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Deutschland / Welt Gekippt, aber nicht umgefallen
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Gekippt, aber nicht umgefallen
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22:12 16.01.2014
Von Lars Ruzic
Vieles ist in der Möbelproduktion noch Handarbeit. Kapazitätsabbau bedeutet Jobabbau. Quelle: Moritz Küstner
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Bad Münder

Jochen Hahne hat es aufgegeben, seinen Markt verstehen zu wollen – gerade den heimischen. Die deutsche Wirtschaft hat kein glorreiches Jahr hinter sich, aber auch kein schlechtes. Und trotzdem halten sich die Firmen noch immer mit Anschaffungen für ihre Büros zurück. Ein weiteres Jahr mit nahezu zweistelligen Umsatzrückgängen haben die Büromöbelhersteller bewältigen müssen.

Ob sich das mit dem vorhergesagten Aufschwung 2014 bessern wird, mag der Chef und Inhaber des Bürostuhl-Primus Wilkhahn nicht prognostizieren. „Wir rechnen mit einem Plus von 5 Prozent, hoffen auf 10 Prozent, bereiten uns aber auch auf ein weiteres Minus von 5 Prozent vor“, sagt der 55-Jährige. „Und das wird sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern.“ Zu unberechenbar sei der Markt geworden.

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Mit der Finanzkrise ist der Branche de facto der Boden unter den Füßen weggerissen worden – nicht zuletzt, weil eine ihrer wichtigsten Kundengruppen, die Banken, plötzlich die Sparsamkeit in der Inneneinrichtung entdeckte. Einbrüche von 25 Prozent im Jahr seien an der Tagesordnung gewesen, berichtet Hahne. Im einst wichtigsten Auslandsmarkt Spanien seien die Erlöse auf ein Viertel früherer Jahre gesunken. Zwar konnte Wilkhahn außerhalb Europas zulegen, aber die Rückgänge in Europa waren damit nicht zu kompensieren.

So ist der Konzernumsatz 2013 nochmals um 8 Prozent auf 81 Millionen Euro abgesackt. In besseren Jahren hatte Wilkhahn schon an der 100-Millionen-Marke gekratzt. Zwar schreibe man unterm Strich schwarze Zahlen – doch das deutsche, das Brot-und-Butter-Geschäft sei seit 2009 defizitär. „Anfangs hatten wir gegen den Trend investiert und gehofft, mit Mitteln wie Arbeitszeitverkürzung durchzukommen“, sagt der Unternehmer. „Das geht aber nicht fünf Jahre lang.“

Hinzu kamen hausgemachte Probleme. Wilkhahn verlor über die Auslandsexpansion den wichtigen Heimatmarkt aus dem Fokus. Der 2009 entwickelte, revolutionäre Bürostuhl „On“, mit dem man auch seitwärts kippen kann, ohne den Halt zu verlieren, kam wegen Problemen mit den Zulieferern nur langsam in Fahrt. Im Sommer hat Hahne „den Stecker gezogen“, wie er es nennt. Die Kapazitäten mussten runter, der Konzern sollte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Nur um in der Krise zu überleben, habe man so manchen wenig ertragreichen Auftrag angenommen, berichtet der Unternehmer. Damit sollte Schluss sein.

So musste ausgerechnet der Mann, der den Sozialdemokraten nahesteht und dessen Mitarbeiter seit Jahrzehnten am Unternehmen beteiligt sind, Stellen abbauen. 85 von einst gut 450 Arbeitsplätzen in Bad Münder sind der Restrukturierung zum Opfer gefallen, 45 betriebsbedingte Kündigungen musste Wilkhahn aussprechen. Die Betroffenen sind in eine Transfergesellschaft gewechselt, wo sie für ein Jahr immerhin noch 90 Prozent ihres letzten Entgelts bekommen.

Der Betriebsrat und die IG Metall spielten mit. „Wir haben alle gesehen: Es geht nicht anders“, sagt Betriebsratschef Olaf Stender. Für den Rest der Belegschaft wurde ein Beschäftigungssicherungstarifvertrag abgeschlossen, der unter anderem einen Teilverzicht bei Weihnachts- und Urlaubsgeld vorsieht. Im Gegenzug sprach der Möbelbauer eine Beschäftigungsgarantie aus und sicherte zu, im Arbeitgeberverband zu bleiben. Und sollten vereinbarte Ergebnisziele rechtzeitig erreicht werden, werden die Zulagen nachgezahlt.

Mit seinen Sanierungsplänen steht Wilkhahn nicht allein da. Überall streicht die Branche Jobs und schließt ganze Werke. Bundesweite Schlagzeilen macht das nicht mehr. Die Möbelindustrie ist längst zu einer Nischenbranche geschrumpft, die Fabriken sind nur noch klein. So fällt kaum auf, dass eine einst stolze Industrie immer weiter an Bedeutung verliert.

Auch wenige Kilometer von Wilkhahn entfernt, am Bad Mündener Bahnhof, mussten sie monatelang zittern. Der US-Möbelbauer Haworth hatte das Deutschlandgeschäft zur Disposition gestellt. Am Ende traf die Sanierung das – größere – Werk im westfälischen Ahlen. Der Standort mit seinen 240 Mitarbeitern schließt zum Jahresende. Nur wenige Dutzend der Betroffenen können nach Bad Münder wechseln. Die 180 Beschäftigten am Bahnhof müssen ebenfalls auf Sonderzahlungen verzichten und länger arbeiten. Dafür sind ihre Jobs für zwei Jahre gesichert.

Jochen Hahne sieht sein Unternehmen noch lange nicht da, wo er hin will. Die Prozesse müssten dringend gestrafft werden, Wilkhahn brauche „eine andere Verbindlichkeit“. In der Krise habe sich jede Stelle ihre Beschäftigung gesucht, sei über die Expansion im Ausland der Heimatmarkt vernachlässigt worden. „Wir haben die Großunternehmen in Deutschland aus dem Fokus verloren“, räumt der Unternehmer ein. Deshalb soll auch der Vertrieb auf neue Beine gestellt werden.

16.01.2014
16.01.2014