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Deutschland / Welt Ein Land will raus aus der Rückständigkeit
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Ein Land will raus aus der Rückständigkeit
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00:25 17.04.2015
Indiens neuer Regierungschef Narendra Modi und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Indiens neuer Regierungschef Narendra Modi und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: Bernd von Jutrczenka
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Neu-Delhi

Es ist ein Knochenjob. Unzählige Male am Tag balanciert Deepa auf ihrem Kopf ein Dutzend Steine die schmale Holzplanke zum Rohbau hoch. Ihr Baby schläft derweil auf einem schmutzigen Tuch am Straßenrand. Die hagere 26-Jährige ist eine von Indiens Arbeitsmigrantinnen, die sich für jämmerliche 100 Rupien am Tag auf Baustellen verdingen. Die Männer sind mit Maurerarbeiten beschäftigt. Das Baugerüst für das neue Wohnhaus in Delhis Defence Colony besteht aus wackligen Bambusstangen. Bagger oder Kräne sieht man nicht, allein ein Zementmixer hilft den wenigen Leuten bei der Arbeit.

Bauen ist in Indien, sieht man von Großprojekten ab, immer noch vor allem Handarbeit. Wie in vielen Branchen fehlt es an modernen Maschinen. Seit Monaten tourt  Indiens neuer Regierungschef Narendra Modi durch die Welt und buhlt um ausländisches Kapital. Vor wenigen Tagen war er in Hannover zur Messeeröffnung. Indien sucht als Partnerland der weltgrößten Industrieschau Anschluss an moderne Zeiten.

Manager und Industrielenker aus allen Ländern blicken mit neuem Interesse auf den Subkontinent. Die vergangenen Jahre hatte die wirtschaftliche Entwicklung der größten Demokratie der Welt eher enttäuscht. Die Politik schien wie gelähmt, das Wachstum brach ein. Modi, seit Mai 2014 Premierminister, gilt als ein Hoffnungsträger. Ihm hängen zwar wie dunkle Schatten die Massaker an Muslimen in Gujarat von 2002 an. Damals starben fast 1000 Menschen nach gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen, und Modis Regionalregierung im Bundesstaat Gujarat wurde vorgehalten, die Eskalation nicht verhindert zu haben. Er trat damals zurück, bald aber zog es ihn wieder auf die politische Bühne. Heute gilt er, diesen Vorbelastungen zum Trotz, in Indien als wirtschaftsnaher Macher, der die Ärmel hochkrempelt.

Neunmal so groß wie Deutschland, aber Schwellenland

Indien ist mit einer Fläche von 3,3 Millionen Quadratkilometern neunmal so groß wie Deutschland. Zwischen dem Himalaja und der Südspitze leben 1,25 Milliarden Menschen. Die Inder stellen nach den Chinesen die zweitgrößte Nation der Erde. Indien ist die Heimat vieler Kulturen, Sprachen und Religionen.

Die Mehrheit, etwa 80 Prozent, sind Hindus. Rund 13 Prozent bekennen sich zum Islam. Christen und Sikhs sind jeweils etwa 2 Prozent. Daneben gibt es Buddhisten, Juden, Jains, Parsen und Animisten. Die Republik Indien ist ein säkularer Staat, in dem die Religionsfreiheit verankert ist. Überfälle auf Christen und Muslime lösen aber immer wieder Zorn aus. Indien wurde 1947 von Großbritannien unabhängig. Das Land mit seinen 29 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien gilt als größte Demokratie der Welt.

Der Ministerpräsident leitet die Geschäfte der Regierung, während der Staatspräsident eher zeremonielle Funktionen hat. Indien ist eine Atommacht, erhebt Anspruch auf weltpolitische Bedeutung. Mit dem verfeindeten Nachbarn Pakistan (ebenfalls Atommacht) wurden drei Kriege um das geteilte Kaschmir geführt.

Indien zählt mit seiner Wirtschaftskraft, seiner Industrie und Softwarebranche zu den aufstrebenden Schwellenländern. Mittlerweile ist das Land drittgrößter Emittent von klimaschädlichen Treibhausgasen nach China und den USA. Allerdings verursacht ein Inder nur 1,9 Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr – das ist wenig verglichen mit einem EU-Bürger (6,8 Tonnen), einem Chinesen (7,2) und einem US-Bürger (16,4).

Der soziale Fortschritt hielt mit dem hohen Wirtschaftswachstum der vergangenen zehn Jahre nicht Schritt. Mehr als 300 Millionen Inder leben immer noch in extremer Armut und müssen mit weniger als umgerechnet 1,25 US-Dollar am Tag auskommen.

Ein Viertel der über 14-jährigen Inder kann nicht lesen und schreiben. Und die Müttersterblichkeit ist alarmierend: Zwei von tausend Schwangeren sterben wegen Komplikationen oder bei der Geburt.

Er hat den Menschen Jobs versprochen. Die Erfüllung dieses Versprechens  ist eine gewaltige Aufgabe. Jeden Monat drängen rund eine Million junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt. Um Jobs zu schaffen, muss Indien vor allem seinen schwachbrüstigen Industriesektor ausbauen. Bis heute verfügt das Riesenland nur in Ansätzen über eine Industrie, die den Namen auch verdient.  Unter dem Slogan „Make in India” will Modi nun China Konkurrenz machen. Sein erklärtes Ziel ist es, bis zum Jahr 2025 den Anteil der Produktion von 15 auf 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Er will die Bürokratie abbauen, das Steuerchaos lichten, ähnlich wie China Industriekorridore und -parks schaffen sowie Arbeiter besser qualifizieren. „Ich fordere die ganze Welt auf: Setzen Sie auf Indien”, lockt er.

Vorerst ist dies jedoch mehr Wunsch als Wirklichkeit: Indien hinkt dem großen Rivalen China um Jahre hinterher. Weite Teile des Landes sind ländlich geprägt, vielerorts pflügen Bauern noch mit der Hand oder dem Ochsenkarren. Noch immer ist der Agrarsektor mit 51  Prozent aller Beschäftigten der größte Arbeitgeber, obgleich er nur noch 17  Prozent zur Wirtschaftskraft beisteuert.

Dabei hat Indien im vergangenen Jahrzehnt regelrecht geboomt. Doch das war dem Dienstleistungssektor geschuldet. Während China als die „Fabrik der Welt“ gilt, ist Indien das globale Büro. Damit der Motor richtig zum Laufen kommt, müsste aber gleichzeitig die industrielle Schwäche ausgeglichen werden. Wie stark der Abstand zum großen, gefürchteten Nachbarn und Konkurrenten hier ist, zeigen die Zahlen – auch mit Blick auf den Weltmarkt. Gerade 2 Prozent der produzierten Waren weltweit stammen aus Indien – aber 22,4 Prozent aus China. „Es ist höchste Zeit, dass ­Indien ein Produktionszentrum für global agierende Unternehmen wird”, findet der Unternehmer Kumar Mangalam Birla.

Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten wie die von der Pharmaindustrie, die den Weltmarkt mit billigen ­Generika versorgt und Indien zur „Apotheke der Welt” machte. Doch viele andere Branchen sind international kaum konkurrenzfähig. Vergeblich versuchte etwa der indische Autohersteller Tata mit dem Billigflitzer Nano zu punkten, selbst in Indien blieben die Verkäufe schleppend. Viele Fabriken sind veraltet, die marode Infrastruktur und Stromausfälle hemmen das Wachstum. Da fällt es schwer, mit einem pfiffigen Produkt Aufsehen zu erregen.

Indien braucht ausländisches Know-how und Geld, um den Sprung zur Industrienation zu schaffen. Eine enge Partnerschaft mit Deutschland böte sich an, beide Länder können nur voneinander profitieren. Modi weiß, dass Deutschland bei vielen Technologien wie etwa grünen Energien oder in der Infrastruktur Vorreiter ist. Deutsche Firmen waren etwa am Bau der Delhi Metro federführend beteiligt. Wohl auch deshalb hat der Premier in Berlin und Hannover  viele Klinken geputzt und viele Gespräche geführt. Er weiß, dass er sich gute Kontakte in der Bundesrepublik sichern muss.

Indien als Gast

„Make in India“ ist das Motto, unter dem sich Indien als Partnerland auf der Hannover Messe präsentiert. Ausländischen Investoren soll Indien als Land präsentiert werden, in dem die Produktion nicht nur billig, sondern auch qualitativ hochwertig ist. Einen Teil der Präsentationsfläche in Halle 6 nimmt eine Ausstellung ein, in der die erfolgreiche Zusammenarbeit mit deutschen Unternehmen wie Volkswagen, Schaeffler und Mercedes-Benz betont wird. In Kurzfilmen können sich Besucher anhören, wie etwa Eberhard Klein, Direktor der Mercedes-Benz-Niederlassung im indischen Bundesstaat Maharashtra, die Vorteile einer Fabrikation in Indien anpreist. Die Inder versuchen auch für ihre eigenen Unternehmen ausländische Unterstützer auf der Hannover Messe zu finden. Es gibt sowohl Stände mit Hightech-Produkten wie auch Folkloristischem. Der Modedesigner Chandra Prakash Jha etwa will für die Firma Jharcraft, die tierfreundlich hergestellte Seide vertreibt, Investoren gewinnen.

Deutschland ist innerhalb der EU Indiens wichtigster Handelspartner – das Handelsvolumen betrug 2013 rund 16  Milliarden Dollar. In Indien sind vor allem deutsche Investitionsgüter gefragt. Davon zeugt der deutsche Handelsüberschuss von rund 3,4  Milliarden Euro im Jahr 2013. Etwa ein Drittel des Gesamtexportes nach Indien entfiel auf Maschinen. Umgekehrt liefert Indien vor allem Textilien nach Deutschland. Zugleich erhofft sich Modi einen Investitionsboom im eigenen Land.

Bereits heute sind mehr als 1000 deutsche Firmen in Indien aktiv. Zwar hielten sich viele in den vergangenen Schwächejahren zurück, doch nun könnten sie ihr Engagement ausbauen, glaubt Bernhard Steinrücke von der deutsch-indischen Handelskammer.

Wenn einer das Land auf Vordermann bringen kann, so heißt es in Indien, dann vermutlich Modi. In dem knappen ersten Amtsjahr setzte der neue Premierminister vor allem in der Außenpolitik Akzente. Ob in Amerika oder China, Japan, Russland oder in den Hauptstädten Europas – überall trat Modi auf, überall signalisierte er: Mit uns, den Indern, müsst ihr in der Zukunft rechnen.

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