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Deutschland / Welt Kleinanleger greifen VW-Führung an
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Kleinanleger greifen VW-Führung an
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21:40 03.12.2009
Von Stefan Winter
Bald soll auch das Porsche-Logo dabei sein: VW- Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch vor den Aktionären.
Bald soll auch das Porsche-Logo dabei sein: VW- Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piëch vor den Aktionären. Quelle: ddp (Archiv)
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Dank dieser Großaktionäre gab es allerdings auch keinen Zweifel an der Zustimmung zur Kapitalerhöhung und den Satzungsänderungen: 90 Prozent der stimmberechtigten Aktien waren in Hamburg vertreten – allein Porsche, das Land Niedersachsen und das Emirat Qatar kontrollieren zusammen rund 80 Prozent.

„Starke Bedenken“ gegen die Übernahme meldete der Fondsmanager Hans-Christoph Hirth an. Die Ziele, die man mit Porsche verfolge, ließen sich auch ohne Übernahme erreichen. Der Kauf Porsches diene dazu, die Schuldenprobleme seiner Eigentümer zu lösen, sagte Henning Gebhard von der Fondsgesellschaft DWS. „Den Preis zahlen die Kleinaktionäre, während alle Großaktionäre eigene Ziele durchsetzen.“ Von einem „Dreier-Kartell“ sprach ein Kleinaktionär; ein anderer berichtete von seinem Staunen angesichts der Tagesordnung: „Bei keinem Punkt habe ich ein Unternehmensinteresse entdeckt, aber bei jedem ein Großaktionärsinteresse.“ Die Familien Porsche und Piëch sicherten sich eine Hauptversammlungsmehrheit bei Volkswagen, Niedersachsen bekomme die umstrittenen Regeln des VW-Gesetzes in der Satzung des Unternehmens festgeschrieben.

Trotz harter und umfangreicher Kritik blieb die Versammlung in einer Hamburger Messehalle ruhig. Fast alle Redner sprachen sich dagegen aus, Vorzugsaktien ohne Stimmrecht auszugeben. Offensichtlich wollten die Großaktionäre so ihr kompliziertes Machtgefüge absichern. Deshalb habe man im vergangenen Jahr – bei sehr viel lukrativeren Kursen – auch auf eine Kapitalerhöhung verzichtet, sagte Martin Weimann. Der Berliner Anwalt, der bereits gegen Beschlüsse der VW-Hauptversammlung vom Frühjahr klagt, erwies sich gestern als ausdauerndster Redner und stellte schon zu Beginn in Aussicht, dass er sich für die Versammlung zwei Tage freigehalten habe.

Auch die Bewertung Porsches gibt den VW-Aktionären nach wie vor Rätsel auf. Immer wieder wurde der Auftritt Ferdinand Piëchs auf Sardinien zitiert, wo er gesagt hatte, Porsche sei „ein paar Milliarden“ weniger wert als 11 Milliarden Euro. Jetzt wird Porsche bei der geplanten Übernahme mit mehr als 12 Milliarden Euro bewertet – allerdings vor Abzug der Schulden.

„Sie hätten Porsche zum Schnäppchenpreis aus der Insolvenzmasse kaufen können“, sagte Anwalt Weimann mit Blick auf den Schuldenberg der Stuttgarter. Stattdessen zahle ein VW-Vorstand „auf Kuschelkurs“ „freundschaftliche Phantasiepreise“. Auch Fondsmanager Gebhard befand: „Die Porsche SE ist klinisch tot.“ Der VW-Vorstand wies die Vorwürfe zurück. Der Unternehmenswert sei in Gutachten ermittelt worden, Interessenkonflikte habe man ausgeschlossen, Porsche trage seine Schulden vor der Fusion ab.

Auch die Verbindung der Kapitalerhöhung mit der Satzungsänderung stieß auf Kritik. Regeln des VW-Gesetzes in die Satzung zu schreiben, sei offensichtlich eine Gefälligkeit an die Landesregierung, damit diese die Neuordnung mittrage, mutmaßten Aktionäre. Auch sonst gebe es Interessenverflechtungen im Konzern, die für die Kleinaktionäre nicht durchschaubar seien. Immer wieder wurde mehr Transparenz vor allem über das Porsche-Geschäft gefordert. Seine finanziellen Folgen seien kaum einzuschätzen, sagte der Vertreter der Fondsgesellschaft Deka.

Ein Kleinaktionär konnte dem ganzen Geschäft nichts abgewinnen: „VW ist mit Porsche kein besseres Unternehmen als ohne.“ Demnach werde das Geld hier an der falschen Stelle ausgegeben.

Piëchs Traum

Er fällt nicht auf. Ferdinand Piëch ist nicht groß und nicht laut, aber er ist heute schon ein Mythos. Gestern saß er wieder schmal und still auf dem Podium der VW-Hauptversammlung und wusste, dass eigentlich alle nur auf ihn schauen. Was mag im Kopf des „Alten“, wie man ihn im Konzern manchmal nennt, vorgehen? Was mag er gerade ausbrüten, was hat er wohl mit seinen letzten Schritten bezweckt? Seit das jahrelange Gezerre zwischen VW und Porsche auf wundersame Art ungefähr jene Konstellation hervorbrachte, die er sich erträumt hatte, traut man Piëch alles zu.

Mittlerweile lauscht die komplette Autowelt auf jeden orakelnden Halbsatz, um dann die Erfüllung mit der Zwangsläufigkeit eines Naturgesetzes zu erwarten. Zwölf Marken könne er sich gut merken, sagt Piëch – also werden wohl bald MAN und Suzuki dazugehören. Er mag Motorräder – sicher kauft VW Ducati. Im Lkw-Markt bewege sich jetzt manches schneller, berichtet er – also ist die Fusion von MAN und Scania wohl nur eine Frage von Tagen. Er hat beim Namen eines Managers den Mund verzogen – der Mann geht schon mal auf Jobsuche.

Einzigartigkeit – um jeden Preis.

Die Aktionäre arbeiteten sich auch gestern weitgehend hilflos an dem Ungreifbaren ab. Sie konnten Kritik an Hinterzimmer-Deals bei der Porsche-Fusion üben, sie konnten versuchen, Formfehler zu provozieren, um später lukrative Klagen einzureichen – am Ergebnis ändern sie nichts: VW gibt Milliarden aus, um die Folgen der katastrophal fehlgeschlagenen Porsche-Zockereien zu bereinigen. Der Konzern kann es nicht riskieren, den eigenen Mehrheitsaktionär mit hohem Tempo über die Chaussee schlingern zu lassen. So kann VW-Chef Martin Winterkorn guten Gewissens sagen, dass die teure Rettungstat im besten Interesse des Unternehmens sei – aber eigentlich müsste ihm dabei das Messer in der Tasche aufgehen. Auch nach einem leidlich guten Ende für Volkswagen bleibt der Versuch der Übernahme durch Porsche ein Trauerspiel – eines, das Piëch maßgeblich mitinszeniert hat.

Den angeblich so rationalen Porsche-Enkel treibt ein irrationales Ziel. Nicht nur der größte und profitabelste Autokonzern der Welt soll entstehen, denn dabei werden die Porsche-Stückzahlen keine große Hilfe sein. Vor allem einzigartig soll VW sein – in der Breite seines Angebots, in der Verbindung zur Porsche-Tradition, in der familiären Eigentümerstruktur samt einem Patriarchen. Techniker Piëch, Spinnereien jenseits des Sechzehnzylinders eigentlich abhold, träumt den ganz großen Traum. Es ist sein Traum, nicht automatisch der aller anderen Beteiligten.

Am Fall Porsche war das jahrelang zu besichtigen, MAN liefert aktuell das nächste Beispiel. Auch dort zelebriert Piëch gerade sein einmaliges Talent, aus einem Minimum an Legitimation maximale reale Macht zu ziehen. VW ist dort Minderheitsaktionär, der Patriarch führt den Aufsichtsrat. Den Auftrag, die MAN-Schmiergeldaffäre aufzuklären, nimmt er als Mandat zum Machtkampf. Drei MAN-Vorstände sind mittlerweile – nur formal freiwillig – gegangen, ohne dass gegen sie ermittelt oder der Konzern ihnen Verfehlungen vorwerfen würde. Bedenkt man, dass Piëch selbst in der VW-Bordellaffäre keinen Rücktrittsgrund sah, ist das erstaunlich. Abgesehen davon, dass es dem Unternehmen kaum helfen wird, mitten in der übelsten Branchenkrise die Chefetage leerzuräumen. Ohne Gegengewichte geht es nicht.

Aber es passt eben gerade. Die Gemeinsamkeiten zwischen Piëch und dem bisherigen MAN-Chef Håkan Samuelsson sind aufgebraucht, der Schwede stellte sich das Lkw-Geschäft mit Scania und VW anders vor als der Österreicher – nicht zuletzt im Interesse der 70 Prozent MAN-Aktionäre, die nicht Volkswagen heißen. Nun ist er weg, sozusagen prophylaktisch, denn es ist immer noch ein gutes Stück Weges zur großen Lkw-Fusion. Das beginnt schon damit, dass kaum jemand in Wolfsburg oder bei den Großaktionären Piëchs Liebe zum Lkw-Geschäft teilt. Auf Geheiß des Visionärs bindet VW dort seit Jahren Milliarden, ohne Nennenswertes voranzubringen. Aber ohne Lkws wäre VW eben nur ein Autokonzern – und nicht Piëchs Traum.

So wird sich weiter alles um den „Alten“ drehen. Er hat VW in seiner heutigen Form gestaltet, mit viel Licht und ein paar Schatten. Diese Leistung bleibt faszinierend, und VW braucht den Kopf dahinter. Aber kein Konzern braucht einen unkontrollierbaren Alleinherrscher. Das Land Niedersachsen und das Emirat Katar sind als weitere Großaktionäre wichtiger denn je. Es ist nämlich keineswegs ein Naturgesetz, dass jeder Halbsatz Piëchs Realität werden muss.