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Deutschland / Welt Mit dem Fernbus durch Deutschland
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21:27 01.01.2013
Foto: Werden immer beliebter: Fernbusse. Grund dafür ist auch die neue Gesetzgebung.
Werden immer beliebter: Fernbusse. Grund dafür ist auch die neue Gesetzgebung. Quelle: dpa
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Berlin

Bis zum Jahreswechsel war dies nicht möglich. Seit 1934 verhinderte das Personenbeförderungsgesetz, dass Busunternehmen der staatlichen Eisenbahn direkte Konkurrenz machten. In jedem Genehmigungsverfahren hatte die Bahn ein Vetorecht. Diesen Einspruch hat sie bei drohendem Wettbewerb auch rege genutzt. So endete damals auch die Ära der Postbusse, die Gepäck und Passagiere quer durch Deutschland beförderten.

Der Schutzzaun für die Schiene hat allerdings zu einem faktischen Doppelmonopol und hohen Fahrpreisen im öffentlichen Fernverkehr geführt. Denn auf der Schiene haben die relativ teuren ICE- und IC-Züge der Deutschen Bahn bis heute kaum Konkurrenz. Und auch bei den bisher bestehenden innerdeutschen Fernbuslinien dominiert der Staatskonzern. Berlin Linien Bus, mit weitem Abstand größter Anbieter, gehört zum DB-Konzern. Die Kooperation fährt mit Ausnahmegenehmigungen auf den früheren DDR-Transitstrecken nach Berlin, betreibt inzwischen 30 nationale sowie 25 internationale Linien und steuert europaweit 350 Ziele an.

Diese beherrschende Stellung wurde am 1. Januar dank einer Gesetzesänderung aufgebrochen. Union und FDP hatten schon im Koalitionsvertrag vereinbart, Busfernlinien zuzulassen und das Personenbeförderungsgesetz zu ändern. Dort ist die Vergabe von Buslizenzen im Nah- und Fernverkehr geregelt. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) brachte seinen Entwurf im Bundestag und Bundesrat aber lange nicht durch. Erst eine Einigung der Verkehrsexperten und Fraktionen von Union, SPD, FDP und Grünen im Parlament sorgte für den Durchbruch.

Bei dem Kompromiss mussten alle Seiten Federn lassen. Union und FDP verzichteten auf noch weiter reichende Liberalisierungspläne und die Grünen auf die geforderte Mautpflicht für die Fernbusse. Die SPD stimmte zu, dass die zeitweise in Verruf geratenen Arbeits- und Sozialbedingungen der Busbranche erst 2017 überprüft werden.

Die Bundesländer, in Sorge um ihren mit viel Steuergeld finanzierten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), lenkten ebenso ein. Zwischen Haltestellen von Fernbussen müssen nun mindestens 50 Kilometer liegen. Außerdem dürfen Bahnhöfe nicht angefahren werden, zwischen denen Züge mit Reisezeiten bis zu einer Stunde verkehren.

Trotz dieser Einschränkungen streben etliche Anbieter auf das Geschäftsgebiet. Die Deutsche Touring GmbH – mit jährlich 1,5 Millionen Passagieren bereits Marktführer im internationalen Linienbusverkehr – will Fahrscheine an Frühbucher ab 5 Euro aufwärts verkaufen, wie Geschäftsführer Frank Zehle erklärt. Die etablierte Firma hat Startvorteile, denn jede Woche bietet sie schon rund 500 Busfahrten von Deutschland ins Ausland an.

Von 80 Startorten kann man mit den Touring-Bussen zu 700 Zielen in 32 Ländern Europas reisen. Künftig dürfen auch deutsche Streckenabschnitte angeboten werden. Diese sogenannte Kabotage war bisher verboten. Ein Liniendienst Hamburg–Wien kann nun zum Beispiel auch Tickets für die Fahrt Hamburg–München verkaufen und in der Bayernmetropole einen Zwischenstopp machen. In Deutschland fährt die Deutsche Touring bereits täglich die Strecke Hamburg–Mannheim über Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt und Heidelberg. Die Tickets kosten ab 9 Euro aufwärts. Die Ausnahme wurde seinerzeit genehmigt, weil kein gleichwertiges Bahnangebot existiert.

Das war schon bisher eine zulässige Lücke im Gesetz, die auch das junge Berliner Unternehmen MeinFernbus.de nutzte. Im Juli 2011 beantragte Geschäftsführer Torben Greve eine Genehmigung für die Strecke Freiburg–Friedrichshafen–München, die der Bus anders als die Bahn in viereinhalb Stunden ohne Umsteigen schaffen kann. Sieben Monate später gaben die Freiburger Behörden grünes Licht, auch weil der Bus für den halben Preis fährt und sogar einige Fahrräder mitgenommen werden können. Inzwischen bietet MeinFernbus.de bundesweit acht Linien an. Das Unternehmen will in diesem Jahr der bekannteste Fernbusanbieter in Deutschland werden.

Ein ehrgeiziges Ziel, denn mit Transportriesen wie National Express drängen auch große ausländische Konzerne auf den deutschen Markt. Die Briten sind auf der Insel Marktführer, verbinden dort 900 Ziele und wollen auch in Deutschland ein Liniennetz zwischen den großen Städten aufbauen. Der hiesige Geschäftsführer Roderick Donker van Heel rechnet mit heftigem Wettbewerb auf den wichtigen Verbindungen.

Der Preiskampf hat schon begonnen. Vor allem der Platzhirsch zeigt Muskeln. Die DB-Tochter Berlin Linien Bus verschleuderte gerade 5000 Tickets für die Strecke Berlin–Hamburg, die seit dem 1. Januar gelten, über eine Internet-Rabattplattform für nur 9 Euro. Das Schnäppchen war schnell ausverkauft.

Kein Geheimnis ist es, dass der Staatskonzern den Fernbusverkehr gerne stark ausbauen würde. Dies kündigte die DB bereits vor zwei Jahren an. Die private Konkurrenz protestierte jedoch heftig. Auch die in Berlin mitregierende FDP machte in der Koalition Druck. Man fürchtete nicht nur, dass der Marktriese jeden Wettbewerb im Keim durch Übernahmen und Dumpingangebote ersticken könnte. Es gab auch die Sorge, dass die Deutsche Bahn künftig immer mehr Busse statt Züge fahren würde – und der Steuerzahler dann noch mehr Geld für wenig ausgelastete Bahnstrecken zahlen muss. Schließlich lenkte der Konzern ein. Der zuständige DB-Vorstand Ulrich Homburg erklärte vor einiger Zeit, man nehme „vorerst Abstand“ von den geplanten millionenschweren Investitionen.

„Auf dem Fernbusmarkt wird es einen heftigen Preiskampf auf den großen Rennstrecken geben, in dem kleinere Anbieter kaum mithalten können“, erwartet Hermann Meyering, Chef eines Familienunternehmens mit 110 Bussen in Lingen. Seine Firma expandiert kräftig im Nahverkehr und als Veranstalter von Busreisen. Im Linienfernverkehr sieht er vorerst kein großes Geschäft: „Da warten wir erst mal ab, wie sich der Markt entwickelt.“

Billiger als mit der Bahn

Was werden die Tickets kosten?

Experten erwarten, dass die Buspreise im Schnitt um mindestens 30 bis 40 Prozent unter denen der Bahn liegen werden. Dafür dauert die Fahrt aber meist länger. Zudem kann es je nach Verkehrslage Verspätungen geben. Manche Anbieter werben mit Tiefstpreisen von 5 oder 9 Euro pro Fahrt. 

Wo gibt es Fahrscheine?

Am schnellsten im Internet direkt bei den Anbietern. Dort kann man Fahrpläne und Tickets online besorgen. Rechtzeitige Planung empfiehlt sich. Die Fahrscheine können ausgedruckt oder zugeschickt, aber auch am Bus hinterlegt werden. Zahlen kann man online mit Kreditkarte. Je nach Anbieter kann man Tickets auch telefonisch bestellen oder im Reisebüro und am Busbahnhof kaufen. Einige Anlaufstellen: Berlin Linien Bus (www.berlinlinienbus.de), Deutsche Touring (www.eurolines.de), MeinFernbus.de, DeinBus.de. Branchenexperten nehmen an, dass der Wettbewerb erst in den nächsten Monaten so richtig beginnt.

Für wen sind Fernbusse geeignet?

Die preisgünstigen Angebote locken besonders junge Leute, darunter viele Studenten. Im besten Fall reist man in modernen Bussen mit erfahrenen und hilfsbereiten Fahrern, Verpflegung an Bord, Klimaanlage, Bordtoilette, komfortablen Sitzen, Steckdosen am Platz und WLAN – also so bequem, dass auch anspruchsvollere Fahrgäste sich wohlfühlen können.

dpa