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Deutschland / Welt Neue Debatte um die Energiewende
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20:21 16.11.2014
„Die Regierung hat die Folgen hoher Energiekosten aus den Augen verloren“: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis in Dallas.
„Die Regierung hat die Folgen hoher Energiekosten aus den Augen verloren“: IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis in Dallas.
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Dallas/Hannover

Die „Allianz für Vernunft in der Energiepolitik“ von IG Metall, IG BCE, IG BAU und EVG startet eine Unterschriftenaktion „Für bezahlbaren Strom und gute Arbeitsplätze“. Gegenüber der HAZ übte IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis scharfe Kritik an der Politik: „Von der Kanzlerin bis zur Umweltministerin scheint der Bundesregierung und auch vielen Landesregierungen jedes Gefühl für die negativen Folgen zu hoher Energiepreise verloren gegangen zu sein“, sagte er.

Das wegen möglicher Umweltgefahren umstrittene Fracking dürfe nicht von vornherein ausgeschlossen werden, sagte Vassiliadis. Er ist mit dem Vorstandsvorsitzenden von ExxonMobil Deutschland, Gernot Kalkoffen, in die USA gereist, um sich über die US-Energiepolitik und die Erfahrungen mit Fracking zu informieren. Während in Deutschland das Umweltbundesamt diese Fördermethode bislang verbieten wollte, haben die USA damit das Energieangebot drastisch erhöht und die Preise gesenkt.

Möglicherweise bahnt sich aber auch hierzulande ein Kompromiss an: Nach einem Bericht des „Spiegel“ will die Bundesregierung die Auflagen für die Gasförderung per Fracking lockern. Danach sollen Probebohrungen künftig möglich sein, wenn eine Kommission aus sechs Wissenschaftlern keinerlei Bedenken habe. Ein bisher geplantes Verbot bis 3000 Meter Tiefe sei gestrichen worden, hieß es. Nach Darstellung der Grünen bedeutet dies, dass Fracking unter Auflagen zulässig sein soll. Bei der Fördertechnik werden tiefe Gesteinsschichten unter Einsatz von Chemikalien aufgebrochen.

IG-Metall-Chef Detlef Wetzel forderte: „Wir brauchen eine verlässliche und bezahlbare Energieversorgung. Sie bildet die Basis für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, für unsere Branchen und Arbeitsplätze.“ Alle möglichen Themen würden in Deutschland Aufmerksamkeit finden, nur die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nicht, so Vassiliadis. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sollte nicht der Einzige sein, der sich um Wachstum und Arbeitsplätze bemühe und versuche, diese Ziele mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen. „Die Auseinandersetzung um konventionelle Energie trägt in Deutschland geradezu irreale Züge, übrigens im deutlichen Unterschied zum Rest der Welt“, so Wetzel. Die Gewerkschaften bezeichnen günstige Gaspreise als eine elementare Zukunftsfrage.

ExxonMobil-Chef Kalkoffen forderte eine Versachlichung der Diskussion um das Fracking: „Hohe Umweltstandards und ein möglichst geringer Verbrauch von natürlichen Ressourcen sind auch unser Ziel.“ Allerdings sei es angesichts bedeutender Vorkommen - die vor allem in Niedersachsen zu finden sind - fahrlässig, sich der wissenschaftlichen Erforschung des Schiefergases zu verweigern. „Wenn wir 20 Prozent des einheimischen Gasverbrauches durch eigene Quellen decken könnten, müssen wir uns doch damit auseinandersetzen“, sagte Kalkoffen. Deutschland als Standort der Hochtechnologie habe gute Chancen, auch die Frackingforschung voranzutreiben.

Vassiliadis und Kalkoffen besichtigten auch ein BASF-Projekt am Golf von Mexiko, wo der Konzern mit Milliardenaufwand eine chemische Anlage errichtet, die sich mit Gas befeuern lässt. Vassiliadis hat der Investition im BASF-Aufsichtsrat selbst zugestimmt, sieht darin aber auch ein Warnsignal: Wenn deutsche Firmen innerhalb von nur sechs Monaten insgesamt etwa 60 Milliarden Dollar in den USA investierten, stelle sich die Frage, ob es noch um eine sinnvolle Globalisierung gehe - oder bereits um eine schleichende Abwanderung.

Preise für Öl und Benzin fallen immer weiter

Der Ölpreis ist erstmals seit September 2010 unter die Marke von 80 Dollar je Barrel (159 Liter) gefallen und zieht damit auch die Preise von Benzin und Diesel an den Tankstellen nach unten. Rechtzeitig vor Weihnachten wirkt das für die Verbraucher wie ein kleines Konjunkturprogramm. Mit durchschnittlich 1,47 Euro je Liter Superbenzin sei auch der Benzinpreis auf das Niveau von Ende 2010 gesunken, teilte der Mineralölwirtschaftsverband mit. Diesel kostet um die 1,30 Euro je Liter. Der Ölpreis war über mehrere Jahre relativ stabil und bewegte sich meistens in einem Preiskorridor zwischen 95 und 115 Dollar für ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent. Seit Mitte des Jahres ist der Ölpreis rückläufig, seit Anfang Oktober hat sich die Entwicklung rapide beschleunigt. Mittlerweile scheint ein Absacken auf 70 Dollar nicht mehr ausgeschlossen.