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Deutschland / Welt Ferdinand Piëch – der leise Wilde
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Ferdinand Piëch – der leise Wilde
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19:05 25.07.2012
VW-Patriarch Ferdinand Piëch. Quelle: dpa
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Wolfsburg

Es war schon spät, als Gäste des Hamburger Hotels „Atlantic“ das Grüppchen an der Bar entdeckten. Jeder kannte die beiden Hauptfiguren, aber sie schienen so gar nicht aufs gleiche Bild zu passen. Der eine im dunklen Anzug, mit borstenkurzen Haaren und blitzenden Augen, der andere auch mit einer Vorliebe für Schwarz, aber eher Leder als Schurwolle, mit der langen Matte aus den Siebzigern und dem etwas verschleierten Blick. Ferdinand Piëch saß da mit Udo Lindenberg, der Techniker und der Musiker, der Kontrollfreak und der Rocker.

Dauergast Lindenberg verbrachte wohl den üblichen Abend zu Hause. Piëch hatte gerade eine mühsame VW-Hauptversammlung absolviert und war, so erzählt es ein Augenzeuge, entspannter Stimmung. Wolfsburg hatte den Übernahmekampf mit Porsche für sich entschieden und Piëch, auf beiden Seiten engagiert, war der gar nicht mehr heimliche Gewinner.

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Sie plauderten – worüber nur? Vielleicht darüber, wie man als Außenseiter Erfolg haben kann; als einer, der auf die Regeln der anderen pfeift, weil er mit ihnen keine Chance hätte. Piëch hat das immer getan. Sollte die Rolle des Autopatriarchen sein Lebenstraum gewesen sein, hat er ihn oft aufs Spiel gesetzt.

Da waren die vielen – freundlich ausgedrückt – Hakeleien im mächtigen Familienclan der Porsches und Piëchs. Dass er Anfang der Siebziger eine Beziehung mit der Frau seines Cousins anfing, die zwölf Jahre währte und zwei Kinder hervorbrachte, habe „keinen der beiden Familienteile entzückt“, sagt er selbst.

Wildester unter den Wilden

Die berufliche Grenzüberschreitung dieser Zeit war der Porsche 917, ein brachialer Rennwagen jenseits des Erprobten, dessen Scheitern das Familienunternehmen Unsummen gekostet hätte. Noch Jahrzehnte später bezeichnete ihn Piëch als „den Wildesten unter den Wilden“, und man wird das Gefühl nicht los, dass er selbst ein bisschen so ist wie dieses Auto: heftiger Vortrieb, aber schwer in der Spur zu halten.

Die Karriere bei Porsche endete mit dem Rückzug aller Familienmitglieder wegen allseitiger Unverträglichkeit, zu Audi zog es ihn danach auch wegen der dortigen Renitenz gegen die „sich autoritär aufführende Mutter VW“. Diesem Geist frönte der frischgebackene Audi-Entwickler und spätere Markenchef mit solcher Freude, dass ihn manches Projekt die Karriere hätte kosten können.

Es hat ihn nie gestört, genauso wenig wie die zahlreichen Feindschaften in der Autobranche. Das Verhältnis zur Daimler-Spitze ist unterkühlt, Geschäftspartner rollen mit ein paar Jahren Abstand nur noch die Augen, und ein ehemaliger Kollege beschreibt den Umgang als bisweilen „furchtbar“. Wo andere im rustikalen Autogeschäft gern mal laut werden, wird Piëchs Ton leise, überlegen, auch vernichtend. Ist ein Ziel definiert, gibt es nichts anderes mehr.

Trotzdem hat er es bis zur Spitze gebracht – oder eben gerade deswegen, denn als Anfang der neunziger Jahre ein Chef für den Mutterkonzern VW gesucht wurde, setzte ausgerechnet die IG Metall den Milliardärssohn durch. Dabei hätte ihnen der Konkurrent Daniel Goeudevert viel näher gestanden. Doch die Gewerkschafter wussten, dass es einen Getriebenen an der Spitze brauchte, um den Tanker VW auf neuen Kurs zu bringen. Sie überzeugten den damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder und in einer langen Nacht den restlichen Aufsichtsrat.

Erst hier, 1993, beginnt der „öffentliche“ Piëch. Seine PR-Manager wissen zunächst nicht, wie sie diesen leisen, fast scheuen Mann verkaufen sollen. Sie entscheiden sich für die Flucht nach vorn: Der neue Chef wird als genialischer Technikfreak inszeniert, der Motoren auf Papierservietten konstruiert und deshalb auch sonst ein bisschen eigenwillig sein darf. Stück für Stück bekommt er Gelegenheit, im kleinen Kreis seinen Charme und Witz zu zeigen, denn wer mit Piëchkeine Geschäfte machen muss, kann mit ihm sehr unterhaltsame Abende verleben.

Mit bösem Lächeln

Die Legende beginnt zu leben. Das ist klug, denn von nun an werden die Schlagzeilen nicht mehr enden. Die Viertagewoche und der Spionageverdacht gegen Einkaufschef Jòsé Lopez, die VW-Affäre und Porsches Übernahmeversuch, Führungswechsel und Sparprogramme, Großeinkäufe und Anspruch auf die Weltspitze – seit knapp 20 Jahren produziert der Konzern, getrieben vom Übervater, Nachrichten so verlässlich wie Autos. Dass auf halbem Weg einmal von Rückzug und Weltumsegelung die Rede war, ist längst vergessen.

Die Gäste der Geburtstagsfeier am Sonnabend werden so taktvoll sein, ihn nicht daran zu erinnern. Die hohe See liegt ihm jetzt wohl ferner denn je. Endlich kann aus MAN und Scania der Lkw-Konzern gebaut werden, der ihn seit mehr als einem Jahrzehnt umtreibt. Täglich wird mit der Übernahme der Motorradmarke Ducati gerechnet, die er seit jeher schätzt. Natürlich muss das Kapitel Porsche zu Ende geführt werden, und wer weiß, was er sonst noch im Kopf hat.

Am Donnerstag wird die Hauptversammlung das Aufsichtsratsmandat um fünf Jahre verlängern und Ehefrau Ursula neu wählen. Jahrzehntelang hat sich Ferdinand Piëch mit seinem Clan herumgeschlagen, hat mit bösem Lächeln über Familienunternehmen gewitzelt – und baut jetzt selbst eins. Es ist eine Pointe dieser Biografie, dass sie den notorischen Einzelgänger zum dynastischen Denken führt.

Andererseits: wohin sonst? Der Clan mag ihn Nerven gekostet haben, prägend war er allemal. Auch als Außenseiter lebte Piëch nie in einer anderen Welt. Die Agnellis in Italien, die Wallenbergs in Schweden oder die Toyodas in Japan, das war immer seine Liga, in die auch der beste leitende Angestellte nicht vorstößt. Vor Jahren, als spektakuläre VW-Erfolge dem damaligen Vorstandschef schon Entspannung gebracht hatten, wurde Piëch in kleiner Runde nach seinen Führungsprinzipien gefragt. Da spulte er nicht die Vorzeigeprojekte seiner ambitionierten Personaler herunter, sondern lehnte sich zurück und erzählte vom Schicksal europäischer Fürstenhäuser und der Organisation des osmanischen Reichs. Das zeugt nicht nur von den Erfolgen Schweizer Internatsbildung bei einem Mann, der nach allen Klischees nur Autos im Kopf hat. Es zeigt auch, in welchen Kategorien er denkt.

„Er hat VW immer als sein Unternehmen betrachtet“, sagt ein früherer Weggefährte. Und so versammelte sich im vergangenen September eine große Unternehmerfamilie auf der Tribüne, als VW zum traditionellen Konzernabend vor Beginn der IAA lud. Da saßen wohl erstmals in dieser Kombination Piëchs und Porsches verschiedener Generationen und betrachteten, was ihr Konzern zu bieten hat. Ein paar Monate vorher hatten sie sich noch über ihren größten Deal, die VW-Übernahme, heillos zerstritten, große Teile ihres Vermögen fast verspielt.

Doch das ist überstanden, am Ende werden die beiden Familienzweige die VW-Mehrheit behalten. Die nächste Generation mag sich auf ihre Rolle vorbereiten. Piëch saß dazwischen, kein Außenseiter mehr, aber innerlich anderswo, irgendwo vorn, auf der Bühne. Da standen die Autos.

Stefan Winter