Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Die Invasion der Chlorhühnchen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Die Invasion der Chlorhühnchen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:51 23.05.2014
Von Marina Kormbaki
Eine Frage der Kultur? Die meisten Amerikaner finden das chlorierte Hähnchen appetitlich hygienisch, den meisten Europäern ist’s eklig. Foto: rtr Quelle: dpa
Hannover

Sorgen vor einer Aufweichung des Importverbots chlorgebleichter Hühnchen aus den USA sind durchaus berechtigt. Aber das Chlorhühnchen hat sich während der kontroversen Debatte der vergangenen Monate derart aufgeplustert, dass es den Blick verstellt auf wichtige, in ihrer Wirkung vielleicht gravierendere Auswirkungen des Handelsabkommens.  

Nie zuvor wurde Verhandlungen über ein Handelsabkommen in Deutschland so viel Aufmerksamkeit zuteil, nie zuvor  waren die daran geknüpften Hoffnungen so groß, nie aber waren auch die Befürchtungen so groß. Die einen erwarten ein wahres Wirtschaftswunder. Zum Beispiel legte das Münchener ifo Institut Zahlen vor, wonach dank TTIP das reale Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland um etwa fünf Prozent steigen könnte. Die anderen fürchten Gentechnik auf dem Teller und den Verlust ihrer kulturellen Identität, sollten die Amerikaner die in Europa üblichen Subventionen und Quoten im Film- und Rundfunkbereich kippen wollen. Sollten. Denn kaum jemand weiß, was da eigentlich verhandelt wird, was in den Papieren steht. Unwissen erweist sich einmal mehr als bester Nährboden für Ängste wie für Illusionen.

Die EU-Kommission veröffentlicht jetzt immer mal wieder Verhandlungsdokumente. Ihr Inhalt ist sehr vage, dennoch wird schnell klar: Amerikaner und Europäer arbeiten gerade am umfangreichsten Handelsabkommen der Geschichte. Sollte TTIP tatsächlich mal zustandekommen – nicht jeder in Brüssel würde derzeit darauf wetten –, dann wären 850 Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks sowie ein Drittel des Welthandels betroffen. Nicht der Abbau von Zöllen steht im Mittelpunkt; die sind schon heute vergleichsweise niedrig. Vielmehr geht es um die Angleichung oder zumindest gegenseitige Anerkennung von behördlichen Vorschriften, von Zulassungsverfahren für exportwillige Betriebe und Produktstandards. Will ein Unternehmen Wurst, Autos oder Lippenstifte in die USA exportieren, muss es sich heute sowohl von deutschen als auch von US-Behörden auf eigene Kosten prüfen und zertifizieren lassen. Das hält viele Klein- und Mittelständler vom Weg über den Atlantik ab.

Wirtschaftsforschungsinstitute haben ermittelt, dass vor allem die Automobilindustrie mitsamt ihren Zulieferern vom Abkommen profitieren wird; etwa wenn die Vorschriften für Türschlösser, Bremsen, Sitze und Sicherheitsgurte beiderseits anerkannt werden. Und auch Anbietern von Versicherungsdienstleistungen werden sich mit dem transatlantischen Bürokratieabbau neue Märkte eröffnen. Dennoch beherrscht der Ekel vor dem Chlorhühnchen die Debatte – als würden europäische Hühner frei von Zusatzstoffen wie zum Beispiel Antibiotika auf grünen Wiesen glucken.

Woher rührt der schrille Ton, ausgerechnet in der Exportnation Deutschland? „Freihandelsabkommen werden grundsätzlich sehr kontrovers diskutiert – dies liegt daran, dass jede Handels­liberalisierung zu wirtschaftlichen Umverteilungen führt“, sagt Julia Püschel vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien in Berlin. „Während einige Unternehmen ihre Absatzmärkte ausweiten und zusätzliche Arbeitsplätze schaffen können, können andere Unternehmen der neuen ausländischen Konkurrenz nicht standhalten.“ Es geht also um Verteilungskämpfe, die mit dem Abbau protektionistischer Hürden auszubrechen drohen.

Die breite Ablehnung, die TTIP in der Bevölkerung erfährt, dürfte aber auch an dem Erfolg der Anti-TTIP-Kampag­nen liegen. Vor zwei Jahren haben Aktivisten das Zustandekommen des Handelsabkommens Acta verhindert. Bei Acta ging es lediglich um Urheber- und Markenrechte – „fast lächerlich im Vergleich zu den vielen Lebensbereichen, auf die TTIP Einfluss nehmen soll“, sagt Roland Süß von „TTIP unfairhandelbar“. Das Bündnis zieht derzeit mit giftgrünen Fracking-Spritzen und Chlorkanistern von Demo zu Demo. Grenzt das nicht an Panikmache – und das, wo doch noch kein belastbares Dokument aus den Verhandlungen vorliegt?

„Wir wollen die Leute sensibilisieren und informieren, bevor es zu spät ist“, sagt Süß. „Sind die Verträge fertig verhandelt, wagt es doch keiner mehr, Forderungen zu stellen.“

Auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg bekennen sich deutsche Unternehmer trotz allerhand Problemen zur Zusammenarbeit mit Russland. Kremlchef Putin kann sich als Gastgeber ungeachtet von Sanktionen der EU und USA über reichlich Zulauf freuen.

22.05.2014

Mehr Transparenz für Anleger, Werbe- und Vertriebsbeschränkungen für Anbieter, mehr Rechte für die Aufsicht: Mit einem Maßnahmenbündel soll der „Graue Kapitalmarkt“ schärfer reguliert werden.

22.05.2014

Der Nahrungsmittelkonzern Unilever verkauft seine Pastasoßen Ragu und Bertolli an den japanischen Lebensmittelproduzenten Mizkan. Die beiden Marken erzielen jährlich einen Umsatz von mehr als 600 Millionen Dollar.

22.05.2014