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Deutschland / Welt Ein Jahr Finanz- und Wirtschaftskrise
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Ein Jahr Finanz- und Wirtschaftskrise
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13:56 15.09.2009
Mit dem Kollaps der US-Bank Lehman Brothers vor genau einem Jahr fing alles an. Quelle: AFP
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Konjunkturprogramme wurden aufgelegt, Kaufhäuser gingen pleite, Sparzinsen fielen auf Tiefstände, Anlegerrechte wurden gestärkt. Die Bilanz aus Verbrauchersicht fällt gemischt aus.

SPAREN: Seit kurzem ist das Geld von Sparern besser vor Bankpleiten geschützt. Die Bundesregierung erhöhte unter dem Eindruck von Bank-Insolvenzen vor allem in den USA die gesetzliche Einlagensicherung auf 50.000 Euro. Ab 2011 sind sogar 100.000 Euro geschützt. Die Finanzkrise beschert Sparern aber auch die magersten Zinsen seit Jahren, im Schnitt unter zwei Prozent. Hintergrund ist der Leitzins der Eurozone, den die Europäische Zentralbank (EZB) im Kampf gegen die Krise auf ein Rekordtief senkte.

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GELDANLAGE: Durch die Finanzkrise haben manche Anleger vor allem mit Aktien viel Geld verloren. Allmählich erholen sich die Kurse zwar wieder, wie stabil die Entwicklung ist, vermag aber niemand zu sagen. Tausende Anleger verloren außerdem durch die Pleite der US-Bank Lehman Brothers ihr Geld komplett, weil sie dieses in Zertifikate der Bank gesteckt hatten. Auch vor diesem Hintergrund verbesserte die Bundesregierung in der Krise den Schutz für Anleger vor Falschberatung. So müssen Bankberater bei Kundengesprächen ab 2010 schriftliche Protokolle anfertigen und vor Vertragsabschluss vorlegen.

AUTOFAHREN: Die Finanzkrise wuchs sich nach der Lehman-Pleite zur Krise für die übrige Wirtschaft aus. Stark betroffen ist unter anderem die Autoindustrie. Um der Branche zu helfen, legte die Bundesregierung die Abwrackprämie für Altautos auf. Autokäufer bekamen 2500 Euro, wenn sie ihr Altauto verschrotten ließen und ein neues kauften. Tanken wurde außerdem billiger, denn zusammen mit dem Ölpreis stürzten nach einem Rekordhoch im Sommer 2008 auch die Spritpreise ab. Zieht die Konjunktur aber wieder an, dürfte auch Benzin teurer werden.

GELD VERDIENEN: Trotz der Krise behielten bislang die meisten Menschen ihren Job. Viele Menschen haben aber deutlich weniger Geld, weil sie in Kurzarbeit geschickt wurden und daher auf rund ein Drittel ihres Lohnes verzichten mussten. Wer nicht von Kurzarbeit betroffen war, hat dagegen in der Krise oft sogar mehr Geld als zuvor. Viele Menschen profitieren nämlich immer noch von Lohnsteigerungen, die noch vor der Krise vereinbart worden waren.

EINKAUFEN UND REISEN: Die Krise dämpft den Anstieg der Preise, zeitweise sanken sie sogar. Auch daher bleiben die Verbraucher trotz Krise in Kauflaune. Insbesondere Lebensmittel werden günstiger. Discounter wie Lidl und Aldi liefern sich seit Monaten einen Preiskrieg. Auch viele Reiseanbieter senkten die Preise. Wer einkauft, kann wegen der Krise aber manch bekannte Adresse nicht mehr ansteuern: Woolworth, Karstadt, Quelle oder Hertie gingen pleite - und ein Teil der Filialen ist dicht.

BAUEN UND WOHNEN: Bauherren und Hauskäufern bringt die Krise die niedrigsten Kreditzinsen seit langem. Momentan ist deswegen laut Immobilienexperten ein guter Zeitpunkt zum Bauen, Hauskaufen oder Entschulden. Daneben sind auch die Preise für Gas und Heizöl vergleichsweise niedrig. Strom wird aber trotzdem teurer. Experten machen mangelnden Wettbewerb dafür verantwortlich.

MILLIONÄRE: Die Zahl der Dollar-Millionäre ist in der Finanzkrise geschrumpft. Weltweit gab es im vergangenen Jahr rund neun Millionen Haushalte mit einem Vermögen von mehr als einer Million Dollar (rund 700.000 Euro), wie eine am Dienstag veröffentlichte Studie der Boston Consulting Group (BCG) ergab. Das waren 17,8 Prozent und damit fast ein Fünftel weniger als noch ein Jahr zuvor. In Deutschland sank die Zahl der Dollar-Millionärshaushalte bis Ende 2008 demnach um 13,7 Prozent auf 374.000.

USA: Die weltweite Finanzkrise hat den USA einen heftigen Schlag versetzt - das Land bleibt jedoch die Weltmacht. Das ist das Ergebnis einer am Dienstag vorgestellten Studie des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London. Das Land habe gerade durch die Bewältigung der Wirtschaftskrise seine Stärke beweisen können und werde von anderen Staaten als wichtige Macht angesehen, heißt es im diesjährigen Strategiebericht der britischen Denkfabrik.

Zwar sei die ökonomische Vormachtstellung der USA durch die heftigste Wirtschaftskrise seit den 30er Jahren gedämpft worden. Das US-Bankensystem sei gelähmt gewesen und beinahe bankrott gegangen. Doch habe der Zusammenbruch auch die „enormen Ressourcen“ des Landes gezeigt, sich erfolgreich gegen diese Ausnahmesituation zu stemmen, schreiben die Autoren.

Die Tatsache, dass die USA ihre Position in der Welt behalten hätten, werde auch durch die Bemühungen von US-Präsident Barack Obama um einen Dialog mit Ländern wie dem Iran und Russland verstärkt. Auch Obamas Versuch, eine Brücke zur muslimischen Welt im Nahen Osten zu schlagen, trage dazu bei. Nahezu alle Länder hätten gewollt, dass sich Washington „weniger halbherzig“ um die internationalen Beziehungen kümmert als dies in den vergangenen Jahren unter US-Präsident George W. Bush der Fall gewesen sei, heißt es in dem Bericht.
Das IISS wies zudem die Annahme zurück, dass China unaufhaltsam zum Rivalen der USA aufsteigt. Die Krise habe offenbart, wie exportabhängig die Volksrepublik und wie eng die chinesische mit der US-Wirtschaft verbunden sei. Peking hege „beträchtliche“ militärische, politische und wirtschaftliche Ambitionen, im asiatisch-pazifischen Raum dominierten jedoch von den USA geführte Partnerschaften. „Für die meisten internationalen Probleme haben die USA bessere Möglichkeiten, Koalitionen zu finden als China.“ Trotzdem habe Obama die Grenzen der USA erkannt, anderen Nationen den eigenen Willen aufzuzwingen, lautet die Bewertung der Wissenschaftler.

AFP