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Deutschland / Welt Grünen-Verkehrsexperte wirft Deutscher Bahn Versäumnisse vor
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Grünen-Verkehrsexperte wirft Deutscher Bahn Versäumnisse vor
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20:20 30.12.2010
Quelle: Handout
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Winfried Hermann trat 1982 den Grünen bei. Der 58-Jährige wurde in Rottenburg am Neckar geboren, studierte und war als Gymnasiallehrer tätig, bis er in die Politik wechselte. Von 1992 bis 1997 war Hermann Landesvorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg. Seit 1998 ist er Mitglied des Bundestags und leitet dort seit dem vergangenen Jahr den Verkehrsausschuss.

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Herr Hermann, als grüner Verkehrspolitiker fahren Sie sicher häufig mit dem Zug. Wie war das in den letzten Wochen?

Ich war sehr viel unterwegs. Im Fernverkehr war kein einziger Zug pünktlich, alle Züge waren im Gegenteil teils sehr stark verspätet. Die momentane Situation ist völlig unerträglich und eine Zumutung für alle Reisenden. Ich fahre seit Jahrzehnten mit der Bahn. Noch nie war die Bahn über Wochen so unpünktlich und das Chaos so dermaßen groß.

Das klingt jetzt reichlich übertrieben …

Die DB musste ihren Kunden zeitweise sogar raten, die Züge wegen Überfüllung besser nicht zu nutzen. Das ist doch eine glatte Bankrotterklärung für jedes moderne Verkehrssystem. So weit darf es nicht kommen, schon gar nicht in einem so reichen Land. Hier hat auch die Verkehrspolitik der Bundesregierung über Jahre hinweg versagt.

Der Winter ist ungewöhnlich heftig, auch andere Bahnen haben Probleme. Ist die Kritik an der DB nicht überzogen?

Natürlich kann es in einem strengen Winter zu Problemen kommen – die Frage aber ist doch, in welchem Ausmaß. Was die DB seit Wochen abliefert, ist eine einzige Katastrophe. Solch ein Verspätungschaos, wie wir es seit Wochen erleben, ist bei jeder Witterung absolut inakzeptabel. Dieser Winter legt schonungslos offen, welch gravierende Schwächen der deutsche Schienenverkehr wegen jahrelanger Versäumnisse hat.

Auch im Ausland kommen Züge wegen Eis und Schnee verspätet an …

Man kann aber nicht alles auf den strengen Winter schieben, wie es die DB gerne tut. Wenn Reservezüge fehlen, Toiletten im ICE reihenweise nicht funktionieren, in manchen Regionalzügen alles klappert und beim Bremsen die Türen aufgehen, dann hat das nichts mit Frost, sondern viel mit schlechtem Management, unzuverlässiger Technik und nachlässiger Wartung zu tun. Hier wurde über Jahre hinweg viel zu wenig getan und investiert.

Könnte es sein, dass der Anspruch vieler Bürger, auch in härtesten Winterzeiten immer und überall hin reisen zu können, einfach zu hoch gesteckt ist?

Das ist sicher richtig. Auch der moderne Mensch sollte trotz aller Hochtechnologie akzeptieren, dass Wetter und Natur immer noch Grenzen setzen, die man respektieren muss. Es gibt eben Tage, an denen das Auto besser in der Garage bleibt, das Flugzeug am Boden und selbst die Bahn Probleme hat, noch durchzukommen.

So sieht das die Bahn-Spitze ja auch …

Das lasse ich nicht gelten. Die entscheidende Stärke der Bahn sollte es doch gerade sein, selbst bei widrigstem Wetter noch akzeptablen Reiseverkehr und Komfort anzubieten. Diesen Wettbewerbsvorteil machte die Bahn ja einst zu Recht sogar zum Werbeslogan – und genau diesen Vorteil hat die DB-Spitze leichtfertig verspielt.

Inwiefern?

Seit Jahren zählen nur noch der Börsengang, möglichst hohe Renditen, Sparprogramme, der teure Hochgeschwindigkeitsverkehr und unsinnige Großprojekte wie Stuttgart 21. Das ist der völlig falsche Weg.

Die Manager betonen, es werde alles getan, um Verspätungen und Ausfälle in Grenzen zu halten. Sehen Sie das auch so?

Das Krisenmanagement überzeugt mich nicht. Die DB hat sich viel zu schlecht auf diesen Winter vorbereitet und die Probleme unterschätzt. Das ist offensichtlich. Die Reisenden müssen die Fehler nun ausbaden. Die Ursachen für das Chaos liegen aber tiefer. Die Konzernspitze um Vorstandschef Rüdiger Grube kümmert sich zu wenig um das Kerngeschäft, einen absolut erstklassigen Zugverkehr in Deutschland zu garantieren.

Hat der DB-Chef versagt? Immerhin versprach Grube, dass diesen Winter alles besser werde.

Viele falsche Weichenstellungen fallen in die Amtszeit seines Vorgängers Hartmut Mehdorn. Grube ist aber seit Mai 2009 im Amt. Er hatte genug Zeit umzusteuern. Ein wirklich neuer Kurs aber ist nicht erkennbar. Man verzettelt sich weiter und steckt dass knappe Geld vor allem in teure Zukäufe im Ausland wie Arriva oder in unsinnige Großprojekte – anstatt in neue Züge, schönere Bahnhöfe und ein leistungsfähigeres Schienennetz.

Weil Züge knapp sind, hat der Konzern die überlasteten Nord-Süd-Hauptrouten durch zusätzliche Intercity-Züge verstärkt. Dafür wurden andere Strecken ausgedünnt. Eine richtige Entscheidung?

Das sind reine Notmaßnahmen, die nicht viel weiterhelfen und an anderen Stellen Engpässe verursachen. Die DB verwaltet weiter den Mangel, anstatt endlich ein umfangreiches Investitionsprogramm zu starten. Es ist seit Jahren klar, dass die Flotte modernisiert und erweitert werden muss und Reserven fehlen. Trotzdem ist viel zu wenig passiert.

Die Bahn will die bis zu 40 Jahre alte Intercity-Flotte durch eine neue Zuggeneration ersetzen …

Das hören wir seit Jahren. Doch der Großauftrag ist bis heute nicht vergeben. Und so dauert es noch länger, bis die IC-Flotte endlich modernisiert wird. So wird der Schienenverkehr nicht attraktiver und wettbewerbsfähiger. Es fehlt jede Übergangsstrategie.

Wo sollte investitiert werden?

Ich schlage einen Fünfpunkteplan vor. Erstens: Die DB sollte sofort zusätzliche Züge leasen, um die Flotte und die Reserve aufzustocken. Diese Maßnahme ist überfällig. Zweitens: Die Bahn sollte wieder mit Loks bespannte Fernzüge kaufen, die bewährt sind und weniger anfällig für technische Probleme als der ICE 3. Bei diesen Fernzügen könnte man zudem doppelstöckige Waggons wie im Regionalverkehr einsetzen.

Und weiter?

Auch beim Schienennetz gibt es Nachholbedarf. Sofort investiert werden sollte drittens in mehr Weichenheizungen, damit nicht bei jedem Frost gleich Strecken blockiert sind. Viertens brauen wir wieder mehr Parallel- und Ausweichstrecken, um Ausweichmöglichkeiten zu haben. Hier wurde viel zu viel stillgelegt. Fünftens schließlich sind bessere Informationssysteme für Zugbegleiter und Fahrgäste nötig, damit bei Verspätungen nicht gleich das Chaos ausbricht.

Wie sollen diese Investitionen finanziert werden?

Das ist eine Frage der Prioritäten. Der Bund will von der DB jährlich 500 Millionen Euro Dividende kassieren. Dieses Geld könnte man zweckgebunden für das Investitionsprogramm nutzen. Zudem steckt die Bahn viele geliehene Milliarden in Zukäufe im Ausland. Allein die Übernahme des britischen Konkurrenten Arriva kostete fast 3 Milliarden Euro. Geld ist also genug da – es wird nur an den falschen Stellen ausgegeben.

Interview: Thomas Wüpper