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Deutschland / Welt Frenzels Bezüge verärgern die Tui-Aktionäre
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Frenzels Bezüge verärgern die Tui-Aktionäre
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19:24 17.02.2010
Auch Aufsichtsratschef Dietmar Kuhnt (links) ließ auf der Hauptversammlung Kritik an der Vergütung von Michael Frenzel erkennen. Quelle: dpa
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TUI-Aktionäre sind Kummer gewohnt. Wer beim Amtsantritt von Vorstandschef Michael Frenzel 1994 für 1000 Euro Papiere des Konzerns gekauft hat, ist heute um 360 Euro ärmer. Weil sie immer noch auf Besserung hoffen oder auch nur um ihr Leid mit anderen zu teilen, kommen viele Minianteilseigner zur Hauptversammlung. Dort versichert der Vorstand Jahr um Jahr, dass „ihre“ TUI im Prinzip gut aufgestellt ist – die Ergebnisse aber wegen nicht vorhersehbarer Ereignisse leider erneut hinter den Versprechungen zurückbleiben oder nicht an denen des Vorjahres zu messen sind. Und wenn doch einmal die Vergleichbarkeit eines Bilanzabschlusses drohe, „wird schnell ein Rumpfgeschäftsjahr eingeführt“, sagt Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Den Rednern der Aktionärsvereinigungen fällt auf Hauptversammlungen die Aufgabe zu, den Unmut der Kleinaktionäre zu artikulieren. Bei der TUI müssen sie sich diese Rolle mit dem Vertreter eines Großaktionärs teilen. Wie schon in den vergangenen beiden Jahren schickt der norwegische Reeder John Fredriksen auch dieses Mal seinen Vertrauten Tor Olav Trøim vor, um das TUI-Management der Unfähigkeit zu zeihen. Er tut dies öffentlich, weil ihm die übrigen Anteilseigner einen Platz im Aufsichtsrat verweigern. Der gemeinsam erlebte Frust von Groß und Klein gebiert ein Bündnis, dass nicht nur an einem Aschermittwoch karnevaleske Züge trägt.

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Der Unmut Fredriksens und die Wut der Kleinaktionäre trifft sich in einem Punkt: Die Bezüge des Vorstandes – und insbesondere die des Vorsitzenden – sind beiden zu hoch. Frenzel habe im vergangenen Jahr 2,4 Millionen Euro verdient, obwohl die TUI ohne den Ertrag aus dem Verkauf der Mehrheit an der Reederei Hapag-Lloyd im normalen Geschäft 730 Millionen Euro Verlust eingefahren hätte, moniert Trøim: „Die TUI-Geschäftsführung hat wieder versagt – und wieder zahlen die Aktionäre den Preis für dieses Versagen!“ Der Konzern verzichtet für 2009 auf eine Dividende.

Schon als der Norweger als dritter Redner ans Pult schreitet, gibt es Geraune. Weil Trøim ein eher dröges und norwegisch eingefärbtes Englisch spricht, zünden seine Pointen oft erst mit der eloquenten Übersetzerin – dann aber kanalisiert sich die Stimmung wie früher bei Treffen der Statt- oder der Schillpartei: Für Differenzierungen bleibt kein Platz – schuld an allen Wechselfällen des Wirtschaftslebens sind die da oben, in diesem Fall die auf dem Podium.

Größte Wirtschaftskrise seit 1929? Ein nie erlebter Einbruch der Containerschifffahrt? Trøim kritisiert, dass die TUI Hapag-Lloyd über Wasser hält, mit „2,5 Milliarden Euro von unserem Geld“ – und erntet Beifall. Er rechnet vor, dass Fredriksens Bohrunternehmen Seadrill habe zuletzt eine Dividende von 800 Millionen Euro ausgeschüttet habe, deren Chef aber nur ein Viertel von Frenzels Bezügen bekomme – noch mehr Beifall. Der TUI-Chef müsse entweder weniger verdienen oder „die Konsequenzen seines Handelns ziehen und den Hut nehmen“ – besonders langer Beifall.

Mit seiner Kritik an den Bezügen trifft nicht nur Trøim einen wunden Punkt. Auch der Aufsichtsrat hat Frenzel dem Vernehmen nach nahegelegt, seine Bezahlung dem 2009 in Kraft getretenen „Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung“ anzupassen, das eine stärkere Kopplung der variablen Bestandteile an den Unternehmenserfolg fordert. Während seine Vorstandskollegen Peter Engelen und Horst Baier ihre Verträge ändern ließen, lehnte Frenzel ab. Selbst Aufsichtsratschef Dietmar Kuhnt ließ darüber Verwunderung erkennen: „Es ist nicht die Frage, ob es angemessen ist, sondern ob es dem Vertrag entspricht.“ Nach dem neuen Vergütungssystem können Vorstände nach Angaben Kuhns abhängig vom Erfolg zwischen 680 000 und 3,4 Millionen Euro im Jahr verdienen.

Jens Heitmann