Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Mit Klebeband gegen Softwarefehler bei ec und Kreditkarten
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Mit Klebeband gegen Softwarefehler bei ec und Kreditkarten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:47 06.01.2010
Die Panne bei EC- und Kreditkarten trifft Millionen Deutsche.
Die Panne bei EC- und Kreditkarten trifft Millionen Deutsche. Quelle: Zelmer
Anzeige

Eigentlich kommt die Panne zehn Jahre zu spät. Zum Jahrtausendwechsel 2000 warnten Computerexperten auf der ganzen Welt vor dem sogenannten Millennium-Bug. Ihre Horrorszenarien sorgten für regelrechte Panik in den IT-Abteilungen rund um den Globus. Experten befürchteten, dass viele Computerchips den Datumssprung von 1999 zu 2000 nicht verkraften würden. Doch das Chaos blieb aus.

Die Züge fuhren weiterhin leidlich pünktlich ab, die computergesteuerten Stromnetze blieben stabil, die meisten Firmennetzwerke hatten sich vor dem Jahreswechsel gut gewappnet gegen Programmfehler. Auch der Zahlungsverkehr verlief im neuen Jahrtausend weitgehend reibungslos – zumindest die ersten zehn Jahre.

Am Neujahrstag 2010 schlug der Datumsteufel doch noch überraschend zu. Und zwar ausgerechnet bei den sensiblen ec- und Kreditkarten. 30 Millionen Kunden können 2010 plötzlich nicht mehr überall bargeldlos bezahlen, tagelang haben viele nicht einmal Geld am Automaten abheben können. Lediglich veraltete Automaten, die nicht den neuen Chip, sondern noch den unsichereren Magnetstreifen auslesen, funktionieren momentan problemlos.

Der Grund für die Kartenkatastrophe ist inzwischen erkannt: Ein Großteil der kleinen Chips auf den Karten kann die neue Jahreszahl nicht verarbeiten. Kunden stehen seitdem öfter hilflos an den Supermarktkassen und können nicht zahlen, Tankrechnungen bleiben unbeglichen – und wer im Restaurant den Kellner fragt, ob er zahlen kann, muss in diesen Tagen nach Prüfung der Karte mit einem „Nein“ als Antwort rechnen.

Vor allem Sparkassen-Kunden müssen leiden. Der Sparkassen- und Giroverband räumte ein, rund 20 Millionen der rund 45 Millionen ausgegebenen EC-Karten sowie 3,5 von acht Millionen Kreditkarten seien derzeit nur eingeschränkt zu gebrauchen. Definitiv nicht betroffen sind nur Sparkassen-Kunden, deren EC-Karten nach dem 1. Juli ausgegeben wurden. Außerdem treten die Probleme nur auf, wenn man beim Bezahlen die Geheimzahl eingeben muss. Beim Lastschriftverfahren mit Unterschrift wird der defekte Chip nicht gebraucht.

Ob die eigene ec-Karte zu den 2010-untauglichen gehört, hängt vom Hersteller ab. Die Banken lassen bei unterschiedlichen produzieren, betroffen sind nur die des französischen Plastikkartenherstellers Gemalto. Das Problem: Für Normalbürger ist nicht erkennbar, wer die eigene Karte produziert hat – und die Banken sehen sich bisher nicht in der Lage, ihre Kunden darüber zu informieren, ob ihre Karte fehlerhaft ist. Deshalb hilft vorerst nur der Selbstversuch an der Kasse – womöglich mit peinlichen Folgen. Schon berichten Händler in ganz Deutschland von kaufwilligen Kunden, die die Waren verärgert im Laden zurücklassen, weil ihre Karte „nicht lesbar“ ist.

Mehr als zwei Drittel aller Deutschen begleichen mittlerweile Beträge ab 50 Euro mit ihrer ec- oder Kreditkarte. Probleme gebe es derzeit bei etwa einem Fünftel von insgesamt einer Million Zahlungsterminals, berichtet der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth beklagt schon Einnahmeverluste durch das Kartenchaos: „Die Kreditwirtschaft muss schnell dafür sorgen, dass die von ihr angebotenen Systeme wieder zuverlässig funktionieren.“ Der Handel zahle dafür schließlich jährlich Gebühren in dreistelliger Millionenhöhe.

Auch die Politik hat sich inzwischen in das Kartenspiel eingemischt. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) forderte die Geldinstitute auf, Kunden nicht mit zusätzlichen Gebühren zu belasten, wenn sie wegen der defekten Karten Geld am Schalter abheben müssten. Verbraucherschützer beklagen zudem die „desaströse Informationspolitik“.

Immerhin ein Schuldiger steht seit Mittwoch fest: Gemalto hat die Verantwortung für den Softwarefehler übernommen und betreibt nun Schadensbegrenzung. Gemeinsam mit den Banken sucht der Kartenhersteller fieberhaft nach einer Lösung, das Problem mit einem neuen Computerprogramm zu beheben. Andernfalls müssten die Banken womöglich alle 30 Millionen fehlerhaften Karten austauschen. Das würde Experten zufolge bis zu 300 Millionen Euro kosten – und diese Rechnung würden die Banken in Form einer Schadensersatzklage wohl an den Kartenhersteller weiterreichen.

Kurzfristig haben die Sparkassen und Banken mit einer Art Erster Hilfe reagiert. Eine neue Programmversion für die Geldautomaten und Bezahlterminals sorgt bis auf weiteres dafür, dass sie nicht auf den defekten Chip, sondern wie vorher lange üblich auf den Magnetstreifen zugreifen, der hinten auf der Karte ist. Das ist zwar weniger sicher als die neuen Chips, aber immerhin sollen die Geldautomaten zumindest im Inland dadurch wieder funktionieren, wie der Zentrale Kreditausschuss (ZKA) mitteilte. Bei den Kartenlesegeräten in den Geschäften und Restaurants müssen die Kunden voraussichtlich bis Anfang kommender Woche warten, bis wieder verlässlich mit dem Plastik bezahlt werden kann.

Am schlimmsten erwischt hat es die Urlauber. „In weiten Teilen des Auslands“ müssen die Kunden sowohl beim bargeldlosen Zahlen als auch beim Geldabheben vom Automaten mit Problemen rechnen, heißt es vom Sparkassen- und Giroverband. Die Sparkassen bemühen sich darum, in den großen Urlaubsländern Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und Spanien ebenfalls neue, aber unsicherere Konfigurierungen durchzusetzen – bisher allerdings nach Informationen von Verbraucherschützern ohne durchschlagenden Erfolg.

Einige Händler greifen bereits zu Tricks, um die widerspenstige Technik zu überlisten – mit einem Streifen Klebeband. Wenn eine Karte nicht funktioniert, kleben sie kurzerhand den Chip auf der Karte damit ab. Einige Bezahlterminals greifen dann automatisch wieder auf den veralteten Magnetstreifen auf der Karte zurück, der von der Panne nicht betroffen ist. „So haben wir zwar ein paar Euro Kosten für die Klebestreifen, aber keinen Ärger mit den Kunden“, sagt ein Lebensmittelhändler in Frankfurt.

Von Dirk Schmaler