssen vor das Landgericht und sich wegen Kreditbetruges verantworten. Der Vorwurf: Das Trio soll im März 2009 bei Verhandlungen für die Anschlussfinanzierung eines 10-Milliarden-Euro-Kredits den Firmenfinanzierer BNP Paribas falsch informiert haben. Dabei ging es um komplizierte Geldgeschäfte in der Porsche-Strategie, nach der Macht beim VW-Konzern zu greifen.

Die Manager ließen laut Anklage ein Risiko von rund 1,4 Milliarden Euro unter den Tisch fallen. Zudem habe Härters Team eine eventuelle Verbindlichkeit, sogenannte short puts, verschwiegen. Es geht dabei um eine Stückzahl von 45 Millionen Optionen, die Porsche je nach Kursentwicklung gut 100 Millionen Euro hätten kosten können. Gestritten wird vor Gericht auch um die Rechenbasis dieser Geschäfte.

Härters Anwältin Anne Wehnert von der Düsseldorfer Sozietät tdwe ließ die Vorwürfe bereits als haltlos zurückweisen. Ihr Mandant werde sich so früh wie möglich zu den Anschuldigungen äußern. Laut Gericht ist das bereits am Mittwoch nach Verlesen der Anklageschrift möglich.

Für Härter ist der Prozess nur die Spitze des Eisbergs. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den 56-Jährigen noch wegen Untreue und Marktmanipulation. Auch Härters einstigen Vorgesetzten, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, haben die Ermittler dabei im Visier. Er feierte jüngst seinen 60. Geburtstag und musste Porsche wie Härter Mitte 2009 verlassen. Frühestens im November könnte feststehen, ob gegen die beiden Ex-Top-Manager Anklage erhoben wird wegen Marktmanipulation oder Untreue - oder sogar gleich beidem.

Der erste Showdown am Mittwoch vor dem Landgericht wird auch ein Schlaglicht auf den jungen Staatsanwalt Reto Woodtli werfen. Der erst 33-Jährige hat vom Leiter der zuständigen Hauptabteilung IV, Hans Richter, den Zuschlag für den prestigeträchtiger Fall erhalten. Woodtli studierte von 1999 bis 2005 Rechtswissenschaften an der Uni Passau und in den USA. Er promovierte über Bilanzfragen bei verschachtelten Aktiengesellschaften - eine Konstellation, die nach der gescheiterten Übernahme auch zwischen Porsche und VW herrscht.

Seine Gegenspielerin Wehnert dürfte nicht weniger Erfahrung mit der Materie haben. Sie ist Expertin für Wirtschaftsstrafrecht etwa bei den Schwerpunkten Korruption, Untreue, Betrug oder Insiderhandel und promovierte im Strafprozessrecht. Ihr wohl bekanntester Fall: Die Verteidigung im Eschede-Prozess um das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik mit 101 Toten und 105 Verletzten.

Porsche und VW werden das Verfahren und die weiteren Ermittlungen genau verfolgen. Denn die milliardenschweren Zivilklagen und die Strafrechtsfälle sind gar nicht so unabhängig voneinander. Was in Stuttgart in die Gerichtsakten kommt, könnte den Anwälten aus den Schadenersatzklagen gewichtige Munition liefern - falls sie, etwa nach einem Urteil, Einsicht in die internen Dokumente erhalten.

dpa