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Deutschland / Welt Pharma-Milliardär Merckle begeht Selbstmord
Nachrichten Wirtschaft Deutschland / Welt Pharma-Milliardär Merckle begeht Selbstmord
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19:35 06.01.2009
Der Pharma-Milliardär Adolf Merckle hat wegen seiner schweren Verluste in der Finanzkrise Selbstmord begangen.
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Nach Polizeiangaben hatte sich Merckle offenbar am Montagabend in der Nähe seines Wohnorts Blaubeuren in der Nähe von Ulm vor einen Zug geworfen.

Adolf Merckle habe für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet, hieß es in der Erklärung der Familie. „Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet.“

Laut Polizei fand ein Bahn-Mitarbeiter am Montagabend in Merckles Heimatort Blaubeuren die Leiche des Unternehmers im Gleisbereich. Die Familie meldete Merckle am Abend vermisst. Er sei am Nachmittag aus dem Haus gegangen und nicht mehr zurückgekehrt, teilte die Polizei mit. Eine DNA-Analyse solle die Identität des Toten im Laufe der Woche hundertprozentig sicherstellen.

Zum Firmenimperium von Merckle, eines der reichsten Deutschen und unter den hundert reichsten Menschen der Welt, gehören der Medikamentenhersteller Ratiopharm und der Pharmahändler Phoenix. Merckle war außerdem Mehrheitseigner des Zementherstellers Heidelberg-Cement. Daneben produzieren seine Firmen, die unter dem Dach der Familienholding VEM gebündelt sind, zahlreiche andere Produkte, unter anderem Elektromotoren, Werkzeuge oder Pistenraupen.
Merckle war in Bedrängnis geraten, weil einige seiner Firmen hoch verschuldet sind und im Zuge der Finanzkrise drastisch an Wert verloren hatten. Außerdem hatte er sich mit VW-Aktien verspekuliert und damit Medienberichten zufolge bis zu einer Milliarde Euro verloren. Kurz nach Weihnachten hatte seine VEM-Holding bestätigt, vorerst eine Lösung zur Rettung der Firmengruppe gefunden zu haben. Jedoch hatten sich die Anzeichen dafür verdichtet, dass jede dauerhafte Lösung einen Verkauf von Teilen der Firmengruppe bedeutet hätte.

Der Unternehmer, dessen Vermögen vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf mehr als neun Milliarden Euro geschätzt wird, lebte zeitlebens im Verborgenen. Der 1934 in Dresden geborene Vater von vier Kindern begann mit einer kleinen Pharmafirma mit 80 Angestellten, die er in den 60er Jahren von seinem Vater geerbt hatte. Heute zählt das Firmenimperium mehr als 100.000 Mitarbeiter.

Merckle, der in der schwäbischen 12.000-Einwohner-Stadt Blaubeuren lebte, galt als Prototyp des bescheidenen und fleißigen deutschen Familienunternehmers. Umso mehr war die Öffentlichkeit überrascht darüber, dass Merckle sich mit riskanten Wetten auf die Volkswagen-Aktie verspekuliert hatte - Geschäfte, die eher mit spekulativen Hedgefonds in Verbindung gebracht werden.

In einem seiner wenigen Interviews hatte sich Merckle Anfang Dezember in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die zögerliche Kreditvergabe der Banken für seine Probleme verantwortlich gemacht. Es sei „problematisch, dass man trotz Sicherheiten keine Kredite mehr bekommen kann“, sagte er. Er als Unternehmer sei immer gewisse Risiken eingegangen und habe schon viele so genannte Börsencrashs überstanden. „Mit einer Banken- und Finanzkrise in diesem Ausmaß konnte ich jedoch nicht rechnen“, sagte Merckle in dem Interview.

afp