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Deutschland / Welt Lehman-Pleite beschäftigt immer noch die Justiz
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Lehman-Pleite beschäftigt immer noch die Justiz
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21:58 14.09.2011
Am 15. September 2008 brach die US-Bank Lehman Brothers in New York zusammen. Die Folgen sind bis heute spürbar. Quelle: dpa
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Hannover

Insgesamt sollen in Deutschland bis zu 40 000 Anleger und Sparer betroffen sein. Sie hatten Zertifikate der Investmentbank Lehman erworben, die durch die Insolvenz wertlos wurden. Die insgesamt in solche Papiere angelegte Summe wird allein in Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro geschätzt. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.

Verkauft wurden die Zertifikate in der Regel über hiesige Banken und Sparkassen. Viele Geschädigte machten die Bankangestellten dafür verantwortlich. Man habe ihnen die Lehman-Zertifikate als eine völlig sichere Geldanlage verkauft, hieß es nach der Insolvenz häufig.

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Allerdings sahen dies die Banken meist anders. Häufig landete die Sache dann vor Gericht. Dafür sorgten auch geschäftstüchtige Anwälte, die die Chancen der Kunden, auf dem Rechtsweg das Geld zurückzubekommen, nicht gerade zurückhaltend darstellten. Dabei ist es in vielen Fällen sehr schwierig, der jeweiligen Bank ein Verschulden nachzuweisen.

Gelungen ist dies jedoch soeben in einem exemplarischen Fall, der vor dem Landgericht Hannover verhandelt wurde. Geklagt hatte ein Kunde der früheren Citibank, inzwischen nach einem Eigentümerwechsel in Targobank umbenannt. Diese wurde zum Schadensersatz verurteilt, weil sie ein Ehepaar „nicht anlegergerecht“ beraten habe (Az.: 8 O 96/10). Die Kläger, vertreten von dem Bremer Rechtsanwalt André Ehlers, warfen der Bank vor, dass ihnen zu risikoreiche Papiere empfohlen worden seien. Dabei hätten sie ihrem Berater gesagt, ihnen sei die Sicherheit des Geldes wegen des Eintritts in den Ruhestand besonders wichtig.

Die Targobank hatte den Beratungen, wie in der Branche üblich, Risikoprofile zugrundegelegt, aus denen sich eine begrenzte Risikobereitschaft der Kläger ergab. Zwar räumte die Bank ein, dass der demnach gewünschte Risikoanteil im Wertpapierdepot durch die empfohlenen Lehman-Papiere überschritten wurde, aber sie verteidigte sich damit, dass die Überschreitung ein „ausdrücklicher Kundenwunsch“ gewesen sei.

Im Prozess stellte sich nun aber heraus, dass das Computersystem der Bank immer dann den Zusatz „ausdrücklicher Kundenwunsch“ automatisch in die Orderdokumente druckte, wenn der Risikoanteil im Wertpapierdepot durch die beabsichtigte Kapitalanlage überschritten wurde. Auf diese Weise konnten die Berater sogar auf Sicherheit bedachten Anlegern risikoreiche Papiere verkaufen, erläutert Anwalt Ehlers.

Das Landgericht Hannover hat dieser Praxis jetzt jedoch einen Riegel vorgeschoben. Der Berater hätte mündlich ausdrücklich auf die Risikoüberschreitung hinweisen müssen, entschieden die Richter. Allerdings ist das Urteil nicht rechtskräftig, die Targobank kann noch Berufung einlegen. Die Citibank gilt als mit Abstand größter Verkäufer von Lehman-Zertifikaten in Deutschland.

Aber auch andere Institute haben fleißig die Papiere verkauft, darunter die Sparkasse Hannover. Ihren Angaben zufolge haben etwa 1000 Kunden die fraglichen Zertifikate im Volumen von 30 Millionen Euro erworben. Allerdings machte die Sparkasse den Geschädigten vor zwei Jahren ein Angebot, das deutschlandweit als besonders großzügig eingeschätzt wurde. Demnach bekamen die Kunden je nach Kauftermin 50 bis 75 Prozent ihres Geldes zurück. Nach Angaben eines Sprechers ist die Lehman-Affäre für die Sparkasse mittlerweile abgeschlossen. Sämtliche Klageverfahren seien auf dem Vergleichsweg erledigt worden. Beim Landgericht Hannover sind derzeit noch rund ein Dutzend Klagen in Sachen Lehman gegen andere Geldhäuser anhängig, teilte ein Gerichtssprecher mit.

Albrecht Scheuermann