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Deutschland / Welt Millionenbetrug bei Apotheken mit Krebsmedikamenten
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Millionenbetrug bei Apotheken mit Krebsmedikamenten
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23:06 15.04.2010
Die Ermittler haben bundesweit viele Apotheken durchsucht, jetzt werden die ersten Anklagen zugestellt. Quelle: dpa
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Wegen des Verdachts auf Abrechnungsbetrug bei Krebsmedikamenten wird bundesweit gegen Apotheker ermittelt. Mehrere Staatsanwaltschaften haben Anklage erhoben oder stehen kurz davor – unter anderem in Braunschweig und Verden. Bis zu 100 Apotheker sollen in den Fall verwickelt sein, jeder fünfte Spezialist für sogenannte Zytostatika. Die AOK Niedersachsen und die Techniker Krankenkasse bezifferten den Schaden auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

Nach Angaben der Kassen sollen die beschuldigten Apotheker bis 2007 über Pharmagroßhändler im Ausland Bestandteile für Zytostatika beschafft haben. Dabei handelt es sich um Fertigarzneimittel, die der Körpergröße und dem Gewicht entsprechend gemäß Arztrezept mit Kochsalzlösung verdünnt werden. Die Medikamente, die das Wachstum der Krebszellen hemmen, seien im Ausland günstiger als in Deutschland, hieß es. Sie sind hier aber nicht zugelassen. „Wir haben keine Anhaltspunkte, dass Präparate ohne Wirksamkeit abgegeben wurden“, sagte ein AOK-Sprecher. Man könne aber auch nicht ausschließen, dass die Mittel schlechter gewesen seien.

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Dem Vernehmen nach stehen hinter dem illegalen Geschäftsmodell ein Pharmahändler aus Schleswig-Holstein und ein Onkologe aus Hamburg. „Die waren gerne zu zweit unterwegs“, sagte der Präsident des Verbandes der zytostatikaherstellenden Apotheker, Peter Eberwein. Sie hätten mit Rabatten von 50 Prozent für Importware geworben und ein Rechtsgutachten präsentiert, das die Praxis guthieß. „Wir haben das immer als illegal angesehen“, sagte Eberwein. „Die 350 in unserem Verband organisierten Apotheker wussten das auch.“

In Braunschweig stießen die Ermittler auf einen Apotheker, der nicht nur die Kassen bei der Abrechnung illegal gekaufter Zytostatika betrogen haben soll. Man habe entdeckt, dass der Beschuldigte an zwei Ärzte zusammen knapp 300 000 Euro gezahlt hatte, sagte ein Behördensprecher. Das Gericht lehnte die Eröffnung eines Verfahrens wegen Bestechung ab. Es sorgte aber mit seinem Beschluss für Aufsehen, dass es grundsätzlich strafbar ist, wenn ein Arzt sich von Apothekern dafür bezahlen lässt, seinen Patienten zur Einlösung ihrer Rezepte spezielle Apotheken zu empfehlen.

Jens Heitmann