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Deutschland / Welt Konzerne setzen auf eigene soziale Netzwerke
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17:49 17.08.2012
Von Lars Ruzic
Nicht weit weg von Facebook: So sieht die „ConNext“-Seite von Conti-Managerin Martina Girkens aus.
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Hannover

Hannover. Ein wenig mehr Distanz als bei Facebook muss es dann schon sein. Auch wenn das neue konzerninterne Netzwerk bei Continental nicht wesentlich anders aufgebaut ist als der „große Bruder“ aus den USA, so hat man doch davon Abstand genommen, die Teilnehmer als „Freunde“ zu bezeichnen. Auf dem hauseigenen Facebook namens „ConNext“ ist dagegen von „Kollegen“ oder „Kontakten“ die Rede.

Schließlich sollen auf dem im Frühjahr gestarteten Conti-Netzwerk auch keine Urlaubsbilder kommentiert oder Flashmobs geplant werden. Die Hannoveraner wollen die Facebook-Idee für sich nutzen, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Die Vorzüge eines virtuellen Hausnetzes liegen für einen Weltkonzern mit fast 169000 Mitarbeitern - gut 90000 davon außerhalb der Produktion - auf der Hand: Das rund um den Erdball vorhandene Know-how der Continentäler kann direkt angezapft und zusammengebracht werden. „Wir müssen Informationen nicht erst durch die Hierarchien tröpfeln lassen“, sagt IT-Managerin Martina Girkens, verantwortlich für „ConNext“.

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So können die Teilnehmer im System Dokumente einstellen und mit Kollegen chatten, Online-Rundbriefe verschicken oder sich zu Gesprächsrunden zusammenschalten. Rund um spezielle Fachthemen bilden sich Communitys, die sich gezielt auf ihrem Gebiet austauschen. Im Idealfall nutzt dann beispielsweise ein Qualitätsmanager in Südkorea eine Präsentation, die zuvor schon einmal sein Kollege in Hannover erstellt hatte. „Wir können smarter arbeiten, ohne mehr zu arbeiten“, umschreibt es Girkens. Noch sind die Hannoveraner in der Hochlaufphase, doch fast 25000 Mitarbeiter haben sich schon ein Profil bei „ConNext“.

Wenn es nach Konzernchef Elmar Degenhart geht, soll bis zum Jahresende die Mehrheit der Beschäftigten vernetzt sein. „Alles muss raus aus den Köpfen und auf den Tisch“, forderte er unlängst bei einer Veranstaltung in Hamburg. Gerade in der Entstehungs- und Entwicklungsphase von Ideen und Innovationen sei die Kreativität möglichst vieler Mitarbeiter gefragt - und zwar unabhängig von Rang und Funktion. Hierarchische Strukturen wirkten hier nur kontraproduktiv, meint Degenhart.

Mit dieser Erkenntnis steht der Conti-Chef nicht allein. In immer mehr Großkonzernen reift die Erkenntnis, dass das im Internet geborene Phänomen des „Crowdsourcing“ - also dem Ausnutzen des Wissens der Massen - auch in der Unternehmensführung ein Erfolgsfaktor sein kann. Weil die notwendigen Soft- und Hardwarelösungen inzwischen quasi „von der Stange“ zu bekommen sind, haben sich schon viele große Namen ihr eigenes Facebook eingerichtet: Das reicht von Adidas bis BASF, von Bayer bis Bosch. Es gibt Marktforscher, die sehen schon in zwei Jahren ein Fünftel aller Beschäftigten weltweit über firmeneigene Netzwerke statt über E-Mails kommunizieren.

Unlängst präsentierten die Unternehmensberater von McKinsey eine Studie, nach der der Nutzen sozialer Netzwerke für Unternehmen intern wesentlich größer ist als etwa bei der Werbung oder Kundenbindung. Sie könnten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass die Beschäftigten im Management-, Verwaltungs- und Entwicklungsbereich effizienter arbeiten. Schon heute verwendeten die „Wissens-Arbeiter“ 60 Prozent ihrer Zeit für das Lesen und Schreiben von E-Mails, die Suche nach Informationen und die interne Kommunikation. Eine Verlagerung ins Hausnetz würde Informationen nicht in E-Mail-Postfächern eingeschlossen lassen, sondern für viele zugänglich und durchsuchbar machen.

Gleichzeitig könne man eine Diskussion unter einer Gruppe von Mitarbeitern effizienter führen, ohne dass jeder einen Wust von Mails lesen und schreiben muss oder man sich gar zu Konferenzen treffen müsse. Insgesamt, rechnen die Berater vor, lasse sich die Produktivität der „Wissens-Arbeiter“ durch soziale Netze um bis zu 25 Prozent steigern - vorausgesetzt, die eingesparte Zeit wird auch wirklich für das Wesentliche genutzt. Angesichts der vergleichsweise hohen Gehälter der Beteiligten winkten Einsparungen in Milliardenhöhe, so die Berater.

Das hatten sie bei der Conti sicherlich auch im Auge, als „ConNext“ startete. Doch inzwischen hat das Netzwerk schon seine Eigendynamik entwickelt. Girkens etwa hat bemerkt, dass sich die Beschäftigten häufig in ihrem Tun bestärken, sich gegenseitig motivieren. „Das hatte ich so nicht erwartet“, sagt die IT-Managerin. Auch gebe es in vielen Bereichen des Konzerns inzwischen ein großes Interesse an „ConNext“. „Niemand wird zur Teilnahme gezwungen, aber viele wollen es“, sagt sie. Vielleicht auch, um nicht vom Informationsfluss abgeschnitten zu sein. Irgendwie funktioniere ein unternehmensinternes Netzwerk ja auch nicht anders als der berühmte Flurfunk - „nur übertragen auf die digitale Welt“.

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