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Deutschland / Welt Prokon-Kunden drohen Verluste
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Prokon-Kunden drohen Verluste
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19:35 06.12.2013
Von Albrecht Scheuermann
 Wenn Windkraftunternehmen um das Geld von Kleinanlegern werben, malen sie die Zukunft gern golden – in der Realität sieht es oft anders aus. Quelle: dpa
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Hannover

 Das könnte auch rund 74.000 Kleinanleger treffen, die in den vergangenen Jahren rund 1,3 Milliarden Euro in Genussrechte der Firma investiert haben.

„Sollten sich diese Zahlen bewahrheiten, müssen die Prokon-Anleger damit rechnen, deutlich weniger Geld zurückzubekommen, als sie eingezahlt haben“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Denn dann wäre nicht nur die Zinszahlung in Gefahr, sondern auch das Genussrechtskapital.“ Die Staatsanwaltschaft Lübeck ermittelt gegen den Unternehmensgründer Carsten Rodbertus wegen Betrugsverdachtes.

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Das Stammkapital ist aufgezehrt

Das Unternehmen reitet seit Jahrzehnten erfolgreich auf der Ökowelle. Eine ganze Branche wirbt mit Umweltargumenten um Anleger, die beim Investieren ein gutes Gewissen haben und dennoch Gewinn machen wollen. Die Prokon-Unternehmensgruppe in Itzehoe gilt hier als eine der wichtigsten Adressen.

„Kapitalanlage schon ab 100 Euro im zukunftsorientierten Wachstumsmarkt der erneuerbaren Energien (Windenergie, biogene Kraftstoffe und Biomasse)“ – so die Eigenwerbung für die angebotenen Genussrechte. Der Verkauf des erzeugten Stroms sei durch die Einspeisevergütung eine sichere Sache. Und die in Aussicht gestellte „Grundverzinsung von 6 Prozent p. a. zuzüglich erfolgsabhängiger Überschussbeteiligung“ ist angesichts der heutigen Minisparzinsen auch nicht von Pappe.

Kein Wunder, dass die Itzehoer Projektierer schon weit mehr als eine Milliarde Euro Anlegergeld eingesammelt haben. Der Ehrgeiz ist jedoch viel größer: Im Frühjahr gab die Unternehmensgruppe bekannt, dass sie 10 Milliarden Euro an Genussrechtskapital einwerben will. 50 Windparks mit 302 Windkraftanlagen und 501,2 Megawatt Nennleistung hat Prokon nach eigenen Angaben schon errichtet. Tochterfirmen erzeugen Biodiesel und Pflanzenöl oder verarbeiten Holz, neuerdings handelt die Unternehmensgruppe auch mit Strom.

Die Stiftung Warentest wies jetzt aber auf die schwierige Situation des Unternehmens hin. Das Stammkapital ist aufgezehrt. Für darüber hinausgehende Verluste müssen unter Umständen die Genussrechteinhaber geradestehen – womit sich auch die in Aussicht gestellten Renditen in Luft auflösen könnten.

Ärger über öffentliches Bild

Offenbar fällt es dem Unternehmen seit einiger Zeit schwer, neue Investoren zu gewinnen. Prokon macht dafür die Berichterstattung in den Medien verantwortlich. Presseanfragen würden daher grundsätzlich nicht mehr beantwortet, wie eine Prokon-Sprecherin bestätigte.

Wer Geschäftszahlen erfahren will, muss sich also mit dem Entwurf einer Konzernzwischenbilanz zum 31. August 2013 im Internet zufrieden geben. Eine testierte Bilanz für 2012 gibt es dagegen nicht, obwohl sogar das Jahr 2013 schon fast zu Ende ist. Wie Prokon selbst in seinem jüngsten Rundbrief berichtete, gab es Diskussionen mit den Wirtschaftsprüfern über die stillen Reserven.

Die Zahlen zum 31. August zeigen ein Genussrechtskapital von 1,34 Milliarden Euro. Es ist Bestandteil des Eigenkapitals, das jedoch erstaunlicherweise um mehr als 100 Millionen Euro niedriger ausgewiesen wird. Grund ist der mächtige Verlustvortrag von 194 Millionen Euro, der damit fast fünfmal so groß ist wie das Stammkapital. Anders gesagt: Das von den Genussrechtsinhabern eingezahlte Kapital ist zum Teil schon weg.

Außerdem dürfte es Prokon schwerfallen, die versprochenen Zinsen gutzuschreiben. Die Stiftung Warentest wies darauf hin, dass in den vergangenen Jahren die Ausschüttungen an die Anleger zum Teil nur durch stille Reserven abgedeckt waren.
Prokon strebt nicht nach kurzfristigen Profiten, sondern möchte nachhaltige Wertschöpfung schaffen. Die Erfolge, die wir dabei erwirtschaften, wollen wir nicht für uns alleine, sondern geben sie an unsere Anleger weiter“, heißt es im jüngsten Rundbrief. Allerdings gilt das gleiche auch für Misserfolge – die Anleger könnten das noch zu spüren bekommen.

Geringe Sicherheit

Genussrechte sind eine Beteiligungsform, die Eigenschaften von Fremdkapital (Kredite, Schuldverschreibungen) und Eigenkapital kombiniert. Sie rangieren hinter allen Schuldforderungen, aber vor dem Eigenkapital. Wird also eine Gesellschaft aufgelöst oder geht sie in die Insolvenz, kommen die Inhaber von Genussrechten erst an die Reihe, wenn alle Gläubiger befriedigt sind. Die Sicherheit ist also vergleichsweise gering. Dafür weisen Genussrechte meist eine attraktive Verzinsung auf, die in der Regel gewinnabhängig ist. Typisch ist auch die Verlustbeteiligung. Bilanzverluste können also das Genussrechtskapital mindern. Vorteil für die Emittenten: Bei Genussrechten haben sie eine große Gestaltungsfreiheit. Zudem sind diese Geldanlagen kaum reguliert. Es reicht die Hinterlegung eines Prospektes bei der Aufsichtsbehörde.

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