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Deutschland / Welt KKH-Chef: Praxisgebühr ist nicht gerecht
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt KKH-Chef: Praxisgebühr ist nicht gerecht
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15:24 04.03.2012
Der KKH-Chef Ingo Kailuweit im Interview. Quelle: Dillenberg
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Hannover

Herr Kailuweit, die Krankenkassen schwimmen im Geld. Im System haben sich 20 Milliarden Euro an Reserven angesammelt. Wann bekommen die Mitglieder etwas zurück?

Das stimmt so nicht. Die gesetzliche Mindestrücklage für alle Kassen beläuft sich auf einen Viertelmonatsbeitrag, das sind 4 Milliarden Euro. Maximal dürfen wir 37,5 Milliarden Euro als Reserve vorhalten – und in dieser Bandbreite bewegen wir uns.

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Gleichwohl sind Krankenkassen nicht als Sparkassen gedacht. Warum schütten Sie das Geld, das Sie akut nicht benötigen, nicht als Prämie aus?

Wenn wir eine Milliarde Euro zurückzahlen würden, bekäme jedes Mitglied nur etwa 2 Euro. Für den Einzelnen ist das also nur ein sehr geringer Betrag...

... so argumentieren alle, die mehr Zwangsabgaben kassieren als sie benötigen ...

Das mag sein, aber bei uns kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Sozialbeiträge sind steuerpflichtig. Wenn wir 4 Milliarden Euro zurückzahlen, kommt bei den Mitgliedern netto deutlich weniger an, bei einem Steuersatz von 20 Prozent wären es 3,2 Milliarden, bei 33 Prozent knapp 2,7 Milliarden. Wenn wir uns dann irgendwann das Geld zurückholen müssen, weil die Ausgaben steigen, müssten die Versicherten netto wieder die 4 Milliarden Euro aufbringen. Will man das wirklich?

Union und FDP wollten es so: Zusatzbeiträge, wenn die Kassen mit den Zuweisungen nicht auskommen – Prämien, wenn sie zu viel in der Kasse haben...

Das Geld unserer Mitglieder verschwindet ja nicht, es steht für sie zur Verfügung, wenn wir es irgendwann benötigen. Eine Rückzahlung wäre nur sinnvoll, wenn wir stabile Rahmenbedingungen hätten – im kommenden Jahr gibt es aber eine Bundestagswahl, und die Vorstellungen der Parteien liegen weit auseinander.

Könnte man nicht wenigstens die Praxisgebühr abschaffen?

Darüber sollte man in der Tat nachdenken. Die Praxisgebühr bringt etwa 2 Milliarden Euro an Einnahmen im Jahr – aber sie hat keinerlei Steuerungswirkung: Die Leute gehen genauso oft zum Arzt wie früher. Ich halte wenig von Selbstbeteiligungen. Letztlich ist das eine Quersubventionierung, bei der Kranke für Gesunde zahlen. Das ist nicht gerecht.

Die KKH hat als eine der ersten Kassen einen Zusatzbeitrag erhoben, im März schaffen Sie ihn wieder ab. Ist das vor allem der guten Konjunktur geschuldet?

Nein. Wir haben durch die Neugestaltung des Risikostrukturausgleichs, also der Bestimmungen zum Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen, auf einen Schlag 50 Millionen Euro im Jahr verloren. Die Einnahmen aus dem Zusatzbeitrag haben wir investiert, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, also Niederlassungen geschlossen, Stellen abgebaut und den Service für die Versicherten trotzdem verbessert. 2011 haben wir einen Überschuss von 140 Millionen Euro erreicht und unsere Rücklagen aufgefüllt.

Sie haben durch den Zusatzbeitrag aber auch fast jeden zehnten Versicherten verloren. Ist die KKH allein überlebensfähig?

Wir stehen heute erheblich stärker da als 2008/09. Als eine der größten bundesweiten Krankenkassen sind wir alleine gut aufgestellt.

Das Fusionskarussell bei den Kassen dreht sich ohnehin deutlich langsamer. Ist der Druck aus dem Kessel?

Der Druck bleibt im Kessel – aber Größe allein bringt heute im Markt wenig. Bei Ausschreibungen für Rabattverträge bei Arzneimitteln etwa haben wir keine Nachteile gegenüber großen Kassentankern. Geschwindigkeit und niedrige Verwaltungskosten sind viel wichtiger. Im Übrigen: Schon jetzt sind 90 Prozent der Versicherten bei den 30 größten Kassen gebunden, das verbleibende Zehntel verteilt sich auf 116 Kassen. Für Großfusionen bleibt da wenig Raum.

Sie hatten sich mit der Allianz verbündet und sich als Vorreiter bei der Verbindung von gesetzlicher und privater Krankenversicherung gefeiert. Nun gehen Sie wieder getrennte Wege – was ist schief gelaufen?

Grundsätzlich nichts – vielleicht waren wir nur drei oder vier Jahre zu früh dran. Die Idee war, gemeinsame Strukturen zu nutzen, etwa beim Gesundheitscoaching von multimorbiden Patienten – wir wollten auch Produkte aus einer Hand entwickeln und diese über Shop-in-Shop-Konzepte vertreiben. Vieles davon ist an rechtlichen Restriktionen gescheitert.

Die Allianz beklagt, die KKH habe zu wenige Zusatzpolicen verkauft...

Letztlich haben sich beide Seiten mehr erhofft. Wir mussten zum Beispiel feststellen, dass bei vielen Versicherungsagenturen das Verständnis für das „Produkt Gesetzliche Krankenversicherung“ nicht sehr ausgeprägt ist.

Sie haben eigens Ihren Namen in KKH-Allianz geändert und Ihre Marke blau angemalt. Wie geht es weiter?

Beim Blau werden wir bleiben. Der Name KKH bleibt auch.

Das „H“ in KKH steht für Halle, wo die „Kaufmännische Krankenkasse“ gegründet wurde. Seit 1957 sitzen Sie in Hannover – wäre es nicht an der Zeit, das auch im Namen auszudrücken?

Denkbar ist das. Wir haben noch nichts entschieden.

Interview: Jens Heitmann