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Deutschland / Welt Höhere Friseur-Preise durch Mindestlohn
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Höhere Friseur-Preise durch Mindestlohn
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00:23 23.05.2014
Von Lars Ruzic
Mehr als 250 000 Menschen sind Tag für Tag damit beschäftigt, den Bundesbürgern die Haare zu schneiden.
Mehr als 250 000 Menschen sind Tag für Tag damit beschäftigt, den Bundesbürgern die Haare zu schneiden. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Klier, die meisten Unternehmer wettern über den Mindestlohn. Sie haben ihn schon vor einem Jahr freiwillig eingeführt und dann gemeinsam mit den Innungen für das gesamte deutsche Friseurhandwerk durchgesetzt. Hat Ihnen ver.di schon ein Denkmal gesetzt?
Eben weil wir unternehmerisch denken, war uns klar, dass hier etwas passieren musste. Die Branche hatte teilweise über zehn Jahre und länger keine neuen Tarifabschlüsse mehr gesehen. Im Osten gab es Stundenlöhne von 4 Euro. Wer kann davon leben, wer will künftig dafür noch arbeiten? Es war offensichtlich, dass wir auf einem Pulverfass sitzen. Auch bei den Friseuren entwickelt sich der Arbeitsmarkt längst zu einem Bewerbermarkt. Dabei steht und fällt unser Geschäft mit den Mitarbeitern. Es war überfällig, einen Berufsstand aufzuwerten, für den man schließlich drei Jahre Lehre machen muss. Sonst wäre die Existenzgrundlage einer ganzen Branche erodiert. Und übrigens: Wir haben da jetzt keinen neuen Hochlohnsektor geschaffen.

Der Tarifabschluss, den der Bund vor einem halben Jahr für allgemeinverbindlich erklärt hat, sieht derzeit Mindestlöhne von 7,50 Euro im Westen und 6,50 Euro im Osten vor. Er steigt bis August 2015 in zwei Stufen auf dann bundesweit 8,50 Euro. Das bedeutet gewaltige Steigerungen bei den Personalkosten. Wie kann man das wegstecken?
Das kann man nicht wegstecken. Die Löhne machen bei uns 60 Prozent aller Kosten aus. Wir können diese Belastungen nur über Preiserhöhungen weitergeben – denn die ganze Branche arbeitet mit verschwindend kleinen Gewinnmargen.

Was heißt das für die Kunden konkret?
Das kann regional sehr unterschiedlich sein. Je nachdem, welche Wettbewerbssituation vor Ort herrscht und welche Löhne dort zuvor gezahlt wurden, werden sich die Preise unterschiedlich entwickeln. Die Bandbreite liegt etwa zwischen 10 und 40 Prozent. Im Osten beispielsweise haben wir in einigen Regionen die Preise um 30 Prozent angehoben.

Wie haben die Kunden reagiert?
Die Bandbreite reicht von verständnisvoll bis entsetzt. Die einen sagen: Ich verdiene ja auch nicht mehr. Die anderen sind gern bereit mehr zu zahlen, weil sie wissen, dass es ihrer Friseurin oder ihrem Friseur direkt zugute kommt. Aber ich will nicht verhehlen, dass ich einen Heidenrespekt habe vor der Aufgabe, die da noch vor uns liegt. Wir werden sie nur meistern, wenn wir die Preise in der ganzen Branche bundesweit analog entwickeln.

Michael Klier führt gemeinsam mit seinem Cousin Christian vom Firmensitz in Wolfsburg aus den zweitgrößten Friseurfilialisten der Welt. Zur Firmengruppe, deren Eigentümer die Väter der beiden – Hubertus und Joachim Klier – sind, zählt auch der einstige Konkurrent Essanelle. Zusammen kommen die Firmen auf mehr als 1800 Filialen, gut 11 000 Mitarbeiter und 300 Millionen Euro Umsatz. Michael Klier, 39, hat eine Friseurlehre gemacht, Betriebswirtschaft studiert und in der haarkosmetischen Industrie gearbeitet, bevor er 2002 in den elterlichen Betrieb einstieg. Quelle: Patrick Seeger

Böse Zungen sagen, die etablierten Friseure wollen mithilfe des Mindestlohns nur die Billigkonkurrenz loswerden.
Es gibt in Deutschland 80 000 Friseursalons, etwa jeder Vierte davon macht weniger als 17 500 Euro Umsatz im Jahr – so wenig, dass er von der Umsatzsteuer befreit ist. Da steht also der Ein-Mann-Unternehmer oder die Ein-Frau-Unternehmerin im Laden – falls er oder sie überhaupt einen hat – und beutet sich selbst aus. Glauben Sie, denen können wir mit einem Mindestlohn beikommen?

Zum Klier-Konzern gehört auch ein „Friseur der kleinen Preise“ mit 180 Filialen, der bewusst gegen die Billigheimer antritt.
Wir sind gerade dabei, diese Marke abzuschaffen. Spätestens mit dem Mindestlohn kann man das Experiment des Discount-Friseurs als gescheitert ansehen. Es hat nur eine Preisspirale nach unten eröffnet – ohne wirklich zusätzliche Kunden zu bringen. Wir haben mit der Haarboxx eine neue Marke entwickelt, die dem Kunden die Möglichkeit gibt, Aufgaben wie Haare föhnen selbst zu übernehmen und so Kosten zu sparen. Aber ansonsten liegen die Preise auf Klier-Niveau – weil auch die Beschäftigten das Gleiche verdienen. Wir wollen mit diesem Schritt auch ein Signal in die Branche senden.

Und der kleine Friseur um die Ecke wird folgen?
Nicht automatisch. Ein halbes Jahr nach der Allgemeinverbindlichkeit beäugt in der Branche jeder jeden ganz genau. Etliche versuchen, noch durchzuhalten. Ich glaube nicht, dass das von Dauer sein wird.

Wie erfolgreich sind Sie denn mit der Preisumstellung?
Man muss erst einmal durch ein Tal der Tränen, das will ich nicht verhehlen. Es gibt derzeit etliche Bundesländer, wo unsere Betriebsergebnisse zweistellig im Minus liegen. Trotz Preiserhöhungen steigt der Umsatz hier weit weniger als die Lohnkosten. Das liegt aber weniger daran, dass uns plötzlich die Kunden in Scharen davonlaufen.

Sondern?
Manche Mitarbeiter schnüren den Kunden lieber von vornherein ein kleineres Paket von Dienstleistungen als früher anstatt sich mit ihnen in eine Diskussion um gerechte Löhne und die Wertigkeit ihrer Arbeit zu verstricken. Das ist ein Problem, an dem wir bereits arbeiten. Es ist Aufgabe der kompletten Führungsmannschaft, hier das Selbstbewusstsein der Mitarbeiter zu stärken. Die Frisur ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeit, man trägt sie vier bis acht Wochen. Da kann es nicht sein, dass der Kunde für einen Haarschnitt so wenig bezahlt wie für einen Kinobesuch und dass der Dienstleister seinen Lohn noch mit Hartz IV aufstocken muss. Ich bin deshalb felsenfest davon überzeugt, dass wir die Löhne in den kommenden Jahren noch weiterentwickeln müssen, um dem Beruf im Sinne des Wortes mehr Wertschätzung zukommen zu lassen. Wir werden nicht über Jahre bei 8,50 Euro stehen bleiben können.

Auf 1000 Menschen kommt ein Salon

Zersplitterte Branche: Mehr als 250 000 Menschen sind Tag für Tag damit beschäftigt, den Bundesbürgern die Haare zu schneiden. Mit gut 80 000 Salons kommt rein rechnerisch auf 1000 Einwohner ein Laden. Sie werden wiederum von 60 000 Unternehmern betrieben. Ein großer Teil der Branche besteht aus Ein-Mann-Betrieben, deren Umsatz unter der Wahrnehmungsschwelle liegt. Wer eine Mannschaft führt, muss sich quasi laufend nach neuen Mitarbeitern umsehen: Die Fluktuation im Friseurhandwerk liegt Erhebungen zufolge bei 38 Prozent.

Diese Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass es über Jahre keine Tarifverträge mehr gab, die noch durch die Realität gedeckt waren. Im vergangenen Jahr schließlich einigten sich Innungen und die Gewerkschaft ver.di auf einen Mindestentgelttarifvertrag, der von der Bundesregierung mit Wirkung zum 1. November 2013 für allgemeinverbindlich – also für alle Betriebe bindend – erklärt wurde. Demnach liegen die Mindestlöhne derzeit bei 7,50 Euro (West) und 6,50 Euro (Ost), steigen zum 1. August 2014 auf 8  Euro (West) und 7,50 Euro (Ost) sowie zum 1. August 2015 auf bundesweit 8,50 Euro.

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