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Deutschland / Welt Eröffnung wird erneut verschoben
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Eröffnung wird erneut verschoben
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10:16 09.05.2012
Die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens muss erneut verschoben werden. Quelle: dpa
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Berlin

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zur offiziellen Eröffnungsfeier des neuen Hauptstadtflughafens schon angesagt, Logistikexperten zitterten vor der „Nacht der Nächte“, dem heiklen Umzug der bisherigen Berliner Airporte Tegel und Schönefeld an den neuen Standort in der Nacht vom 2. zum 3. Juni. Und nun? Nichts. Die geplante Eröffnung des Flughafens Berlin BrandenburgWilly Brandt entfällt. Der Start des neuen Hauptstadtflughafens muss überraschend verschoben werden. Der Brandschutz im Gebäude genügt noch nicht den Vorschriften. Das 2,5 Milliarden Euro teure Projekt geht deshalb nicht wie geplant am 3. Juni in Betrieb, sondern verzögert sich um mindestens zwei Monate.

Es ist schon die zweite Verschiebung, ursprünglich war der 30. Oktober 2011 als Eröffnungstermin vorgesehen. Nach der neuerlichen Terminabsage wurde Kritik an der Planung und den Verantwortlichen laut. Die bisherigen Flughäfen Tegel und Schönefeld bleiben nun länger als geplant offen. So sollen keine der im Sommer geplanten Flüge ausfallen.

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Der Grund liegt in der Steuerung der Brandschutztechnik, die noch nicht wie gewünscht funktioniert, wie der Chefplaner des neuen Airports, Manfred Körtgen, erklärte. Der neue Airport hat die größte Entrauchungsanlage der Welt. Die zieht sich über mehrere Stockwerke und soll gewährleisten, dass bei einem Brand der Rauch abzieht und die Passagiere sicher evakuiert werden können. Die Anlage ist installiert, aber so kompliziert, dass die nötigen Tests und Prüfungen durch den TÜV bis zum 3. Juni nicht mehr sicher geschafft werden können. Eine große Rolle spielen dabei offensichtlich Steuerung und Software. An den Genehmigungsbehörden liegt es offenbar nicht, die Experten stünden bereit, erklärte Platzeck. „Aber sie haben keine Anträge vorliegen, die sie genehmigen können.“

Noch unklar ist, wer wem möglicherweise Schadensersatz zahlen muss. Die Gesellschaft Air Berlin, die am neuen Flughafen ein Drehkreuz aufbauen will, rechnet durch den Aufschub mit erheblichen Mehrkosten. Gastronomen und Einzelhändler müssen auf Umsatz im neuen Terminal verzichten. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) zeigte sich überrascht und rechnete mit Auswirkungen auf Airlines in aller Welt: „Wir müssen alle betroffenen Fluggesellschaften weltweit darüber informieren, dass sie ihre Abläufe ändern müssen“, sagte DFS-Geschäftsführer Ralph Riedle der „Financial Times Deutschland“. Das sei für alle Beteiligten ein erheblicher Aufwand. Die Lufthansa will ihren zum Sommer deutlich ausgeweiteten Flugplan ab Berlin erfüllen. „Die geplanten zusätzlichen Flüge sollen in jedem Falle starten“, sagte ein Sprecher.

Panung lief nicht optimal

Dass dem Thema Brandschutz zu wenig Beachtung geschenkt werde, zeige fast immer erst die Abnahme am Ende von Bauarbeiten, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbands Technischer Brandschutz, Wolfram Krause. „Dass sie zur Verhinderung des Betriebes führt, deutet darauf hin, dass in der Planung nicht alles optimal gelaufen ist.“

Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der auch Aufsichtsratschef der Flughafengesellschaft ist, erfuhr nach eigenen Worten erst am Montagabend von der „bitteren Erkenntnis“. Die Gesellschafter – Berlin, Brandenburg und der Bund – könnten sich über die Sicherheitsbedenken nicht hinwegsetzen: „Sicherheit hat Vorrang.“ Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) nannte es „bedauerlich, dass der Flughafen nicht pünktlich eröffnet“. Mit Blick auf die Baufirmen sagte Wowereit: „Wir behalten uns Regressforderungen vor.“ Durch die Verschiebung gehen zudem Millionenbeträge als Einnahmen verloren.

Wann der neue Flughafen in Betrieb geht, ist ungewiss. Flughafenchef Schwarz sprach von „einem Termin nach der Sommerpause“, was Landeschef Platzeck später in „spätestens in der zweiten Augusthälfte“ präzisierte. Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn droht bereits mit Regressforderungen: Der Stopp stelle alle Beteiligten „vor gewaltige logistische Probleme, die erhebliche Mehrkosten verursachen werden“, klagte er. Die Lufthansa blieb diplomatisch: „Wir bedauern die Verschiebung der Eröffnung des Flughafens BER“, hieß es gestern nur.

Wie es dazu kommen konnte, dass die Schwierigkeiten nicht rechtzeitig bemerkt wurden, blieb gestern unklar. Platzeck sprach von Fehlern im Projektmanagement, Airport-Chef Schwarz wollte von einem Rücktritt aber nichts wissen. In Branchenkreisen hieß es dazu: „So etwas hat es noch nicht gegeben. Da wartet man bis zur letzten Minute und lässt es vor die Wand fahren, anstatt schon im Februar Alarm zu schlagen.“

Flüge werden verlegt

Kein Flug soll ausfallen, erklärte die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Allerdings wird es an den beiden ohnehin schon sehr gut ausgelasteten Flughäfen Tegel und Schönefeld eng: Allein die Lufthansa fliegt ab 3. Juni 39 statt bislang von Tegel aus elf Ziele an, statt 650 sind es dann 1000 Flugbewegungen pro Woche. „Die geplanten zusätzlichen Flüge sollen in jedem Fall starten“, heißt es dazu in der offiziellen Erklärung des Unternehmens. Auch Air Berlin will den Flugbetrieb ausweiten.

Wer im Reisebüro oder direkt bei einer Fluggesellschaft gebucht hat, wird bei verändertem Abflugort oder geänderter Abflugzeit informiert. Wer sein Ticket im Internet gekauft hat, sollte sich bei der Fluggesellschaft informieren, ob Ort und Zeit noch stimmen.

Fluggästen steht wegen der verschobenen Flughafeneröffnung in Berlin keine finanzielle Entschädigung zu. „Die Qualität des Flughafens ändert nichts an der Qualität des Fluges“, sagte Reiserechtler Paul Degott gestern. Der Fluggast könne lediglich gegenüber der Airline oder dem Reiseveranstalter Kosten für höhere Anfahrtkosten geltend machen. Die Situation ändert sich, wenn durch die verspätete Eröffnung Flüge ausfallen oder sich massiv verspäten. In Fällen einer Annullierung hat der Fluggast nach Angaben des Luftfahrt-Bundesamtes die Möglichkeit, sich die Flugscheinkosten erstatten zu lassen oder eine anderweitige Beförderung einzufordern.

Zusätzlich sind vom Luftfahrtunternehmen Betreuungsleistungen wie Mahlzeiten und Erfrischungen und bei anderweitiger Beförderung am anderen Tag auch eine Hotelunterbringung zu erbringen. Darüber hinaus verpflichtet die Verordnung „(EG) Nr. 261/2004 Luftfahrtunternehmen“ zur Zahlung eines Schadensersatzes, wenn der Fluggast nicht zwei Wochen vor Abflugdatum informiert wurde. Ausnahme: Die Annullierung ist auf außergewöhnliche Umstände zurückzuführen. Das Vorliegen eines solchen außergewöhnlichen Umstandes ist im Einzelfall zu prüfen.

Klaus Stark/as/vm/dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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