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Deutschland / Welt Noch Jugendherberge oder schon Hotel?
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15:57 09.04.2015
Fantastischer Blick auf die Landungsbrücken und das rege Treiben im Hafen: Speisesaal mit Panoramafenster in der Hamburger Jugendherberge am Stintfang.
Fantastischer Blick auf die Landungsbrücken und das rege Treiben im Hafen: Speisesaal mit Panoramafenster in der Hamburger Jugendherberge am Stintfang. Quelle: dpa
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Hamburg

Die Lage könnte nicht besser sein: Wenn Besucher der Jugendherberge am Stintfang in Hamburg durch das riesige Panoramafenster im Speisesaal schauen, blicken sie direkt auf die Landungsbrücken, wo die Elbfähren und die Barkassen für die Rundfahrten an- und ablegen. Dahinter erstreckt sich der Hamburger Hafen mit seinen Containerschiffen oder historischen Seglern. Der Standort der Jugendherberge ist für die meisten Gäste Grund genug, hier einzuchecken. Für einen Preis von knapp 64 Euro pro Doppelzimmer gibt es eine solche Unterkunft kein zweites Mal in Hamburg.

Deshalb kommen auch längst nicht mehr nur Schulklassen in die Jugendherberge. Für Alleinreisende und Paare gibt es Doppel- und Einzelzimmer mit eigenem Bad. Über einen elektronischen Türöffner haben die Gäste rund um die Uhr Zugang zur Herberge. Eine Ausgangssperre gibt es längst nicht mehr. Morgens erwartet die Gäste ein Frühstücksbüffet, wer möchte, kann auch ein Abendessen dazubuchen. Kaum etwas unterscheidet die Herberge noch von einem Hotel.
Genau das kritisiert Oliver Winter, Gründer und Leiter der Hotel- und Hostelkette A&O. „In Großstädten gibt es mittlerweile ein so großes Angebot an günstigen Unterkünften – warum wird die eine staatlich gefördert und andere werden es nicht?“, fragt er.

Winter spricht von Wettbewerbsver­zerrung und hat deshalb vor der Europäischen Kommission in Brüssel Beschwerde eingelegt. Die richtet sich nicht gegen das Jugendherbergswerk, sondern gegen die Bundesrepublik Deutschland, die den gemeinnützigen Verband jedes Jahr mit 2  bis 3 Millionen Euro für Um- und Neubauten unterstützt. Außerdem zahlen Jugendherbergen oft wesentlich weniger Miete als ortsüblich. Denn Vermieter ist auch hier meist die öffentliche Hand.

Zweck der Jugendherbergen ist, jungen Menschen eine preisgünstige Unterkunft bereitzustellen, und dafür werden ihnen bestimmte Privilegien zugestanden. Seit dem Boom der Hostels in den Neunzigerjahren sei das aber nicht mehr nötig, sagt Hotelbetreiber Winter. Er ist der Meinung, der moderne Hotelmarkt halte genug günstige Unterkünfte für junge Reisende bereit.

Der Geschäftsführer des Jugendherbergswerks, Bernd Dohn, bezweifelt das: „Wir haben Jugendherbergen an 500 Standorten in Deutschland. 80 Prozent von ihnen sind in der Fläche – da, wo es sich für private Hostelbetreiber nicht lohnt, zu investieren“, sagt Dohn. Sich aus den Großstädten zurückzuziehen sei keine Option: „Die gut laufenden Häuser in den Großstädten ermöglichen den Betrieb der Jugendherbergen in abgelegeneren Gebieten, zum Beispiel in der Eifel. Diese Quersubventionierung ist nötig.“

Dohn verweist außerdem auf den pädagogischen Auftrag der Jugendherbergen. „Wir bieten zum Beispiel ein Programm an, das sich klimaneutrale Klassenfahrt nennt. Dabei lernen Schüler, wie viel CO2 sie in einer Woche sparen können.“ Angebote dieser Art gebe es in Hostels nicht.

Im Wettbewerbskommissariat der Europäischen Union geht man nun der Frage nach, ob die staatlichen Beihilfen rechtmäßig sind. In einer ersten Entscheidung hat die Kommission zumindest die Gemeinnützigkeit der Jugendherbergen anerkannt – die ihnen eine Steuerbefreiung zusichert. Der Status der Gemeinnützigkeit stütze sich auf ein Gesetz aus dem Jahr 1927 – und falle damit nicht unter die EU-Gründungsverträge von 1957. Voraussichtlich im Sommer wird die EU-Kommission nun über die Zulässigkeit von staatlichen Beihilfen urteilen.

Übernachtung nur als Mitglied

Kostengünstig reisen: Das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) ist ein gemeinnütziger Verband, der vor mehr als 100 Jahren gegründet wurde. Von Anfang an war das Ziel, jungen Menschen das Reisen zu ermöglichen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Geldbeutel.

Wer in einer Jugendherberge übernachten möchte, muss grundsätzlich Mitglied sein. Eine solche Mitgliedschaft kostet bis zum 26. Lebensjahr 7 Euro jährlich, Mitglieder ab 27 Jahren und Familien zahlen pauschal 22,50 Euro. Beim Familientarif bekommen neben dem Mitglied auch der Lebenspartner und Kinder bis zum 26. Lebensjahr eigene Mitgliedskarten – die Familienmitglieder können also auch unabhängig voneinander reisen.

Das Jugendherbergswerk hatte 2014 deutschlandweit rund 2,4 Millionen Mitglieder – das waren 2 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Damit wurde ein neuer Höchststand erreicht. Vor allem Familien sorgten nach Angaben von Bernd Dohn, Geschäftsführer des Jugendherbergswerks, für Zuwächse.

Bundesweit gibt es 507 Jugendherbergen. Im vergangenen Jahr zählten die Herbergen zusammengenommen 10 Millionen Übernachtungen.

Anne Grüneberg

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