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Deutschland / Welt Folien mit Funktion
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00:21 23.11.2015
Von Lars Ruzic
Der Marktanteil in Europa soll bei 60 Prozent liegen: Blick in die Produktion von Benecke-Kaliko. Quelle: HAZ
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Hannover

Die neuen Backsteine haben sie eigens brennen lassen. Der Farbton muss genau passen zum Stil des Gebäudes - so will es nun mal der Denkmalschutz. Und der hat einiges mitzureden, wenn es um die Firmenzentrale von Benecke-Kaliko geht. Als das Unternehmen 1901 vom Judenkirchhof hierher zog, da lag Vinnhorst noch vor den Stadtgrenzen Hannovers. Und die neue Folienfabrik war das, was Manager heute ein „Greenfield“ nennen würden - ein Werk auf der grünen Wiese mit viel Platz und Entwicklungsmöglichkeiten.

Längst Geschichte. Heute ist jeder der 165 000 Quadratmeter Fabrikfläche in Benutzung - oder steht eben unter der Obhut der Denkmalschützer. Auch die aktuellen Ausbesserungsmaßnahmen an der Fassade muss sich Benecke-Chef Dirk Leiß von ihnen absegnen lassen. Billiger und schneller werden Sanierungsmaßnahmen dadurch nicht. Daran haben sie sich gewöhnt in Vinnhorst. Kein Wunder: Kaum ein Unternehmen in der Region kann auf eine so lange Tradition verweisen. Die Wurzeln reichen zurück bis 1718 - in drei Jahren feiert Deutschlands ältestes Kunststoff verarbeitendes Unternehmen seinen 300. Geburtstag.

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Leiß weiß die Geschichte gut fürs Geschäft zu nutzen. „Vor allem in Asien ist eine solche Tradition ein unglaubliches Pfund“, berichtet der gebürtige Hesse. „Die Chinesen fallen bei der Besichtigung unserer Gebäude schier um vor Begeisterung.“ Zumal der Standort alles andere als ein Museum ist. Die Produktion läuft rund um die Uhr - man ist schon stolz darauf, sich die Feiertage als produktionsfreie Tage erarbeitet zu haben. „Die Fabrik stößt an natürliche Grenzen“, sagt Leiß. Längst haben sie weitere Kapazitäten an andere Werke abgegeben. Viel mehr geht nicht für die gut 1050 Beschäftigten in Hannover.

Was einst als „Königlich privilegierte Wachstuchmacherey“ begann, zählt heute zu den weltweit größten Spezialisten für Innenraumfolien im Auto. Ob Cockpit, Tür- oder Seitenverkleidung, Sitzbezüge, Sonnenblende oder Türablage - gerade in Europa gibt es kaum eine Automarke, deren Innenleben nicht in Hannover designt wurde. Der Benecke-Marktanteil auf dem Heimatkontinent ist so hoch, dass sie in Vinnhorst aufgehört haben, öffentlich darüber zu reden. Angeblich soll er bei über 60 Prozent liegen.

Die Contitech-Tochter profitiert vom Trend zu hochwertigen Fahrzeug­innenräumen. Selbst ihre kleinsten Modelle bieten die Autobauer inzwischen mit Verkleidungen in edlem Design an. Das wachstumsstärkste Segment in Europa - die geländegängigen SUV - wird oft auch gern mit Ausstattung in Leder-Optik bestellt. Auch hierfür liefert Benecke die Kunststofffolien. Hinzu kommt die „Individualisierung im Innenraum“, wie es Leiß umschreibt. Die Autokäufer wollen sich über das Interieur unterscheiden - und die Hersteller müssen immer mehr Varianten vorhalten. So wächst Benecke selbst auf dem gesättigten Heimatmarkt mit zweistelligen Wachstumsraten. „Das schafft nicht jeder“, sagt der Firmenchef.

Vor einem Jahr hat Leiß von einem belgischen Konkurrenten zwei Werke in Polen und Spanien mit zusammen gut 150 Beschäftigten übernommen, um die zusätzlichen Folien produzieren zu können. Sie sollen die deutschen Standorte in Hannover und dem schwäbischen Eislingen entlasten. In Mexiko wurde für mehr als 10 Millionen Euro gerade die Kapazität verdoppelt, um die USA aus der Nähe versorgen zu können. Dort hat Benecke längst nicht die herausgehobene Position wie in Europa. Allerdings waren die „Big Three“ in Detroit, General Motors, Ford und Chrysler, auch lange Hartplastik-Verfechter. Erst nach und nach setzen sich hochwertigere Materialien durch. Mit der mexikanischen Fabrik ist Benecke dafür gerüstet. „Das Potenzial für uns ist riesig“, sagt der 52-Jährige Leiß.

Noch kräftiger hat die Tochter des Continental-Konzerns in China investiert. Gerade ist die Produktion des zweiten Benecke-Werks auf dem größten Automarkt der Welt angelaufen. 40 Millionen Euro haben sich die Hannoveraner das kosten lassen. Der neue Standort in Changzhou produziert ausschließlich Folien mit dem „Öko-Tex-100“-Standard und erfüllt auch selbst alle EU-Ökostandards - mit geschlossenen Kühlwasserkreisläufen, Hightech-Filtern und so weiter. Dass Benecke Beschichtungen allein auf Basis von Wasserlacken herstellen kann, kommt dem Unternehmen dort zugute. Denn ausgerechnet im Land der Smogalarme hat die Regierung scharfe Richtlinien für die Luftqualität im Innern von Fahrzeugen erlassen. Die Grenzwerte sind strenger als in Europa oder den USA.

Dass der chinesische Automarkt derzeit „eine gewisse Beruhigung erfährt“, wie es der promovierte Chemiker Leiß beschreibt, spürt auch Benecke. An der Grundtendenz, dass der Markt über Jahre noch einen gewaltigen Nachholbedarf habe, werde das aber nichts ändern. In China profitiert Benecke von seinem Status als Zulieferer der Zulieferer. Über die Cockpit- und Sitzlieferanten sind die Folien nicht nur in deutschen Automarken vertreten, sondern auch bei vielen chinesischen Herstellern. Und gerade die günstigeren Modelle der heimischen Industrie waren bei den Chinesen zuletzt stärker gefragt. Von seinem Ziel, in diesem Jahr zweistellig zuzulegen und erstmals in der Firmengeschichte mehr als eine halbe Milliarde Euro Umsatz zu erzielen, muss Leiß deshalb nicht abrücken.

Mittelfristig wollen sich die Hannoveraner mit ihrer dekorativen Aufgabe nicht abfinden. „Die Tendenz geht dahin, Funktionen in die Folie zu bringen“, sagt der Alleinvorstand. Auf der Hannover-Messe präsentierte das Unternehmen bereits eine synthetische Polymermischung, die Wärme abstrahlen kann. Sie verbraucht deutlich weniger Energie als Heizdrähte und könnte leicht in Sitze, Armlehnen oder Fußraumverkleidungen integriert werden. Dass die Paste in den Elektrokreislauf integriert wäre, könnte sie etwa für E-Autos interessant machen. Allerdings gibt es dadurch auch elektromagnetische Wechselwirkungen, mit denen die Hannoveraner derzeit noch kämpfen. Derzeit tüftelt man noch an richtiger Technik und Geschäftsmodell. Spätestens zum 300. Jubiläum werden sie etwas Vorzeigbares präsentieren müssen.

Helmuth Klausing 20.11.2015
23.11.2015