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Deutschland / Welt Ökobauer verkauft Anteile seiner Rinderherde an Aktionäre
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Ökobauer verkauft Anteile seiner Rinderherde an Aktionäre
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08:27 22.04.2013
Von Margit Kautenburger
Landwirt Mathias von Mirbach verkauft Anteile seiner Rinderherde an Aktionäre. Diese erhalten eine Verzinsung von 2,5 Prozent jährlich. Quelle: dpa
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Kattendorf

Immobilien, Gold, Staatsanleihen – wer noch was hat, der sucht in Zeiten der Finanzkrise nach sicheren Geldanlagen. Ein Biolandwirt aus Schleswig-Holstein hat in Sachen Finanzierung ein ganz eigenes Konzept entwickelt: Er verkauft Kuhaktien – und finanziert damit seinen Hof.
Ein Ökobauer, der seine Tiere zum Objekt von Spekulanten macht? Nein, nein, versichert Mathias von Mirbach rasch. Es gehe ihm nicht um den Einstieg ins große Geldgeschäft. Die Kuhaktie sieht der 53-Jährige vielmehr als eine Möglichkeit, kleinen landwirtschaftlichen Betrieben das Überleben zu sichern – jenseits des verhängnisvollen Prinzips von Wachsen oder Weichen. Im Grunde, erklärt von Mirbach, handele es sich auch gar nicht um eine Aktie, sondern um einen Genussschein. „Wir wollen nicht Geldwert, sondern Lebensmittel verzinsen“, erklärt er. „Und das Schöne für die Käufer ist: Sie haben die Möglichkeit, ihre Verzinsung aufzuessen.“

Tatsächlich hat die Kuhaktie mit richtigen Aktien wenig zu tun. Sie steigt und fällt nicht im Wert, und die Käufer sind auch keine Spekulanten, sondern Menschen, die ihr Geld nicht anonymen Banken überlassen wollen.
Die Idee kam von Mirbach in einer Notsituation. Er wollte die Kühe eines Freundes kaufen und musste quasi über Nacht knapp 20 000 Euro auftreiben. Bei seiner Hausbank um einen Kredit zu betteln, hielt er für aussichtslos. Sein Hof ist gepachtet, Rücklagen hat er nicht aufzuweisen. So musste eine andere Lösung her.

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Der gesellschaftspolitisch interessierte Landwirt brütete schon seit Jahren über alternativen Finanzierungsmöglichkeiten für kleine Biobetriebe. „Auf meinem früheren Hof hatte ich bereits ein ähnliches Modell erprobt“, erzählt er. Allerdings verkaufte er damals pro Kuh eine Aktie. Gefühlt wurde der Aktionär im null Komma nichts zum Eigentümer: „Das hatte den Nachteil, dass die Stadtmenschen eine sentimentale Bindung zu dem Tier entwickelten.“ In der Landwirtschaft aber sei das schwierig – und deshalb verkauft von Mirbach nur noch Anteile an der ganzen Herde. 
Eine Kuhaktie vom Kattendorfer Hof kostet 500 Euro, eine Kalbaktie gibt es schon für 100 Euro. Der Käufer muss den Anteilsschein mindestens drei Jahre halten. Die Verzinsung beträgt jährlich 2,5 Prozent der Investitionssumme in bar. Beziehen die „Aktionäre“ den Zinsgewinn in Naturalien, bekommen sie sogar fünf Prozent. „Da kann kein Hedgefonds mithalten“, scherzt von Mirbach.

Die Anteilseigner erhalten Gutscheine für das gesamte Sortiment des Hofes – und das reicht von Milch über Käse, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln bis hin zu Backwaren. „Wir kaufen eh gerne im Hofladen des Kattendorfer Hofes, von daher fanden wir die Idee, die Zinsen als Lebensmittel ausgezahlt zu bekommen, großartig“, erzählt ein Aktionär, der insgesamt 20.000 Euro in die Kuhaktien investiert hat, seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, weil er lästige Werbeanrufe fürchtet. „Wir hatten das Gefühl, dass das Geld in guten Händen ist, besser als bei einer Bank, die nur nach Gewinnmaximierung trachtet. Mit den Kuhaktien kriegt das Geld Leben.“ Die Rendite von 1000 Euro jährlich konnte sich der Aktionär ganz einfach vom benachbarten Hofladen abholen.
Inzwischen hat er seine Anteile zwar wieder verkauft, „weil wir bauen wollten“, doch auch das klappte reibungslos. „Eigentlich hätten wir ein Jahr Kündigungsfrist gehabt, aber der Hof hat auf seiner Website neue Interessenten gesucht, und innerhalb von zwei Wochen waren wir unsere Aktien wieder los.“

Die Nachfrage überrasche ihn selbst, gesteht von Mirbach. Er hat inzwischen Anteilsscheine im Wert von 140.000 Euro verkauft, zumeist an langjährige Kunden, die von Mirbachs Produkte schätzen und den Hof unterstützen wollen. Viele kommen aus dem nahen Hamburg. In manchem Szenestadtteil hat der Betrieb mit seinen Demeter-Produkten eine große Fangemeinde. Viele Kunden kommen inzwischen regelmäßig zum Kattendorfer Hof und schauen, wie es ihrer Geldanlage geht.
Unter den Städtern hat auch eine weitere Geschäftsidee von Mirbachs eingeschlagen: die Hof-Flatrate. Die Kunden zahlen jeden Monat einen Festbetrag von 175 Euro und können sich dafür eine bestimmte Menge an Wurst, Fleisch, Milch, Käse oder Eiern liefern lassen. Der Transporter mit den Lebensmitteln kommt einmal pro Woche. Inzwischen haben sich viele Kunden zu Wirtschaftsgemeinschaften (Food-Coops) zusammengeschlossen und gemeinsam Abholstellen in der Stadt gemietet. Diese Gemeinschaften sind inzwischen eine zweite wichtige Stütze des Hofes.

Für Bauer von Mirbach tun sich so ganz neue Perspektiven auf. Die Bindung zum Hof werde enger, was nichts anderes bedeutet, als dass er mehr verkaufen kann. „Und die Direktvermarktung kommt in Fahrt“, sagt er und hofft, von Wochenmärkten bald unabhängig zu sein. Von Mirbach versucht, seine Produktpalette an wechselnde Kundenwünschen anzupassen, das Angebot verbreitert sich so ständig. So kann sich der 150-Hektar-Betrieb dem allgemeinen Trend zur Rationalisierung und Spezialisierung entgegenstemmen.
Allerdings: Mann muss es sich auch leisten können und wollen, Kunde so eines „Musterhofes“ zu sein. Ein Liter Milch kostet 1,25 Euro, dem Bauern bringt das etwa 0,60 Cent – davon können konventionelle Milchbetriebe nur träumen. Der Ökobauer glaubt, dass seine Kunden gern bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Das Ganze sei eine Win-win-Situation: „Die Verbraucher bekommen hochwertige Lebensmittel aus der Region, und der Hof kann besser planen und investieren.“

Von Mirbach hat mit dem Geld der Aktionäre die Kühe seines Freundes gekauft, und überdies einen neuen Stall und Gatter gebaut. Mehr Aktien will er nicht verkaufen. Seine Rinderhaltung sei nun dauerhaft finanziert. „Es ist schon ein unglaublich gutes Gefühl, das Geld von so vielen Menschen in den Händen zu halten, die einfach sagen: Jetzt mach was draus“, sagt er.

Dass sich inzwischen auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) für seine Kuhaktie interessiert, hätte sich der findige Landwirt indes nicht träumen lassen. Die Finanzaufseher wittern Illegales und verlangen eine offizielle Anmeldung. Auch müsse er einen Prospekt herausgeben. „Die haben leider wenig Humor“, sagt von Mirbach, „und die leise Ironie des Begriffes Kuhaktie wohl nicht verstanden.“

Der Genussschein – Ein Anlegertrend

Es ist ein Investmenttrend, der in ganz Europa und den USA zu beobachten ist: Anleger kaufen Genussscheine für reale Sachwerte anstatt anonymer Finanzprodukte. In Spanien investieren sie beispielsweise in Rebstöcke, in Deutschland in Kühe, Kälber oder Eier,  aus der Schweiz kommen Kuh- und Wollschweinaktien und aus Österreich Aktien am Schaf. Die alternative Anlageform kommt dabei ohne Börse und Vermittler aus, ist frei übertragbar und vererbbar und braucht kein Prospekt, also keine schriftlichen Informationen über Art, Gegenstand und Risiken des Wertpapiers. Laut Gesetz sind Genussscheine bis zu einem Gesamtverkaufspreis von 100.000 Euro innerhalb von zwölf Monaten von der Prospektpflicht ausgenommen. Es handelt sich bei der Kuh-Aktie also nicht um ein Wertpapier nach dem Aktienrecht, sondern um einen Genussschein mit unbefristeter Laufzeit und Kündigungsrecht.