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Deutschland / Welt Kampf um die Kliniken geht weiter
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17:17 01.07.2012
Die Übernahme von Rhön-Klinikum durch Fresenius ist geplatzt, aber aufgeben will der Gesundheitskonzern nicht. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

Nach der geplatzten Fusion ist vor der nächsten Übernahme. Immerhin fast vier Milliarden Euro wollte der Gesundheitskonzern Fresenius in die Hand nehmen, um den Konkurrenten Rhön mit der eigenen Krankenhaustochter Helios zu verschmelzen. Asklepios als Nummer drei am Markt schien der Deal so riskant, dass man geschätzt weit über 100 Millionen Euro aufwendete, um mit gut 5 Prozent eine starke Minderheitenposition bei Rhön aufzubauen. Mit Erfolg, denn Fresenius blieb mit 84,3 Prozent deutlich unter den angestrebten 90 Prozent plus eine Aktie an Rhön und muss sich nun nach anderen Möglichkeiten umschauen.

Die komplette Rhön-Übernahme sollte für Fresenius-Helios der große Befreiungsschlag im mühsamen und kleinteiligen Übernahmegeschäft mit maroden kommunalen und öffentlich-rechtlichen Krankenhäusern werden. In den vergangenen Jahren waren die Privaten, die etwa ein Drittel des deutschen Krankenhausmarktes beherrschen, an erste Grenzen des zuvor stürmischen Wachstums geraten: Große Happen wie beispielsweise Uni-Kliniken scheinen wegen der hohen Forschungsaufwendungen nach wie vor unverdaubar zu sein. Zudem entwickeln die Kommunen erfolgreiche Gegenmodelle wie den Berliner Vivantes-Klinikkonzern.

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Statt mit den immergleichen Konkurrenten um jedes Krankenhaus zu feilschen, wollte Fresenius-Chef Ulf Schneider mit einem Schlag dem alten Traum von Rhön-Gründer Eugen Münch sehr nahe kommen. Der hatte schon vor Jahren die Ziele eines Marktanteils von zehn Prozent und eines nahezu flächendeckenden Angebots ausgegeben, um sämtliche Kostenvorteile eines Klinikverbunds voll ausspielen zu können.

Münch, so ist zu hören, hat vor dem Börsen-Krimi mit allen denkbaren Partnern gesprochen. Doch nur Fresenius wollte um den Preis einer weiter erhöhten Verschuldung die komplette Übernahme riskieren, während die Mitbewerber die beträchtlichen Kapitalkosten scheuten und nur Kooperationen mit den Franken anstrebten. Mit seinem Einstieg bei Rhön hat sich der Königsteiner Asklepios-Eigner Bernard Broermann einige Trümpfe gekauft. Gespräche mit ihm dürften für die Fresenius-Manager nun zu den ersten Optionen gehören. Momentan blockieren sich die großen Drei, wobei sowohl Fresenius als auch Asklepios bereits nennenswerte Aktienpakete an Rhön halten.

Mit der Übernahme von Rhön wäre Fresenius-Helios bei einem Gesamtmarkt von gut 74 Milliarden Euro ein Branchenriese mit rund 6 Milliarden Euro Umsatz geworden, der sämtliche Konkurrenten weit hinter sich gelassen hätte. Auf die Größe kommt es im politisch meist heißen Kampf um weitere Übernahmekandidaten durchaus an, sagt Krankenhaus-Experte Hartmut Schmidt von HPS Research. „Politiker neigen dazu, dem Marktführer den Zuschlag zu geben.“

Widerstand kommt hingegen meist von den Gewerkschaften, die um die Arbeitsbedingungen der Belegschaft fürchten. Verdi bekämpft seit Jahren den Trend, immer mehr Krankenhäuser den Privaten zu übereignen. In Hessen soll nach dem Willen der Gewerkschaft das Land die Uniklinik Gießen-Marburg von Rhön zurückkaufen. Bei Helios tobt ein Arbeitskampf in der jüngst übernommenen Damp-Gruppe in Schleswig-Holstein.

Fragt man die Patienten, sind sie aber gar nicht so unzufrieden mit den privaten Kliniken, wie die Deutsche Gesellschaft für Qualität in einer repräsentativen Studie 2011 herausfand. 37 Prozent der Befragten fanden die ärztliche und pflegerische Versorgung in privaten Krankenhäusern besser, nur 16 Prozent gaben den Öffentlichen den Vorzug. Dennoch befürworteten nur 13 Prozent Klinik-Privatisierungen, 40 Prozent waren dagegen.

In den kommenden Jahren gibt es einen großen Kuchen zu verteilen, denn die Branche wächst schon wegen der demografischen Entwicklung ungebrochen. Auf 14 Milliarden Euro schätzt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) zudem den bundesweiten Investitionsstau an den Krankenhäusern. Bis zum Jahr 2020 würden ohne Gegenmaßnahmen voraussichtlich etwa zehn Prozent von derzeit rund 2000 deutschen Kliniken ihre Pforten schließen. Besonders schwierig wird es für kleine Häuser in kommunaler Trägerschaft, die sich auch mit Verbünden immer noch schwertun.

dpa

01.07.2012
30.06.2012