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12:13 26.04.2015
Der Bruch zwischen Piëch und Winterkorn erstaunt immer noch.
Der Bruch zwischen Piëch und Winterkorn erstaunt immer noch. Quelle: dpa
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Wolfsburg

Der Mentor wird gestürzt, der Zögling setzt seinen Machtanspruch durch: Mit dem Rückzug Ferdinand Piëchs von der Spitze des Aufsichtsrats tritt Martin Winterkorn endgültig aus dem Schatten des VW-Übervaters. Wie abrupt und wie klar sich die übrigen Kontrolleure des PS-Imperiums nach einem beispiellosen Führungsstreit auf die Seite Winterkorns schlugen, hält die Autowelt in Atem. Winterkorns Sieg im Duell der beiden Auto-Giganten wird aber nicht nur Europas größten Autokonzern verändern.

Das deutliche Votum des Aufsichtsrats-Präsidiums für ihn und der massive Vertrauensverlust für Piëch nach zwei Wochen voller Krisentreffen und Indiskretionen markieren auch einen Einschnitt in der Karriere des 67-Jährigen. Wie muss es sich anfühlen, von einer Wirtschaftslegende wie dem Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche über Jahrzehnte aufgebaut und dann plötzlich fallengelassen zu werden? Und mitzuerleben, wie sich der bisher unanfechtbare Lehrmeister am Ende selbst demontiert?

Nach einem geheimnisumwitterten Treffen des engsten Machtzirkels in Piëchs Heimat Salzburg vor eineinhalb Wochen hatten der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh und auch das Land Niedersachsen - zweitwichtigster Aktionär bei VW - Winterkorn den Rücken gestärkt. Nicht nur ihnen war es ein Rätsel, warum der Patriarch seinem Intimus an der Vorstandsspitze das Vertrauen entzogen hatte - und das auch noch öffentlich. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", hatte Piëch (78) dem "Spiegel" gesagt. Seine genauen Motive blieben unklar. Der "bestmögliche" Vorstandschef - so das Urteil der Aufseher über Winterkorn, gegen das sich Piëch erfolglos zu stemmen versuchte - ist ein Autonarr, die Auftritte des Hobby-Fußballers sind gefürchtet.

Mr. Qualität scheint zu siegen

"Da scheppert nix", stellte Winterkorn 2011 auf der Automesse IAA fest, als er an der Lenkrad-Verstellung des VW-Golf-Konkurrenten von Hyundai rüttelte. Das konnte ihm nicht gefallen: "Warum kann's der?" Die Szene wurde berühmt durch einen Videoclip bei Youtube und sagt einiges aus über Winterkorn. Er ist ein Technik-Freak und ein detailversessener Top-Manager - ein "Mr. Qualität", der jede wichtige Entscheidung selbst treffen will. Ingenieure und Designer geraten regelmäßig ins Schwitzen, wenn der Chef vor dem Start neuer Modelle höchstpersönlich zur Endabnahme vorbeischaut und Änderungen verlangt.

Nur einer im weit verzweigten VW-Reich thronte noch über Winterkorn: der bisherige Chefaufseher Piëch. Doch das Traumduo ist jetzt Geschichte. Bereits nach dem Salzburger Sondertreffen hatte sich die Mehrheit der Kontrolleure für eine Verlängerung von Winterkorns Vertrag über 2016 hinaus ausgesprochen. Nun stand Piëch allein da - eine für ihn wohl unvorstellbare Erfahrung.

Der Bruch zwischen den beiden erstaunt, weil sie bisher Weggefährten mit einer nahezu unverbrüchlichen Beziehung waren. Eigentlich galt es als gesetzt, dass Winterkorn Piëch an der Aufsichtsratsspitze folgt. Ob ihm das nach dessen Abtritt nun gelingt, darf bezweifelt werden. Winterkorn wurde am 24. Mai 1947 in Leonberg bei Stuttgart als Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau geboren. Nach dem Studium der Metallphysik und der Promotion begann seine Laufbahn 1977 zunächst bei Bosch. Eine entscheidende Weichenstellung war vier Jahre später der Wechsel in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt. Früh arbeitete er im Dunstkreis Piëchs, wurde 1988 Leiter der Qualitätssicherung. 2002 wurde Winterkorn Audi-Chef, 2007 schaffte er es an die VW-Spitze. Auch nach seinem Amtsantritt in Wolfsburg war der zweifache Vater erfolgreich, baute den Konzern zu einer Zwölf-Marken-Gruppe aus, fuhr Rekordzahlen ein und ist der mit Abstand bestverdienende Dax-Chef.

Die Branche wird immer schnellebiger

Mit der "Strategie 2018" sorgte Winterkorn für klare Zielvorgaben bei Qualität und Quantität. Spätestens 2018 soll Volkswagen demnach der nach Absatz weltgrößte Autokonzern sein, noch liegt Toyota vorn. Doch die Baustellen im hochkomplexen Konzern häuften sich - und waren wohl Mitauslöser der Piëch-Attacke. Auf dem wachsenden US-Markt kommt Volkswagen nicht in die Spur. Die Kernmarke dümpelt mit einer im Branchenvergleich schwachen Rendite vor sich hin. Winterkorn steuerte gegen - und brachte ein milliardenschweres Sparprogramm auf den Weg. Dazu kommen die Herausforderungen für die ganze Branche: die digitale Vernetzung mit möglichen neuen Größen auf dem Markt wie Google und Apple sowie die alternativen Antriebe. Kurz vor Weihnachten sagte Winterkorn: "In den vergangenen sieben Jahren hat sich unsere Branche stärker und schneller verändert als in allen Jahrzehnten zuvor."

Dass er sich bei aller Machtfülle nicht als beinharter Manager gibt, sondern stets auch um einen direkten Draht in die Belegschaft bemüht ist, dürfte für Winterkorn im Showdown mit Piëch ein wertvolles Plus gewesen sein. Die "Mannschaftsleistung" sei entscheidend, lautet einer seiner zentralen Sätze bei der Vorstellung von Geschäftszahlen - Betriebsratsboss und Mitaufseher Osterloh wird es ihm gedankt haben.

dpa

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