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Deutschland / Welt Mehdorn ließ angeblich sämtliche Mitarbeiter überprüfen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Mehdorn ließ angeblich sämtliche Mitarbeiter überprüfen
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19:34 03.02.2009
Das Ausmaß der Bahn-Datenaffäre ist offenbar noch größer: Vorstandschef Mehdorn ließ angeblich sämtliche Mitarbeiter überprüfen. Quelle: Oliver Lang/ddp
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Übereinstimmenden Medienberichten zufolge ließ der Konzern nicht nur die Daten von 173.000 Beschäftigten, sondern die sämtlicher Mitarbeiter überprüfen. Dabei hatte Mehdorn erst am Dienstag in einem Brief an die Beschäftigten eingeräumt, bei der Korruptionsbekämpfung übereifrig gewesen zu sein und den Kreis der Mitarbeiter zu weit gezogen zu haben. Die von Gewerkschaften geforderte Entschuldigung blieb zudem aus.

Die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Financial Times Deutschland“ (Mittwochausgaben) zitieren übereinstimmend aus dem Brief eines Staatssekretärs im Bundesverkehrsministerium, der auch Mitglied im Aufsichtsrat der Bahn ist, an andere Mitglieder des Kontrollgremiums. Darin soll es um einen Datenabgleich gehen, der das bislang bekannte Ausmaß noch einmal deutlich übersteigt.

Danach habe die Bahn 2005 die Daten sämtlicher Mitarbeiter - damals zählte der Konzern nach eigenen Angaben rund 216.000 Mitarbeiter - abgleichen lassen und damit deutlich mehr als die bislang eingeräumten 173.000. Ein Sprecher der Bahn bestätigte am Dienstag auf ddp-Anfrage, dass Mehdorn das Datenscreening bereits bei der Sitzung des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrates am vergangenen Freitag eingeräumt habe. Zu den konkreten Zahlen wollte der Sprecher sich allerdings nicht äußern.

Die Aufsichtsräte hätten auf das Schreiben von Staatssekretär Achim Großmann „mit Entsetzen“ reagiert, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Aufsichtsratskreise weiter. Man sei „schockiert“. Es sei unbegreiflich, dass der Vorstand nur „scheibchenweise“ mit der Wahrheit über die Datenaffäre herausrücke. Mehdorn stehe nun vor der Ablösung.

Zuvor war Mehdorn von seiner bisherigen Position deutlich abgerückt und hatte Fehler eingeräumt. „Aus heutiger Sicht waren wir hier übereifrig“, schrieb er in einem Brief an seine Mitarbeiter. Er erläuterte, es habe „eine falsch verstandene Gründlichkeit“ gegeben. „Für die grundsätzlich sinnvolle und zulässige Maßnahme zur Korruptionsbekämpfung war es nicht nötig, den Kreis der Mitarbeiter, die in den Datenabgleich einbezogen wurden, so weit zu ziehen“, räumte der Vorstandsvorsitzende weiter ein.

„Auch war es ein Fehler, dass wir das Screening-Verfahren nicht mit den Arbeitnehmervertretern besprochen und klar geregelt haben“, fügte Mehdorn hinzu. In Zukunft wolle er „mit den Beschäftigten verbindliche und transparente Regelungen“ vereinbaren. In dem Schreiben drückte Mehdorn zwar sein Bedauern darüber aus, dass der Eindruck entstanden sein könnte, dass der Vorstand seinen Mitarbeitern misstraue, eine Entschuldigung blieb allerdings aus.

Mehdorn steht wegen seines Vorgehens stark in der Kritik von Politik und Gewerkschaften. Insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hatten die Informationspolitik des Staatskonzerns zuletzt bemängelt und wiederholt Aufklärung gefordert. Die Gewerkschaften hatten eine umfassende Entschuldigung gefordert.

Noch in der vergangenen Woche hatte der Bahn-Chef das Screening-Verfahren verteidigt, da es den internationalen Standards in der Korruptionsbekämpfung entspreche und von Wirtschaftsprüfern und Staatsanwälten ausdrücklich empfohlen werde. Die Bahngewerkschaften Transnet und GDBA begrüßten nun den Brief, beklagten allerdings das Fehlen einer „deutlichen Entschuldigung“.

ddp