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Deutschland / Welt Osterloh: „Kurzarbeit wird nicht nötig sein“
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Osterloh: „Kurzarbeit wird nicht nötig sein“
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22:33 20.05.2010
VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh Quelle: Kunzfeld
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VW ist mit seinen Prognosen für dieses Jahr immer noch sehr vorsichtig. Ist die Beschäftigung der deutschen Werke gesichert, Herr Osterloh?
Ja, wir sehen bei allen Marken einen Trend nach oben. Der Polo als wichtigste Neuheit der vergangenen Monate verkauft sich sehr gut, da sehe ich in diesem Jahr überhaupt kein Problem. Der Golf ist auch bis in den Herbst hinein gesichert, beim Tiguan stocken wir gerade die Produktion auf, der neue Touareg verkauft sich über Plan.

Allgemein wird aber mit einer Abschwächung gerechnet.
Natürlich ist die Lage immer noch angespannt, aber sehen Sie sich unsere Marktanteile an! In den für uns wichtigen Märkten haben wir überproportionale Steigerungen.

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Im vergangenen Jahr fuhr VW Kurzarbeit. Ist das vorbei?
Kurzarbeit wird in diesem Jahr an keinem deutschen Standort mehr nötig sein. Das jedenfalls ist derzeit unsere Sicht.

Auch nicht in Hannover?
Auch hier wird das nicht diskutiert.

Sie haben vor einiger Zeit die Führung von VW Nutzfahrzeuge kritisiert, weil sie strategisch zu wenig voranbringe. Hat sich das geändert?
Mit Herrn Schreiber haben wir jetzt einen neuen Mann an der Spitze. Was er bewegen kann, hängt natürlich auch davon ab, wie die Strategie des Konzerns insgesamt aussehen wird. Der Transportermarkt ist im Moment schwieriger als das Pkw-Geschäft, und die entscheidende Frage für uns ist: Wie kann man Beschäftigung absichern? Das geht über den Bau eines zusätzlichen Autos, es wäre aber auch zusätzliche Modulfertigung denkbar. Im Effekt macht das keinen Unterschied. Wir haben eine Beschäftigungsgarantie bis 2014, und die wird der Konzern einlösen.

VW baut überall in der Welt Fabriken. Muss das nicht irgendwann zu Lasten der europäischen Standorte gehen?
Wir achten schon darauf, dass es nicht so kommt. Nehmen Sie beispielsweise China: Unsere Sorge ist doch nicht, dass Autos von dort nach Europa kommen könnten. Wir haben das Problem, dass wir die chinesische Nachfrage gar nicht ohne neue Werke bedienen können. Gebaut wird dort, wo es wegen wachsender Nachfrage nötig ist. Im Übrigen: Aufgrund von Zollschranken und Währungsparitäten können wir bestimmte Märkte aus Europa gar nicht beliefern.

In Europa stagniert der Markt, gleichzeitig will VW jedes Jahr um 10 Prozent produktiver werden. Dann werden doch weniger Mitarbeiter gebraucht.
Das ist beherrschbar. Denn zu unserer Wachstumsstrategie gehört auch das Volumenwachstum in etablierten Märkten. Außerdem arbeiten wir weiter an der Erschließung neuer Geschäftsfelder. Die Blockheizkraftwerke, die in Salzgitter gebaut werden, sind nur der erste Schritt. Und die Komponentenbereiche bieten noch viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Das hat sich sehr gut entwickelt – vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Ex-VW-Vorstand sich vor einigen Jahren noch davon trennen wollte.

In den nächsten Jahren wird der modulare Querbaukasten eingeführt, der die Produktivität drastisch steigern soll. Fürchten Sie um die Arbeitsplätze?
Wir müssen die Produktivität steigern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das trägt der Betriebsrat nicht nur mit, wir fordern es oft genug. Denn sonst werden wir in jedem Fall Arbeitsplätze verlieren. Außerdem bietet der neue Baukasten für Modelle mit Quermotor auch Chancen für die Beschäftigung. Wir werden nämlich Produktion flexibler gestalten können. Wenn ein Werk zum Beispiel für den Quermotor eingerichtet ist, kann es dann mehr unterschiedliche Modelle bauen als vorher.

Das klingt eher nach mehr Verteilungskämpfen auch unter den jeweiligen Betriebsräten.
Wir haben unsere internationalen Gremien deshalb, weil wir dort die solidarische Verteilung der Produktionsvolumen auf die Standorte diskutieren. Natürlich ist das nicht immer leicht. Aber wir alle haben als Arbeitnehmervertreter das Ziel, Arbeit zu sichern. Deshalb sind wir da auch erfolgreich. Nehmen Sie die Diskussion um das Werk Brüssel. Dort stand die Schließung bevor. Wir haben dafür gesorgt, dass die Kollegen zunächst den Polo-Auftrag zur Überbrückung bekamen und jetzt den Audi A1 bauen. Das ging im Übrigen nur gemeinsam mit Dr. Piëch und Dr. Winterkorn, die sich dadurch auszeichnen, dass sie auch immer die Beschäftigung im Auge behalten.

Wie rauft man sich da auf der Arbeitnehmerseite zusammen?
Volkswagen hat jetzt seit 20 Jahren einen Europäischen Konzernbetriebsrat. Wir waren damit die Ersten in der Automobilindustrie. Der Vertrag wurde damals im Europäischen Parlament unterschrieben – deutlich vor Inkrafttreten der Richtlinie für Europäische Betriebsräte. Dieses Instrument hat sich sehr bewährt, gleich in der schwierigen Phase Anfang der neunziger Jahre.

Interview: Stefan Winter und Lars Ruzic