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Deutschland / Welt Fresenius plant Klinik-Großkonzern
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Fresenius plant Klinik-Großkonzern
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19:28 26.04.2012
Von Jens Heitmann
In Hildesheim hat Rhön 2004 das städtische Krankenhaus übernommen – im vergangenen Jahr erfolgte der Umzug in den Neubau. Gossmann
In Hildesheim hat Rhön 2004 das städtische Krankenhaus übernommen – im vergangenen Jahr erfolgte der Umzug in den Neubau. Quelle: Gossmann
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Hannover. Der Satz hat gute Chancen auf einen der vorderen Plätze bei der Wahl der Untertreibung des Jahres. „Wir sind keine Kaufmaschine“, sagte Fresenius-Chef Ulf Schneider vor Kurzem auf die Frage, welche Zukäufe der Gesundheitskonzern plane. Zu dieser Zeit müssen die Vorbereitungen zur Übernahme der Rhön-Kliniken schon weit fortgeschritten gewesen sein, die Schneider gestern offiziell bekannt gab: Die Fresenius-Kliniktochter Helios will den Konkurrenten für rund 3,1 Milliarden Euro schlucken und so den unangefochtenen Marktführer unter den privaten Klinikbetreibern in Deutschland schaffen.

Das Vorhaben sprengt das Muster bisheriger Fusionen im Krankenhausbereich: Meist übernimmt ein potenter privater Konzern eine malade Klinik in öffentlicher Trägerschaft. Fresenius führt zwei sehr gesunde Partner zusammen: Die Tochter Helios steigerte 2011 ihren Umsatz um 11 Prozent auf 717 Millionen Euro und den operativen Gewinn um 17 Prozent auf 68 Millionen Euro. Der bisherige Marktführer Rhön meldete Erlöse von 2,6 Milliarden Euro (plus 3 Prozent) und einen Gewinn von 161 Millionen Euro (plus 11 Prozent).

Das neue Gebilde Helios-Rhön werde es „rund 75 Prozent der deutschen Bevölkerung ermöglichen, eine Klinik der Gruppe binnen einer Stunde zu erreichen“, erklärte Fresenius-Chef Schneider. Von der Landkarte her ergänzen sich die Betreiber schon jetzt: Während Rhön in Flächenländern wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern schwach vertreten ist, hat Helios in Niedersachsen Nachholbedarf: Elf Rhön-Häusern - unter anderem in Hildesheim, Nienburg, Salzgitter oder Gifhorn - stehen nur vier eigene Kliniken gegenüber.

Fresenius-Chef Schneider verspricht sich von der Fusion „erhebliche Vorteile“ - unter anderem im Einkauf, in den Servicebereichen und in der Verwaltung. Dadurch werde sich die operative Marge des neuen Verbundes um ein bis 2 Prozent erhöhen. Aber auch für die Patienten verspreche die neue Größe Vorteile, hieß es gestern. So könnten etwa die Überleitungen von Akut- zu Rehakliniken sowie die Übergänge zwischen der stationären und ambulanten Krankenversorgung künftig spürbar verbessert werden.

Mit dieser Zielsetzung spiegelt Fresenius die Erwartungen des Gesetzgebers wider. Den Gesundheitspolitikern aller Parteien ist schon länger bewusst, dass es in Deutschland zu viele Krankenhäuser gibt. Angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung müsse auch die Zahl der Betten sinken, verlangen die Krankenkassen.

Dieser Forderung tragen die Bundesländer in ihren Planungen zwar Rechnung - bisher jedoch ohne große Folgen: So ist die Zahl der Klinikbetten zwischen 1999 und 2009 deutlich gesunken, in Niedersachsen um 14,1 Prozent - die Anzahl der Krankenhäuser und der Abteilungen hingegen ging nur geringfügig zurück, in Niedersachsen um 5,6 beziehungsweise 3,1 Prozent. Das sei eben ein „vermachteter Markt“, klagte ein Krankenkassenmanager. Soll heißen: Immer wenn eine Miniklinik in ihrer Existenz bedroht ist, steht eine einflussreiche Lobby aus Lokal- und Landtagspolitikern zu deren Rettung parat und sorgt für Druck auf das jeweilige Gesundheitsministerium.

Der von der Politik getragene Wunsch nach Größe könnte im Fall Helios-Rhön noch am Kartellamt scheitern. „Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Klinikstandorte veräußert werden müssen, um die kartellrechtliche Freigabe zu erhalten“, erklärte das Fresenius-Management am Donnerstag. Zu Helios gehören aktuell 75 Kliniken und 31 medizinische Versorgungszentren. Die Gruppe versorgt mehr als 2,7 Millionen Patienten pro Jahr. Rhön-Klinikum besitzt derzeit 53 Krankenhäuser und 39 medizinische Versorgungszentren. Pro Jahr wurden zuletzt mehr als 2,2 Millionen Patienten behandelt.

Die Rhön-Kliniken wollen sich offenbar gerne kaufen lassen. Eugen Münch als Unternehmensgründer, Ankeraktionär, langjähriger Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzender unterstützt das Vorhaben. Er und seine Frau würden das Übernahmeangebot mit allen von ihnen gehaltenen Aktien in Höhe von 12,45 Prozent des Grundkapitals annehmen, erklärte der Manager: „Ein Verkauf an Dritte liegt nicht in meinem Interesse.“ Knapp zwei Drittel der Rhön-Anteile befinden sich in Streubesitz.

Die Rhön-Aktionäre können ein gutes Geschäft machen. Fresenius bietet ihnen 22,50 Euro je Aktie - damit liegt die Offerte um 52 Prozent über dem Schlusskurs vom Mittwoch. Die im Nebenwerte-index M-Dax notierten Titel sprangen gestern um rund 50 Prozent auf 22,14 Euro in die Höhe. Die im Dax notierte Fresenius-Aktie büßte dagegen 4,4 Prozent auf 70,65 Euro ein.

Albrecht Scheuermann 26.04.2012