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Deutschland / Welt Norden lahm gelegt: Züge standen für drei Stunden still
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Norden lahm gelegt: Züge standen für drei Stunden still
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14:26 25.02.2011
Lokführer David Conrad-Fürstenberg schaut am Freitag auf dem Hauptbahnhof in Hannover aus dem Führerhaus des ICE 888 nach Hamburg, den er während des Warnstreiks der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) gestoppt hat. Quelle: dpa
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Ein Großteil der Berufspendler und Schüler kamen noch an ihr Ziel, dann standen die meisten Züge für drei Stunden still: Ein erneuter bundesweiter Warnstreik der Lokomotivführer hat am Freitagvormittag den Bahnverkehr auch im Norden weitgehend lahmgelegt. Sowohl Fernzüge als auch der Regionalverkehr und S-Bahnen waren von dem Streik zwischen 8.30 bis 11.30 Uhr betroffen, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Stillstand gab es auch bei Privatbahnen wie dem Metronom und im Güterverkehr. Es werde bis zum Abend dauern, bis die Züge wieder einigermaßen nach Plan fahren, sagte der Bahnsprecher.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will mit den Aktionen ein besseres Angebot der Arbeitgeber erzwingen und einen flächendeckend einheitlichen Tarifvertrag durchsetzen. Dabei sollen die Löhne der Lokführer bei den Privatbahnen denen der Deutschen Bahn angeglichen werden. Bereits am Dienstag hatte ein Warnstreik den Norden und den Rest von Deutschland getroffen.

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Es gehe bei den Arbeitsniederlegungen nicht darum, die Kunden zu schädigen, sagte der Bezirksvorsitzende der GDL-Nord, Lutz Schreiber, der Nachrichtenagentur dpa. Deshalb sei der Streik erst für 8.30 Uhr angesetzt, um nicht wieder die Pendler zu treffen, die schon unter dem Streik vom vergangenen Dienstag zu leiden hatten. „Wir müssen nicht immer die gleiche Gruppe bestreiken. Wir wollen die Bahn treffen, nicht die Kunden. Wir sind keine eiskalten Engel“, sagte Schreiber.

Um pünktlich ihr Ziel zu erreichen, hatten viele Reisende in der Region Hannover bereits am Morgen die Bahn gemieden und waren mit dem Pkw unterwegs. Dennoch strandeten Tausende an den Bahnhöfen, wo sich bei vielen Unmut über mangelnde Informationen aufstaute. Etliche Züge unterbrachen ihre Fahrt gegen 8.30 Uhr auch einfach an einem Unterwegsbahnhof, wo die Fahrgäste dann selber sehen mussten, wie sie weiterkamen. Ein Schwerpunkt des Streiks war Hamburg. Auch in Hannover war "fast jeder Zug" betroffen, wie eine Bahnsprecherin sagte.

Betroffen war auch der Güterverkehr. Dort war der deutschlandweit größte Rangierbahnhof in Maschen bei Hamburg ein Schwerpunkt der Streikaktionen.

Gestrandete Fahrgäste schimpfen auf die Bahn

So hat sich Rentnerin Anna Staufenbiel (77) aus Wietze im Kreis Celle ihre Shoppingtour nach Hannover nicht vorgestellt: Kurz vor 8.30 Uhr strandet sie an diesem frostigen Februarmorgen im kleinen Örtchen Wedemark-Bissendorf rund 20 Kilometer nördlich von Hannover. Die grauhaarige alte Dame ist eine von mindestens hundert anderen Reisenden in der S4 - und soeben hat der Lokführer mitgeteilt, dass er in Warnstreik geht und die Fahrt nun nicht mehr fortsetzen wird. Anna Staufenbiel hat zwar ein Handy von ihrer Tochter bekommen, aber das funktioniert nicht - und nun?

„Weitere Informationen bekommen sie an den Infosäulen“, gibt der Lokführer noch über Lautsprecher durch, bevor er für die nächsten drei Stunden seine Arbeit einstellt. Die Fahrgäste murren, steigen aus, einige morsen über die blau-rote Sprechstelle im Bahnhof eine DB-Mitarbeiterin in irgendeiner entfernten Zentrale an. Doch die kann den Gestrandeten nicht wirklich weiterhelfen. Taxis sind an diesem kleinen Provinzbahnhof weit und breit nicht in Sicht. „So ein Mist“, schimpft ein Aktentaschenträger in sein Handy.

Anna Staufenbiel blickt sich unsicher um, doch dann hat sie Glück: Sie kann zusammen mit zwei weiteren gestrandeten Frauen bei einer Pendlerin ins Auto steigen, die schon damit gerechnet hat, dass ihre S-Bahn an diesem Morgen wohl ausfallen wird.

Auch Sozialpädagogin Melanie Zyranek aus Schwarmstedt (Kreis Soltau-Fallingbostel) ist dabei. Sie hat einen wichtigen Termin in Hannover und ist besonders sauer darüber, dass im Internet vorher so wenig konkrete Informationen bei der Bahn zu finden waren. „Ich habe wirklich versucht, rauszubekommen, ob mein Zug fährt“, sagt sie. Für Promotion-Frau Olga Schiffmann war ihre Fahrt in der S-Bahn schon nach zwei Minuten zu Ende. „Ich bin eine Station vorher eingestiegen. Wieso lassen die mich überhaupt einsteigen und sagen vorher gar nichts durch? Und wieso müssen die bei so kaltem Wetter streiken?“, schimpft sie.

Nein, Verständnis für die Warnstreiks der Lokführer hat keine der drei Frauen, die an diesem Morgen mit einer Wildfremden dann doch noch mit leichter Verspätung über die Landstraße nach Hannover kommen. Die Aktion trifft die Falschen, findet die Fahrgemeinschaft. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) will damit erzwingen, dass die Arbeitgeber bei den Tarifverhandlungen ein besseres Angebot für mehr Geld vorlegen. Und GDL-Chef Claus Weselsky verteidigt die Aktion auch damit, dass der Streik angekündigt worden sei und sich die Kunden darauf hätten einstellen können.

Die meisten Berufspendler in Niedersachsen mieden denn am Freitagmorgen wohl auch die Bahn. In der Eingangshalle im Hauptbahnhof Hannover wurde Kaffee ausgeschenkt, an den Infoschaltern standen Ratlose in langen Schlangen. Sogar Schüler freuten sich an diesem Freitag nicht darüber, zu spät in den Unterricht zu kommen. Sie säße lieber im Klassenzimmer als in der Kälte zu stehen, berichtet eine 19-Jährige. Und ein junger Mann an Gleis 2 ist sogar verzweifelt: Der 19-Jährige muss zu einem Vorstellungsgespräch nach Barsinghausen gut 25 Kilometer entfernt. „In einer anderen Situation hätte ich sogar Verständnis für die Streikenden“, sagt er.

Das Ehepaar Kammradt hat es von Bremerhaven bis nach Bremen geschafft, dann war erst einmal Endstation. Wann es nach München weitergeht, wissen die beide nicht. „Wir hätten nicht gedacht, dass es so schlimm kommt“, sagt Karin Kammradt und eilt noch einmal los, um nach neuen Informationen zu fragen. Ihr Mann Peter ist froh, dass die beiden nicht zu einer bestimmten Uhrzeit da sein müssen. „Wer einen Flieger bekommen muss, der ist arm dran“, meint er. Er ist einer der wenigen, der die Gründe für den Streik zum Teil nachvollziehen kann: „Ein bisschen Verständnis haben wir schon.“

dpa

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