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Deutschland / Welt Wenn die Firma nicht mehr zahlt
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00:15 03.10.2013
Von Nicola Zellmer
Wann, wie und wie hoch? Das Thema Krankengeld wirft oft einige Fragen auf. Quelle: dpa
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Hannover

Wann gibt es Krankengeld?
In den ersten sechs Wochen einer längeren Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit erhalten Arbeitnehmer eine Lohnfortzahlung von ihrem Arbeitgeber. Danach zahlt die gesetzliche Krankenversicherung Krankengeld. Bei privaten Krankenversicherungen gibt es dagegen kein einheitliches Krankengeld. Die Zahlungen im Krankheitsfall sind vielmehr individuell im Vertrag geregelt. Auskünfte darüber können daher nur die Versicherungen erteilen.

Wie lange wird das gesetzliche Krankengeld gezahlt?
Innerhalb von drei Jahren hat man wegen der gleichen Erkrankung einen Krankengeldanspruch von insgesamt 78 Wochen: Sechs Wochen lang zahlt der Arbeitgeber, 72 Wochen lang die Krankenkasse.

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Gibt es einen Krankengeldanspruch für die Eltern, wenn ein Kind erkrankt?
Laut dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) erhalten gesetzlich Versicherte für jedes Kind unter zwölf Jahren bis zu zehn Arbeitstage pro Jahr Krankengeld, wenn das Kind laut ärztlichem Attest betreut, gepflegt oder beaufsichtigt werden muss. Der Gesamtanspruch beträgt für jedes Kind 25 Arbeitstage.

Wie hoch ist das Krankengeld?
Die Höhe des Krankengeldes richtet sich nach dem Einkommen des Versicherten. Wie das BMG erklärt, zahlt die Krankenkasse ein tägliches Krankengeld von 70 Prozent des beitragspflichtigen Bruttoarbeitsentgelts, höchstens jedoch 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts. Aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze ergibt sich ein täglicher Höchstbetrag von 91,88 Euro. Vom Krankengeld abgezogen werden die Beiträge für die Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung.

Muss das Krankengeld versteuert werden?
„Das Krankengeld an sich ist steuerfrei“, sagt Jürgen Klaus von der Oberfinanzdirektion Niedersachsen in Oldenburg. „Aber der Bezug des Krankengeldes führt dazu, dass Einkünfte wie das Arbeitsentgelt im gleichen Jahr einem höheren Steuersatz unterworfen sind.“ Durch diesen sogenannten Progressionsvorbehalt können sich Steuernachzahlungen ergeben wie in diesem fiktiven Beispiel: Bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 25 000 Euro beträgt der Steuersatz 16 Prozent und die Steuerschuld damit 4000 Euro. Werden zusätzlich 5000 Euro Krankengeld gezahlt, erhöht sich das steuerlich relevante Einkommen nicht, der Steuersatz steigt jedoch auf 18 Prozent. Dadurch werden 4500 Euro Steuern fällig.

Worauf sollte man beim Krankengeldbezug achten?
Das Wichtigste ist laut Ines Verspohl, Referentin beim Sozialverband VdK Deutschland, eine lückenlose Krankschreibung. Der Krankengeldanspruch beginnt nämlich erst mit dem auf die Krankschreibung folgenden Tag. Gibt es eine Lücke bei der Krankschreibung, so kann das in bestimmten Fällen wie der Kündigung des Arbeitsverhältnisses dazu führen, dass der Krankengeldanspruch endet. Für die Berechnung zählt das Wochenende mit. Endet eine Krankschreibung also am Freitag, muss der Erkrankte auch an diesem Tag zum Arzt gehen. Um das Problem zu entschärfen, versucht der Sozialverband derzeit, eine rückwirkende Krankschreibung über zwei Tage durchzusetzen.

Endet mit dem Krankengeldanspruch auch die Krankenversicherung?
Das war früher so, hat sich aber geändert. Zum 1. August dieses Jahres wurde der Paragraf 188 des Sozialgesetzbuches (SGB) entsprechend ergänzt. Die Krankenversicherung darf ihre Versicherten jetzt nicht mehr einfach entlassen, sondern muss klären, ob eine Familienversicherung oder eine freiwillige Versicherung möglich ist. Im schlimmsten Fall laufen Beitragsschulden auf, der Versicherungsschutz geht aber nicht mehr verloren.

Darf der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) den Gesundheitszustand Krankgeschriebener überprüfen?
„Die Krankschreibung vom Arzt ist kein rechtsverbindliches Dokument, sondern nur eine Stellungnahme des Arztes“, erklärt Ines Verspohl vom Sozialverband. Der MDK darf daher den Gesundheitszustand überprüfen, auch anhand der Aktenlage, und kann die Einstellung des Krankengeldes verfügen. Rotraud Mahlow von der Verbraucherzentrale Niedersachsen rät Versicherten, gegebenenfalls gemeinsam mit ihrem Arzt gegen die Einstellung vorzugehen oder sich beraten zu lassen. „Da muss keiner in ein Loch fallen“, sagt sie.

Müssen Versicherte ihrer Krankenkasse Auskunft über medizinische Details geben?
Sowohl Rotraud Mahlow als auch Ines Verspohl bemängeln, dass längerfristig Kranke oft von ihrer Kasse telefonisch unter Druck gesetzt werden. „Medizinische Details gehen aber nur den Arzt etwas an“, sagt Verspohl. „Danach darf der Sachbearbeiter der Krankenkasse nicht fragen.“ Oft gebe es auch das Problem, dass die Kassen die Einstellung des Krankengeldes telefonisch bekannt geben. „Man sollte darauf bestehen, dass alles schriftlich mitgeteilt wird“, betont die VdK-Referentin.

Was passiert, wenn der Krankengeldanspruch nach 78 Wochen endet?
Dann gibt es die Möglichkeit, beim Rententräger Erwerbsminderungs- oder Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen. Da das Bewilligungsverfahren einige Monate in Anspruch nimmt, empfiehlt der Sozialverband, den Antrag möglichst frühzeitig zu stellen. Wer einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat, kann auch Leistungen vom Arbeitsamt beantragen. Zudem gibt es einen Rechtsanspruch auf Wiedereingliederung. „Man sollte rechtzeitig auf den Arbeitgeber zugehen, damit dieser planen kann“, sagt Verspohl. Vor allem bei jüngeren Arbeitnehmern unter 55 Jahren kann auch eine Reha-Maßnahme oder Umschulung sinnvoll sein.

Und wenn der Rentenantrag noch nicht durch ist und kein ALG-I-Anspruch besteht?
Dann werden die Erkrankten zumindest vorübergehend zu Hartz-IV-Empfängern. In diesem Fall kann es sein, dass Ersparnisse für den Unterhalt aufgewendet oder zu große Wohnungen gekündigt werden müssen. Deswegen sollte man rechtzeitig überlegen, wie es nach den 78 Wochen Krankengeld weitergeht.

Stefan Winter 30.09.2013