Entscheidung im Alstom-Poker
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00:20 18.06.2014
Von Jens Heitmann
Im Übernahmepoker um den französischen Industriekonzern Alstom ist eine Vorentscheidung gegen das Angebot des deutschen Konkurrenten Siemens gefallen. Quelle: Maya Vidon
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München/Paris

Nach Informationen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)“ wollen nicht die Deutschen bei Alstom einsteigen, sondern ihr japanischer Partner Mitsubishi Heavy Industries. Die Weichen dafür habe der Siemens-Aufsichtsrat am Sonntagabend gestellt, berichtete das Blatt. Details zu dem komplizierten Manöver will der Konzern am heutigen Montag bekanntgeben.

Nach Angaben der FAZ soll sich Mitsubishi mit einer Minderheitsbeteiligung an Alstom beteiligen - die Rede ist von einer Größenordnung um die zehn Prozent. Im gleichen Umfang könnte sich der französische Staat bei dem Konzern einkaufen. Die zu erwerbenden Anteile sollen vom bisherigen Großaktionär Bouygues kommen; der französische Mischkonzern hält bisher 29 Prozent an Alstom. Demnach strebt Siemens keine direkte Beteiligung an.

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Grund: Die Münchener sind unter strategischen Gesichtspunkten vor allem am Erwerb des Gasturbinen-Geschäftes der Franzosen interessiert - darüber hinaus wollen sie die Übernahme von Alstom durch den Erzrivalen General Electric (GE) unbedingt verhindern. Die Amerikaner bieten für die Franzosen 12,35 Milliarden Euro. Sie hatten sich bereits die Zustimmung des Alstom-Managements gesichert, waren aber bei der französischen Regierung auf Widerstände gestoßen. Dies war als Signal an Siemens zum Einstieg gewertet worden.

Trotz der sich abzeichnenden Wende im Rennen um Alstom heizte der Pariser Finanzminister Michel Sapin gestern den Bieterwettkampf zwischen GE und dem Bündnis Siemens/Mitsubishi noch an. „Ich glaube, dass GE die eigene Offerte ebenfalls nachbessert“, sagte er mehreren Fernsehsendern. Sapin betonte, keine Präferenz für einen der Bieter zu haben. Jedoch werde sich Frankreich für den Erhalt von Arbeitsplätzen einsetzen. „Wir werden nicht für Alstom entscheiden, aber wir werden unseren Einfluss nutzen“, sagte Sapin.

Siemens-Chef Joe Kaeser und sein Amtskollege von Mitsubishi, Shunishi Miyanaga, waren in der vergangenen Woche gemeinsam im Élysée-Palast, wo sie Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg und den wichtigsten Wirtschaftsberater von Präsident François Hollande trafen. Dem Vernehmen nach haben sie dort die Grundzüge ihres Angebots für Alstom vorgestellt.

Während des Übernahmepokers ist in Frankreich die Furcht vor einer Zerschlagung von Alstom gewachsen. Die Aufnahme von Mitsubishi in die Bieterallianz mit Siemens soll diese Ängste noch verstärkt haben. General Electric betont jedoch ebenso wie die deutsch-japanische Bündnis, dass Alstom als Konzern erhalten bleiben soll. Abtrennungen oder Verkäufe von Teilbereichen werde es nur geben, wenn diese aus politischen, wirtschaftlichen und kartellrechtlichen Gründen zwingend nötig seien, hieß es von beiden Seiten. „Basis unseres Projektes ist eine Allianz, nicht einfach eine Übernahme gegen Cash“, sagte Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme.

Der Zeitplan ist eng. Der Alstom-Verwaltungsrat muss bis nächsten Montag entscheiden, welcher Bieter den Zuschlag erhält. GE hatte die ursprünglich eingeräumte Frist verlängert, weil sich Siemens vier Wochen für die Prüfung der Unterlagen ausbedungen hatte.

Siemens ist viermal größer

Alstom ist ein Aushängeschild: Mit seinen knapp 90 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 20 Milliarden Euro ist der Konzern eines der wenigen industriellen Schwergewichte, die Frankreich noch geblieben sind. Fast die Hälfte des Geschäfts entfällt auf die Sparte „Thermal Power“, die Turbinen und Kraftwerke baut und entwickelt. Deutlich kleiner ist der Bereich „Renewable Power“ mit Anlagen für die Nutzung erneuerbarer Energien wie Windkraft und Solarenergie. Die Sparte „Transport“ produziert Schienenfahrzeuge und betreibt unter anderem das ehemalige Linke-Hofmann-Busch-Werk in Salzgitter – dort bauen knapp 3000 Mitarbeiter vor allem Nahverkehrszüge. Zur Transport-Sparte gehört außerdem ein Ausbesserungswerk in Braunschweig. Dort hat auch die Bahntechnik von Siemens einen wichtigen Standort: Fast 3000 Mitarbeiter entwickeln und fertigen in Braunschweig elektronische Zugleitsysteme. Siemens ist in den gleichen Sparten aktiv wie Alstom – die Deutschen betreiben allerdings noch weitere Geschäfte und sind insgesamt ungefähr viermal größer als die Franzosen. In Frankreich wächst die Sorge vor einer Zerschlagung von AlstomSiemens und General Electric sehen dafür keinen Grund.

jen