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Deutschland / Welt Die Fleischwende: Was kommt nach dem Steak?
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Die Fleischwende: Was kommt nach dem Steak?
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12:26 18.01.2019
Viele große Fleischbetriebe bieten mittlerweile vegetarische Alternativen an. Foto: Bernd Thissen/dpa
Berlin

Als Godo Röben seiner Belegschaft erklärte, sie solle künftig Schnitzel und Wurst auch aus Pflanzen herstellen, ging ein Raunen durch den Betrieb. Veggie? Wir? Eine Fleischfabrik? Die eine Hälfte schwieg, die andere war dagegen, und ein Dutzend gestandener Metzgermeister sah aus, als wollten sie den Chef in den Schwitzkasten nehmen. Röben hatte damit gerechnet: „Der Vegetarier ist ja der natürliche Feind des Wurstherstellers, jetzt sollte er unser Freund werden. Das ist schwer zu vermitteln.“

Röben, 50 Jahre alt, ist Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle und ein Querdenker. Vor gut fünf Jahren begann er, mit seinen Entwicklern die ersten vegetarischen Produkte herzustellen. Bis dahin produzierte der mittelständige Familienbetrieb im niedersächsischen Bad Zwischenahn Wurst und Fleisch ausschließlich von Tieren – seit 180 Jahren und sechs Generationen.

Wir mussten uns dringend etwas überlegen, bevor es andere machen“: Godo Röben, Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle. Quelle: Bettina MeckelBettina Meckel

Rügenwalder Mühle stellt ihr Geschäft um

Es bedurfte viel Überzeugungskraft, die Menschen für seine vegetarischen Visionen zu gewinnen. Röben, der damals noch Marketingleiter war, traf auf Widerstand in der Geschäftsführung und der Fleischbranche. Konkurrenten spotteten über den Veggie-Trip des Würstchenverkäufers, einer soll ihn „Vaterlandsverräter“ genannt haben.

Röben blieb standhaft, legte Daten zu Klimawandel, vegetarischer Ernährung und zum Fleischmarkt vor und hielt flammende Plädoyers dafür, dass man Veränderungen nicht ignorieren sollte. Um die Zahlen des Unternehmens stand es damals schlecht. Es ging also um die Wurst. „Wir mussten uns dringend etwas überlegen, bevor es andere machen.“

So vegetarisch ist die Wurstfirma Rügenwalder

Der Mann mit der Vision hat die Kritiker überzeugt. 2014 gelang dem Fleischproduzenten ein fulminanter Start bei der Markteinführung seines Veggie-Sortiments, seitdem geht es bergauf. Mittlerweile macht die Rügenwalder Mühle mehr als 30 Prozent Umsatz mit veganen und vegetarischen Produkten. 24 unterschiedliche Varianten gibt es bereits – von der vegetarischen Pommerschen mit Schnittlauch bis zum fleischlosen Crispy-Burger. Im kommenden Jahr sollen die fleischlosen Produkte 40 Prozent ausmachen. „Langfristig wollen wir das Segment noch weiter ausbauen“, sagt Röben.

Grüne Woche eröffnet – Agrarwende im Fokus

Sie ist der Jahresauftakt der Ernährungsbranche und politisches Forum: Die Internationale Grüne Woche in Berlin beginnt am Freitag. Im Fokus der Diskurse steht die EU-Agrarwende.

In diesem Jahr präsentieren sich in den Hallen am Funkturm so viele Aussteller wie nie. 1750 Produzenten und Händler aus 61 Ländern zeigen Neuheiten aus Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau.

Zu den Trends zählen die Veranstalter der Agrar­mes­se regionale Produkte, ökologische und vegane Ernährung sowie fairen Handel.

Bis zum 27. Januar werden rund 400 000 Besucher erwartet.

Anlässlich der Grünen Woche hat das Bündnis „Wir haben es satt“ für Sonnabend in Berlin zu einer Großdemonstration gegen die Agrarindustrie aufgerufen. Zu der Aktion „Essen ist politisch“ sind rund 10 000 Teilnehmer angemeldet.

Auch andere große Fleischfabriken sind auf den Veggie-Zug aufgesprungen, in den Supermärkten liegen die Alternativen neben den Fleisch-„Originalen“ in den Regalen – „Veggie-Zwerge“ von Gutfried, „Bruzzler Veggie“ von Wiesenhof, Meicas „Bratmaxe“ als Veggie-Würste. Vegane Nischenmarken treibt das auf die Barrikaden, denn neben Soja enthalten die Fleischersatzprodukte oft große Mengen an Hühnereiweiß. So rechnen Vegetarier gern vor, dass es etwa zwölf Hühner bedarf, um 100 Kilogramm vegetarische Mortadella herzustellen – zumal die männlichen Küken in vielen großen Mastbetrieben getötet werden.

Rügenwalder bringt deshalb immer mehr Produkte hervor, die ganz ohne tierische Inhaltsstoffe auskommen. Firmenchef Röben prognostiziert, dass es in zehn, 20 Jahren für jedes fleischhaltige Produkt im Markt eine rein pflanzliche Alternative gibt: „Die Zukunft gehört der veganen Wurst und dem pflanzlichen Schnitzel“, sagt er.

„Vegane Revolution“ als Vision

Er ist mit dieser Prognose nicht allein. Eric Schmidt, bis 2015 der Chef von Google und damit Spezialist für disruptive Geschäftsfelder, hält die „vegane Revolution“ für unaufhaltsam. In einem Vortrag listet der Tech-Visionär die sechs bahnbrechendsten Zukunftstechnologien auf. Ganz oben steht die Entwicklung einer pflanzenbasierten Nahrung – dann erst kommen künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder 3-D-Druck. „Wir haben die Technologie, um Nahrung auf Pflanzenbasis zu produzieren. Mit der Hilfe von Computern können Wissenschaftler und Forscher die besten Pflanzenkombinationen identifizieren und so leckeren Geschmack und beste Nährwerte erzielen“, glaubt Schmidt. Außerdem sei die heutige Fleischproduktion unökonomisch.

Bahnbrechende Zukunftstechnologie: Ex-Google-Manager Eric Schmidt setzt auf pflanzenbasierte Nahrung. Quelle: picture alliance

Denn Fleisch frisst Land, viel Land. Laut Welternährungsorganisation wird ein Drittel der weltweiten Anbauflächen in irgendeiner Form für die Produktion von Tierfutter für die Massentierhaltung genutzt. In Europa sind es sogar 60 Prozent. Es geht um Ackerflächen, die die Menschen auch direkt mit Getreide versorgen könnten. Für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch werden etwa 16 Kilogramm Pflanzennahrung und  mehr als 15 000 Liter Wasser benötigt. Dazu kommt, dass die hohe Fleischproduktion schädlich für die Böden, das Klima und die Artenvielfalt ist.

Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums und der gestiegenen Fleischlust in Schwellenländern wie China könnte sich der Bedarf verdoppeln, prognostiziert die Welternährungsorganisation. In Deutschland ist der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch doppelt so hoch wie im Rest der Welt. Auch wenn der Konsum leicht sinkt – im Schnitt isst jeder Deutsche immer noch 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Das ist doppelt so viel, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt. Dabei zeigen Studien, dass zu viel Fleisch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und Darmkrebs befördert.

Sechs Prozent der Deutschen sind Vegetarier

Zwar kann man das Gefühl bekommen, dass es um einen herum vor Fleischverächtern nur so wimmelt. Doch laut Ernährungsreport der Bundesregierung essen lediglich 6 Prozent der Deutschen konsequent vegetarisch und nur ein Prozent vegan, also ganz ohne tierische Zutaten. Immerhin gaben laut dem Bericht mit 28 Prozent immer weniger Menschen an, dass täglich Fleisch und Wurst auf ihre Teller kommt. Jeder Zehnte bezeichnet sich inzwischen als Flexitarier oder Teilzeitvegetarier und erklärt, nur noch ab und zu Fleisch zu essen – und das in hoher Qualität.

Der moralische Druck auf gedankenlose Karnivoren wächst jedenfalls: Ist es ethisch vertretbar, Billigfleisch aus der Massentierhaltung zu essen? Von Tieren, die sich, dicht gedrängt und mit Antibiotika vollgepumpt, die Schwänze abbeißen? Von Ferkeln, die bei vollem Bewusstsein kastriert und nach kurzem, qualvollem Leben zur Schlachtbank gezerrt werden? Firmenchef Röben fasst es so zusammen: „Wir sind eine Branche, die für ihre Marken töten muss, das macht es dauerhaft schwierig.“

Proteststurm gegen Aldi-Billig-Steak

„Wir sind eine Branche, die für ihre Marken töten muss, das macht es dauerhaft schwierig“: Letzte Arbeiten vor der Eröffnung der 84. Internationalen Grünen Woche auf dem Messegelände am Funkturm in Berlin-Charlottenburg. Quelle: imago stock&people

Das Problembewusstsein ist gewachsen: Aldi Süd wurde im vergangenen Jahr für ein Schnäppchensteak (600 Gramm für 1,99 Euro) mit einem Shitstorm kritischer Verbraucher im Netz abgestraft. Das wäre vor zehn Jahren kaum denkbar gewesen. Vor allem junge Menschen halten den Sonntagsbraten immer öfter für die Achse des Bösen und erklären ihren Eltern, dass sie kein Fleisch mehr essen. Glaubt man Pop-Philosoph Richard David Precht, so steht ohnehin bald das Ende der Massentierhaltung bevor. Diese sei, sagt er, „die große Sauerei der Menschheitsgeschichte“. In 20 Jahren werde sich die Mehrheit der Menschen von Kunstfleisch ernähren. Nur Deutschland sei gerade dabei, die Entwicklung zu verschlafen.

Biotechnologiefirmen in den USA, Japan, Israel und den Niederlanden arbeiten tatsächlich längst an Fleisch aus dem Labor. Bald schon soll aus Stammzellen gezüchtetes Muskelgewebe, sogenanntes In-vitro-Fleisch oder „Clean Meat“, überall verkauft werden – als Hühnernuggets oder Rindfleischburger aus dem Labor. Was dann auf die Teller kommen soll, hat nie als Stück eines Tieres im Stall oder auf der Weide gestanden. Für das Laborfleisch werden Nutztieren bestimmte Stammzellen entnommen. In einer Nährlösung sollen sie sich so vermehren, dass innerhalb von vier Wochen ein Stück Fleisch entsteht. Bereits 2013 hatte der niederländische Forscher Mark Post die erste Frikadelle aus Stammzellen von Rindern in London präsentiert. Den Testessern schmeckte sie gut – wie echtes Fleisch. Happig waren die Herstellungskosten: 250.000 Euro.

Bald kommt Kunstfleisch aus tierischen Zellen auf den Markt

Das soll sich bald ändern. Im kalifornischen Silicon Valley produziert die Firma Memphis Meats Hackbällchen und Chickenburger aus tierischen Zellen. Schon 2020 soll das Kunstfleisch in den höherpreisigen Einzelhandel kommen – zunächst für 10 Cent pro Gramm. Zwei Jahre später sollen Discounter das Kunstfleisch für 2 Cent pro Gramm beziehen können. Ähnliche Pläne hat das israelische Start-up Supermeat, an dem die PHW-Gruppe, das Mutterunternehmen des Geflügelzüchters Wiesenhof, Anteile erworben hat. In wenigen Jahren soll dessen Ware auf dem Markt sein – auch in Deutschland.

Ernährungsexperten gehen davon aus, dass die Bundesbürger den Produkten aus der Petrischale eher skeptisch gegenüberstehen, weil Ernährung für sie eher „natürlichen Ursprungs“ sein soll – oder zumindest so angepriesen wird. Ähnliches gilt für Produkte aus Insektenprotein, Hoffnungsträger der Wissenschaft. Insekten liefern neben hochwertigen Proteinen Ballaststoffe sowie Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen oder Magnesium.

Sind Insekten als Essen massentauglich?

Laut Welternährungsorganisation essen weltweit bereits zwei Milliarden Menschen Käfer, Raupen und Heuschrecken und andere Krabbeltiere. In Europa werde der Durchbruch eher unsichtbar in Pulvern und Pasten daherkommen, etwa für Müsliriegel oder Kekse, prognostizieren die Marktforscher vom Zukunftsinstitut in Frankfurt. Umfragen haben jedoch ergeben, dass Insekten als Nahrungsmittel nicht massentauglich seien.

Unternehmer Röben sieht die Erfolgschancen für allzu experimentellen Fleischersatz ebenfalls skeptisch. Es sei nun Aufgabe der Unternehmen, vorhandene Produkte besser zu machen, sagt er. „Dann ist allen geholfen, ohne dass jemand verzichten muss.“

Lesen Sue hier:
Initiative fordert verpflichtendes Veggie-Logo für Lebensmittel

Von Sonja Fröhlich

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