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Deutschland / Welt Niek Jan van Damme: „Wir müssen schneller werden“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Niek Jan van Damme: „Wir müssen schneller werden“
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20:12 15.10.2010
Niek Jan van Damme ist im März 2009 in den Vorstand der Deutschen Telekom berufen worden. Dort ist der 1961 geborene Niederländer für das Geschäft in Deutschland verantwortlich. Seine Laufbahn begann er nach dem Wirtschaftsstudium bei Procter & Gamble. Nach anderen Stationen kam er 1999 zum Mobilfunkanbieter Ben, der späteren T-Mobile Niederlande. Wegen seiner Geschäftserfolge dort wurde man bald in Bonn auf ihn aufmerksam. Quelle: Rainer Surrey
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Herr van Damme, Sie sind jetzt seit eineinhalb Jahren Deutschland-Chef der Telekom. Haben Sie sich daran gewöhnt, dass in dem Riesenapparat manches anders läuft als bei T-Mobile Niederlande, wo Sie vorher Chef waren?

Es gibt Dinge, die bei der Telekom in Deutschland sehr positiv sind: Die Qualitätskultur im Unternehmen – die sich auch sehr gut in Deutschland verkaufen lässt – die müssen wir auf jeden Fall behalten. Das gleiche gilt für unseren Anspruch, auch wirklich jedes Detail unseres Geschäfts verstehen zu wollen, und dafür zu sorgen, dass wir vorn liegen. Wir müssen hier aber noch etwas schneller werden und noch besser die Kundenbedürfnisse verstehen.

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Wie wollen Sie das erreichen?

Mit einer etwas besser ausbalancierten Führungskultur zwischen Zielorientierung und Lockerheit bekommen wir das hin. Ich sehe es sehr stark als meine Aufgabe an, die Telekom gerade im Umgang mit den Mitarbeitern weniger formell erscheinen zu lassen. Ich stehe für einen offenen Dialog, für Vertrauen, für Flexibilität und für eine Unternehmenskultur, die im positiven Sinne die Potenziale der Mitarbeiter noch besser ausschöpfen kann.

Gerade jetzt haben aber viele Ihrer Mitarbeiter Angst um ihren Arbeitsplatz, weil Sie viele Standorte im IT-Bereich und im Geschäftskundenvertrieb aufgeben wollen.

Ich sage: keine Panik. Wir werden jeden Mitarbeiter unterstützen – und jeder behält seinen Arbeitsplatz. Es werden Änderungen kommen, und die werden sicher nicht für jeden Einzelnen einfach sein. Wir werden darüber natürlich intensiv mit den Betriebsräten sprechen.

Was sagen Sie einem Mitarbeiter, der plötzlich von Flensburg nach Münster umziehen soll?

Ich verstehe, dass es für manche Mitarbeiter schwierig ist, mit längeren Anfahrtswegen zu leben oder umzuziehen. Und wie wir das schon in der Vergangenheit gemacht haben, wird es am Ende für Härtefälle auch Einzelfalllösungen geben. Wir sind ein großer Konzern, vielleicht entscheidet sich der eine oder andere Mitarbeiter auch für eine andere Arbeit bei uns, die dann aber näher an seinem Wohnort liegt. Ich weiß, dass wir die Lösungen finden werden.

Gewerkschaft und Betriebsräte werfen Ihnen vor, einen „Personalabbau durch die Hintertür“ zu betreiben, weil offenkundig sei, dass viele eben nicht ihrem neuen Arbeitsplatz hinterherziehen können. Das gilt besonders für Teilzeitkräfte.

Das weise ich energisch zurück. Wir brauchen die Mitarbeiter und garantieren jedem seinen Arbeitsplatz. Ich habe diese Woche lange mit unserem Sozialpartner diskutiert und viele Details besprochen. Die wenigsten der rund 5000 von den Strukturveränderungen betroffenen Mitarbeiter sind Teilzeitkräfte. Außerdem sind von den Veränderungen größtenteils Büros mit weniger als zehn Mitarbeitern betroffen. Man kann die aktuelle Maßnahmen nicht mit der Zusammenlegung der Callcenter vor zwei Jahren vergleichen. Damals waren die Dimensionen größer. Diesmal reden wir zum Beispiel über IT-Experten, die sehr gut verdienen …

… und möglicherweise auch bei anderen Unternehmen unterkommen könnten?

Wir wollen Sie aber bei uns behalten.

Viele sind enttäuscht von ihrem Arbeitgeber – und fragen sich, wann der nächste Umbau kommt. Oder ist damit jetzt alles erreicht?

Vieles wird von den Innovationen abhängen, die wir auf den Markt bringen. Wir werden dafür zum Beispiel in den nächsten Jahren unsere Netze komplett auf Internettechnik umbauen. Dann lässt sich viel mehr als heute aus der Ferne steuern. Wir müssen dann nicht mehr beim Kunden in der Wohnung Anschlüsse neu einstellen, wenn der Kunde beispielsweise neben Internet und Telefon auch noch Fernsehen von uns haben will.

Das wird für Unruhe im technischen Außendienst sorgen.

Das bedeutet in der Tat, dass weniger Techniker draußen vor Ort sein müssen. Sie können künftig mehr von ihrem Büro aus steuern. Auch wird weniger mit Kupferkabeln zu tun sein, mehr mit Glasfaser. Wir wissen, dass wir dadurch weniger Mitarbeiter im Außendienst brauchen. Aber wir können sie im Innendienst einsetzen, in der Kundenberatung. Das machen wir heute auch schon. Wir sehen auch zu, dass wir neue Aufgaben hereinholen.

Welche zum Beispiel?

Ich glaube, es gibt kein Unternehmen, das in so vielen Wohnungen in Deutschland gewesen ist wie wir. Wir planen deshalb neue Geschäftsfelder. In den nächsten 15 Jahren wollen wir das Geschäft mit elektronischen Stromzählern in Deutschland ausrollen. Oder das Thema Gebäudesicherheit. Wir kennen uns da aus und genießen sehr viel Vertrauen. Mit moderner Elektronik versuchen wir zudem, die Gesundheitskosten im Griff zu behalten. Das wird auch ein neues Geschäftsfeld für uns.

Viele „alte“ Arbeitsplätze fallen da weg?

Es geht dabei vor allem um einen Umbau. Und der hängt auch davon ab, wie schnell wir in den neuen Geschäftsfeldern Wachstum sehen werden. Und wir dürfen dabei nicht vergessen, dass es in fünf oder zehn Jahren viel schwieriger sein wird, neue Mitarbeiter zu finden. Wenn wir da nicht vorsorgen, werden wir dann besonders bei spezialisierten Arbeitskräften ein Problem haben. Stichwort Fachkräftelücke.

Eine Stütze des Konzerns waren in den vergangenen drei Jahren die Exklusivrechte beim Verkauf des iPhones in Deutschland. Die fallen jetzt weg. Was kommt danach?

Wir haben in drei Jahren mehr als 2 Millionen iPhones verkauft, das ist ein großer Erfolg, und wir werden das iPhone auch weiterhin verkaufen. Bei uns bekommt der Kunde aber auch jede Menge Smartphones anderer Hersteller, die etwa mit Android oder dem neuen Betriebssystem Windows Phone 7 laufen, und ab November gibt es ein neues Tarifmodell, das einfacher wird. Einsteiger zahlen nur 4,95 Euro im Monat. Das wird wieder einen Schub bringen.

Wie kommen Sie beim Ausbau des Mobilfunknetzes der nächsten Generation voran? Gerade in Niedersachsen verspricht man sich in den mit Internet unterversorgten Gebieten sehr viel von der LTE-Technik.

Bis Ende dieses Jahres werden wir rund 500 LTE-Standorte aufgebaut haben, davon 70 in Niedersachsen. Im nächsten Jahr sollen noch einmal bundesweit 1000 Standorte mit LTE ausgerüstet werden. Aber diese Zahlen sagen noch nicht so viel aus.

Warum?

Die Endgeräte sind noch nicht da. Im Weihnachtsgeschäft werden wir jedenfalls noch nichts verkaufen. Wir rechnen damit, dass die ersten Surfsticks für Laptops Ende des ersten Quartals 2011 zur Verfügung stehen.

Und Handys?

Da müssen Sie sich noch ein wenig länger gedulden.

Interview: Helmuth Klausing